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Krankenschwestern vom »Bunten Kreis« schlüpfen mitunter in die Rolle von Tourist-Info-Mitarbeiterinnen

Wenn aus Patienten Urlaubsgäste werden

Der Chiemgau ist seit den Anfängen des Tourismus' eines der beliebtesten Reiseziele der Deutschen. Vom Chiemgau erwarten die Menschen Herzlichkeit, ländliche Strukturen, unberührte Natur – und freundliche Menschen, die Haus und Hof, Grill und Garten mit ihnen teilen – oder ihre Freizeit für sie opfern. Wer aber sind diese Menschen? Das Traunsteiner Tagblatt stellt eine Reihe von Persönlichkeiten vor, die sich weit über das erwartbare Maß hinaus um die Gäste der Region kümmern, heute Kinderkrankenschwester Martina Kohlhepp.

Kinderkrankenschwester Martina Kohlhepp sammelt alle Dankeskarten und Grüße an die Station in einem Ordner.

Krankenschwestern kümmern sich um Patienten, nicht um Urlaubsgäste. Oder? Auf der Kinder-Intensivstation des Klinikums Traunstein verschwimmen die Grenzen manchmal. Etwa, wenn Paare auf der Durchreise unverhofft zu Eltern werden. Oder wenn Kinder im Urlaub krank werden. Die Schwestern des »Bunten Kreises« springen dann immer wieder mal ein und helfen, etwa bei der Suche nach einem Quartier.

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Einige Male im Jahr kommt es vor, dass Schwangere von auswärts in die Klinik eingeliefert werden, weil die Geburt unmittelbar bevorsteht. Die Kinderstation des Traunsteiner Krankenhauses gehört zum »Perinatalzentrum Level 1«, das heißt, hier können Frühgeborene versorgt werden, die nach 23 Schwangerschaftswochen geboren werden. Die frischgebackenen Eltern benötigen dann von Knall auf Fall ein Zimmer. Es soll »möglichst nahe an der Klinik sein und eine Waschmaschine haben«, sagt die Kinderkrankenschwester Martina Kohlhepp. Das ist bei einem längeren Aufenthalt, der bis zu vier oder fünf Monaten dauern kann, sehr wichtig.

Die 48-jährige, gebürtige Oberfränkin und ihre Kolleginnen vom »Bunten Kreis«, der sozialmedizinischen Nachsorgeeinrichtung der Kinderstation, schlüpfen dann mitunter in die Rolle von Tourist-Info-Mitarbeiterinnen. Sie helfen bei der Zimmersuche, was in der Hauptsaison schwierig werden kann, und geben Restaurant- und Ausflugstipps.

Das Team, zu dem auch Arzt, Psychologe und Seelsorger gehören, kümmert sich auch um die psychischen und seelischen Nöte der Eltern. Häufig bleibt nach kurzer Zeit die Mutter alleine im Chiemgau, weil der Vater zurück zur Arbeit muss. »Die Mutter ist dann mit ihren Sorgen und Nöten ganz allein«, berichtet Schwester Martina. »Familie und Freunde sind weit weg.«

Auf der Station lagen schon Frühchen aus Dänemark, Frankreich und Polen. »Da kommt dann die Sprachbarriere noch dazu«. Umso mehr kümmern sich die Schwestern um die Mütter. Sie geben ihnen Tipps und ermutigen sie zu Ausflügen, etwa an den Chiemsee. »Das tut ihnen gut, auch wenn sie es zuerst nicht wahrhaben wollen«, sagt die zweifache Mutter.

Aktuell betreuen sie und ihre Kolleginnen auf der Kinder-Intensivstation auch die kleine Paula aus Hameln. Sie hat mit ihren Eltern den Urlaub im Chiemgau verbracht. Am letzten Tag wurde sie so krank, dass sie intensiv-medizinische Hilfe benötigte. Der Vater sitzt seit dem vergangenen Samstag am Bett der Zweijährigen, die Mutter verbringt die Tage im Hotel und schaut mit dem vier Monate alten Bruder täglich vorbei. Eigentlich wäre der Urlaub schon zu Ende gewesen und die Familie längst wieder zuhause. Aber Paula hat unverhofft für eine Verlängerung gesorgt. Ihre Familie kommt jedes Jahr in den Chiemgau und wird auch weiterhin kommen, hat der Vater angekündigt.

Für viele Patientenfamilien sorgt ein medizinischer Notfall aber für den ersten Aufenthalt im Chiemgau. Aus Dankbarkeit schicken viele Patienten nach ihrer Heimkehr Weihnachtskarten und Fotos der wachsenden und gedeihenden Kinder. Alle Dankeskarten und Grüße sammelt die Station in einem Ordner.

Gar nicht so selten gibt es ein Wiedersehen mit den ehemaligen Patienten und ihren Eltern: »Viele besuchen uns mit den Kindern, die ihre ersten Lebenswochen bei uns verbracht haben. Manche sind so dankbar, dass sie den Kindern bayerische Namen geben, etwa Seppi oder Schorschi.« Und manche entdecken den Chiemgau als Urlaubsregion und werden, wie Kohlhepp in den vergangenen 26 Jahren verschiedentlich beobachten konnte, zu Stammgästen. fb