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Wenn das Leben ausweglos erscheint

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Was bleibt, ist die Trauer – jedes Jahr nehmen sich in Deutschland rund 10 000 Menschen selbst das Leben. Die Hinterbliebenen stürzt das meist in tiefe Verzweiflung. Besonders die Fragen nach dem Warum und nach der eigenen Schuld sind es, die sie oft lebenslang quälen.

Traunstein – Es sind zwei zentrale Fragen, mit der sich die Angehörigen nach der Selbsttötung eines geliebten Menschen quälen, und das oft jahre- oder gar lebenslang: der Frage nach dem Warum und der Frage nach der eigenen Schuld. Mit dem heutigen Welt-Suizid-Präventionstag will die Weltgesundheitsorganisation WHO der Öffentlichkeit das Thema ins Bewusstsein rufen.


Alle neun Minuten ist jemand von einem Suizid betroffen

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Fast 10 000 Menschen nehmen sich bundesweit jedes Jahr selbst das Leben – das sind weit mehr als jedes Jahr durch Unfälle oder Drogen ums Leben kommen. Dazu kommen zahlreiche unklare Fälle und rund 100 000 Versuche. »Von jedem Suizid sind nach Schätzungen der WHO mehr als sechs Personen betroffen«, heißt es bei der International Association for Suicide Prevention (IASP). Alle neun Minuten verliert in Deutschland jemand einen nahestehenden Menschen durch Suizid. Fast drei Viertel sind Männer – »vielleicht, weil sie seltener über ihre Gefühle reden«, mutmaßt Regina Grundner, Leiterin der Selbsthilfegruppe Angehörige nach Suizid im Landkreis Traunstein.

Zurück bleiben traumatisierte Angehörige, Freunde, Kollegen oder Mitschüler, die zwischen zwei Jahren und einem ganzen Leben brauchen, um sich selbst wieder mühsam ins Leben zurückzukämpfen. Manche schaffen es auch gar nicht, werden selbst krank und müssen aufhören zu arbeiten. Die Folge sind nicht selten handfeste existenzielle Sorgen – ist der Betroffene etwa vermisst, zahlt nicht einmal die Rentenversicherung.

Engagement nach eigener Erfahrung

Grundners Engagement entspringt ihrer eigenen Erfahrung. Ihr Mann wusste um seine Krankheit, »aber er wollte sich nicht ins Bett legen und langsam ersticken.« Damals waren die Kinder sechs und zehn Jahre alt, »es gab keine Hilfe, keine Krisenintervention. Ich stand ganz allein da«, erinnert sie sich.

Heute kann sie gefasst berichten, wie es ihr damals erging, aber dazwischen liegen 25 Jahre. »Die ersten Jahre war ich innerlich tot.« Sie konnte nicht mehr arbeiten, brauchte professionelle Hilfe. »Wenn ich die beiden Kliniken nicht gehabt hätte, ich weiß nicht, was ich getan hätte. Da hab ich mir geschworen, wenn ich da durch bin, dann helfe ich.«

Die meisten Hinterbliebenen quälen sich vor allem mit der Frage Warum. 95 Prozent würden von der Tat völlig überrascht. »Meistens ahnt man's nicht einmal. Die sitzen ganz normal beim Essen, unterhalten vielleicht noch alle mit Späßen, dann stehen sie auf, gehen raus und nehmen sich das Leben«, so Grundner.

Dabei listet sie den Ablauf in vier Stufen auf: »Stufe eins ist das erste Aufblitzen des Gedankens an eine Selbsttötung. Stufe zwei ist das häufigere daran denken, die konkrete Vorstellung, Stufe drei ist der Entschluss, die Planung, und Stufe vier die Tat«, sagt Grundner. »Ab Stufe drei kann den Betreffenden niemand mehr zurückholen. Nicht einmal der Gedanke an die eigenen Kinder hält ihn dann noch zurück.«

Eine Schuld des Umfelds existiert nicht

Das ist wichtig zu wissen für Angehörige, die mit der Frage ihrer eigenen Schuld hadern, ebenso wie für das soziale Umfeld, das gern schnell einen Schuldigen verurteilt. »Aber eine Schuld existiert nicht«, sagt Grundner. »Wenn ich mir das Leben nehme, bin ich allein schuld, denn ich entscheide das und ich tue das.«

Dabei ist es in vielen Fällen ein fataler Irrtum, wenn das Umfeld meint, dass es dem zuvor depressiven, in sich gekehrten Menschen schlagartig besser geht: »Vielen geht es tatsächlich besser, wenn sie den Entschluss gefasst haben, weil sie für sich selbst einen Ausweg aus dem Elend sehen«, sagt Grundner.

»Selbsttötungsgedanken entstehen oft am Ende einer langen Kette von Belastungen, Enttäuschungen, Kränkungen, von Überforderungen und gescheiterten Lösungsversuchen«, heißt es dazu auf der Internetseite des Münchner Vereins »Die Arche«, der sich auf Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen spezialisiert hat. Hinter dem Gedanken der Selbsttötung verberge sich oft der Wunsch nach einer radikalen Lösung, nach einer schnellen Befreiung von einer starken Belastung, nach Ruhe.

»Die meisten sagen vor der Tat kein Wort. Und das ist das Schlimmste für die Angehörigen«, weiß Grundner. »Warum hat er denn nichts gesagt, wenn ich das gewusst hätte, man hätte doch das und das tun können, das höre ich immer wieder.« Denn für Außenstehende sehen die Probleme meist lösbar aus.

Derjenige aber, der seinem Leben selbst ein Ende setzt, befindet sich in tiefer Not, Verzweiflung und Einsamkeit – deshalb wird das Wort Selbstmord der Sache ebenso wenig gerecht wie das Wort Freitod – weder handelt es sich um ein Kapitalverbrechen aus niederen Beweggründen, noch ist der Betreffende wirklich frei in seiner Entscheidung, zu gehen.

Als gefährdet gelten psychisch kranke Menschen, die etwa unter Depressionen, Schizophrenie oder Suchterkrankungen leiden. Aber auch Berufsgruppen wie Ärzte, Mitarbeiter von Rettungsdiensten, Sozialarbeiter, Feuerwehrleute oder Polizeibeamte, die täglich mit dem Leid anderer Menschen zu tun haben, gelten als gefährdet. Auslöser können auch akute berufliche, private oder finanzielle Krisen sein, ebenso wie chronische Krankheiten, Einsamkeit und Isolierung, Trennung oder der Tod eines Partners.

Äußerungen immer ernst nehmen

Sicher ist nicht jeder Suizid vermeidbar. Aber die »Arche« macht Mut: »Wenn der suizidale Mensch Hilfe und Unterstützung erfährt, kann die Gefahr einer Selbsttötung oft abgewendet werden.« Suizidalität könne im besten Fall nur eine vorübergehende Phase im Leben sein«, heißt es.

Wichtig sei, dass das Umfeld das Äußern von Suizidgedanken als Hilferuf wahrnimmt – denn die Einstellung, wer vom Suizid redet, wird in nicht begehen, ist ein Irrtum. Acht von zehn Menschen, die sich selbst das Leben nahmen, haben das zuvor unmissverständlich geäußert. Wer sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen oder auch um sich selbst macht, erhält Hilfe bei der »Arche« in München, Telefon 089/33 40 41.

Ist es zum Äußersten gekommen, erhalten die Hinterbliebenen Hilfe in der Selbsthilfegruppe. Sie trifft sich immer am ersten Dienstag im Monat im Selbsthilfezentrum Traunstein. Regina Grundner ist telefonisch erreichbar unter der Nummer 08621/31 09. Die Selbsthilfegruppe unternimmt am Samstag eine Wanderung auf die Pötschalm. Treffpunkt ist um 10 Uhr in Ruhpolding auf dem Parkplatz beim Wellenhallenbad. Betroffene sind willkommen.

Außerdem gibt es in der Klosterkirche Maria Eck am Freitag, 25. September um 19 Uhr einen Gedenkgottesdienst für die Verstorbenen. coho