weather-image
15°

Wenn der Bürgermeister wegen des Freibiers gewählt wird

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Eher zahm gab sich Bruder Andreas bei seiner Starkbierrede in Unterwössen. (Foto: Flug)

Unterwössen. Einen unterhaltsamen Abend mit schöner Musik und einem Einakter, der der Starkbierpredigt den Rang ablief, brachte das sehr gut besuchte Starkbierfest des Unterwössner Trachtenvereins »D' Achentaler«. Die Weitalmer Musik spielte fleißig auf. Der Starkbieranstich von Bürgermeister Hans Haslreiter gelang im Gegensatz zum Vorjahr perfekt.


Den ersten Höhepunkt setzte der Einakter des Wössner Bauerntheaters. Das Wahlergebnis des neuen Bürgermeisters (Wolfgang Färbinger) täuscht seine Familien nicht darüber hinweg, dass es mit viel Freibier erkauft, die Zahl seiner Feinde im Ort beachtlich geblieben ist. Deshalb rätselt man über das laut tickende Paket: »Eine Höllenmaschine«, meint die Bürgermeistertochter (Magdalena Färbinger) und versetzt Mutter (Claudia Schweinöster) und Vater in helle Aufregung.

Anzeige

Da schüttelt der ahnungslose Wachtmeister (Peter Steiner) das Paket, da knallt die Haushilfe (Johanna Steiner) explosionsartig eine Tür. Und in dieser Situation soll Rettung nur von dem Burschen (Balthasar Haßlberger) möglich sein, der der Bürgermeistertochter gegen den Willen des Bürgermeisters nachsteigt? Dem der Bürgermeister längst Hausverbot erteilt hat?

Die Schauspieler verstanden es, innerhalb der guten halben Stunde das Publikum zu bannen, ehe sich am Ende die Erleichterung breit machte. Viel Beifall und Schulterklopfen gab es für die später im Publikum sitzenden Darsteller.

Zwar gaben sich die Unterwössner Politiker und Honoratioren ganz entspannt, als die Fastenpredigt näher rückte. Aber eine gewisse Spannung war schon zu spüren, als Trachtenvorstand Reinhard Kurz-Hörterer die Fastenpredigt von Bruder Andreas (Andreas Steiner) ankündigte. Mit Sandalen, blanken Waden und Maßkrug in der Hand erklomm der das Rednerpult. Doch auch vor dem Hintergrund eines spannenden Jahres rund ums Hallenbad, das Junihochwasser, den Asylbewerberzuzug, den Bau des Edeka-Marktes im Zentrum und des spannenden Wahlkampfes war von Derblecken wenig zu spüren. Keine Szenen, in denen dem Bürger der Spiegel vorgehalten wurde, keine bissigen Kommentare zu Politikeraussagen oder Wahlkampfversprechen.

Bruder Andreas anerkannte, dass dem Bürgei heuer der Fassanstich gelang, aber witzelte, dass er als Autoliebhaber mit angezogener Handbremse gefahren sei. Der Bürgermeister hatte die Motorleistung seines Oldtimers offenbar überschätzt, als er Gäste zu einer Ausfahrt einlud und sie dann zu Fuß laufen lassen musste. Dass jetzt mit dem Asylbewerbereinzug die Theaterer aus dem Gasthofsaal ausgezogen seien und deshalb selbst Asyl suchten, gefiel dem Publikum schon deutlich mehr. Gelacht wurde auch, als die Idee vom Café am Dom in der Bäckerei Guggenbichler aufkam, dort an der Einstiegsstelle für die Klein-Venedig-Tour mit dem Boot unter fünf Brücken bis zum Kinderspielplatz.

Andreas wusste, dass der Pfarrgemeinderatsvorsitzende den zurückhaltenden neuen Pfarrer bei der Begrüßung vergessen hatte, und dass unter dem neuen Kirchenchorleiter Wolfgang Kurfer nicht mehr so viel geratscht wird. Bruder Andreas wunderte sich, dass Bundeswehrveteran Hermann Minisini zur Amtseinführung des Pfarrers seine Schärpe falsch trug, und bewunderte das ehrenamtliche Engagement der Skiabteilung um den Balsberglift.

Andreas bedauerte den Rückschlag für den Nicki-Horneck-Fanclub, als in dessen Reisevorbereitungen für Sotschi die Nachricht von Nickis Kreuzbandriss schlug. Bruder Andreas riet daher zu Reisevorbereitungen für Olympia 2018. Völlig neu war – und wurde begeistert aufgenommen – dass die Farbgebung für das Olympia-Outfit der deutschen Mannschaft ihren Ursprung in Unterwössen hat. Zweiter Bürgermeister Barthl Irlinger hat mit seinem neon-grünen Nicki-Stirnband im Fanclub so für Furore gesorgt, dass dies bis nach Sotschi klang.

Wer aber eine Politikerabrechnung erwartet hatte, sah sich enttäuscht. Für bemerkenswert hielt Andreas in dieser Richtung, wie der Bürgermeister mit dem jetzigen Gemeinderat die Hallenbadentscheidung dem neuen Gemeinderat zugeschoben habe. Der Salto mortale von Claudia Schweinöster aus der Unterwössner Wählergemeinschaft über den Daxenberg in die Oberwössner Wählergruppe sei perfekt gelungen. In ähnlicher Liga sieht er den Spagat der Bürgermeisterkandidatin Sandra Sonntag zwischen Wählervereinigung und FDP. Und seiner letzten Fastenrede hält Bruder Andreas zugute, dass der früher so schweigsame CSU-Bürgermeisterkandidat Ludwig Entfellner im Wahlkampf ohne Unterlass geredet habe. Etwas, was er dem ein oder anderen Gemeinderat ebenfalls wünschen würde.

In der Nachbetrachtung fanden viele Zuhörer, dass der Trachtenvorstand mit den um ihn herum zusammengetragenen Erinnerungen, in Text gegossen von Johanna Steiner, deutlich hinter den manchmal bissigen Beiträgen im eigenen Jahresrückblick zurückgeblieben sei. Trotzdem fand die Fastenrede ihren Beifall und auch die Art, wie Bruder Andreas sie souverän und unterhaltsam vorgetragen hat. lukk