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Wenn Alkohol aufputscht, betäubt und zur Routine wird

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Mit 1,9 Promille setzte sich Thomas R. noch ans Steuer seines Autos und wurde von der Polizei erwischt. Seinen Führerschein war er daraufhin los.

Traunstein – »Ich habe gewusst, dass ich nicht mehr fahren darf, aber mich noch fahrtüchtig gefühlt«, sagt Thomas R.


(Anm.: Name von der Redaktion geändert)

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Mit 1,9 Promille stoppte ihn die Polizei vor seiner Haustüre. Der Führerschein war sofort weg. Um diesen wiederzubekommen, musste der 52-Jährige zur Medizinisch-PsychologischenUntersuchung, kurz MPU. Um sich darauf vorzubereiten, hat er an einem Vorbereitungskurs der Caritas Fachambulanz für Suchtkranke teilgenommen.

»Ich bin schon mit einem Kater losgefahren«

Noch gut erinnert sich der 52-Jährige an den Tag, als er seinen Führerschein verloren hat. Rund eineinhalb Jahre ist das jetzt her. »Ich bin schon mit einem Kater losgefahren in die Arbeit«, erzählt Thomas R. bei einem Treffen im Caritas-Zentrum in Traunstein. Aus Gewohnheit hat er dann mit seinen Kollegen bei der Brotzeit ein Bier getrunken, so ging das den ganzen Tag weiter und abends wurde dann noch ein Geburtstag gefeiert. Dann ist Thomas R. betrunken nach Hause gefahren – wie schon einige Male zuvor. Wahrscheinlich wäre auch dieses Mal wieder alles gut gegangen. »Aber eine Frau, die hinter mir gefahren ist, hat meine unsichere Fahrweise bemerkt und die Polizei verständigt.« Der 52-Jährige ist noch auf sein Grundstück gefahren. »Die Autotür hat mir dann der Polizist aufgemacht.«

Wie Thomas R. erklärt, ist der Alkohol über einen längeren Zeitraum zu seinem Lebensbegleiter geworden. Als Selbstständiger hat der 52-Jährige täglich jede Menge zu tun. »Die Arbeit ist immer mehr geworden. Erst putschte der Alkohol auf, dann betäubte er und irgendwann wurde er zur Routine. Man verträgt mehr, man trinkt mehr. Es schaukelt sich einfach so auf.«

Der 52-Jährige hat sich nach dem Führerscheinverlust schnell erkundigt, was er tun muss, um diesen zurückzubekommen. Ein Kollege hat ihn darauf aufmerksam gemacht, dass es Vorbereitungskurse für die MPU bei der Caritas gibt. »Beim Erstgespräch habe ich gemerkt, wie ich eigentlich unterwegs war. Da ist mir mein Problem erst bewusst geworden.« Thomas R. entschloss sich schließlich, den Vorbereitungskurs zu machen.

Wie Diplom-Psychologe Matthias Merth von der Fachambulanz für Suchtkranke der Caritas Traunstein erklärt, wird den Betroffenen dabei in 20 Einheiten »der rote Faden der MPU« deutlich gemacht. »Wir gehen vor allem an die Hintergrundthemen heran: Warum ist es überhaupt soweit gekommen, dass ich meinen Führerschein verloren habe? Was muss jetzt verändert werden?« Denn, so Merth weiter, der Gutachter müsse bei der MPU spüren, dass der Betroffene bereit ist, etwas an seinem Trinkverhalten zu verändern. »Man gibt etwas her, den Alkohol, und bekommt dann auch wieder etwas dafür.«

Beim ersten Mal die MPU nicht geschafft

Einen positiven Eindruck hatte der Gutachter bei Thomas R. nicht, denn er hat die MPU beim ersten Mal nicht bestanden. »Ich war mit mir selbst noch nicht im Reinen. Konnte nicht ausdrücken, was schief gelaufen ist.« Und insgeheim habe er sich auch geschämt, so der 52-Jährige. »Obwohl ich so viel getrunken habe, bin ich ja nicht blöd.« Es folgten weitere Einzelgespräche bei Matthias Merth.

Vor kurzem hat der 52-Jährige die MPU erneut gemacht – dieses Mal mit Erfolg. Jetzt wartet Thomas R. darauf, dass er das schriftliche Gutachten bekommt. Erst dann kann er zur Führerscheinstelle, um dort seine Fahrerlaubnis zurück zu bekommen. »Je näher das Ende kommt, umso schlimmer wird es. Das ist wie die Freude auf Weihnachten.«

Wie Thomas R. sagt, hat ihm der Kurs sehr geholfen. »Ich habe einen Weg gefunden, wie ich mich wieder in normalen Bahnen bewegen kann. Hilfreich war es auch, vor Fremden seine Geschichte zu erzählen und wiederum deren Geschichten zu hören. »Man fühlt sich mit seinen Problemen dann nicht mehr alleine«, ergänzt Merth.

Der Führerscheinverlust brachte für den 52-Jährigen einige Veränderungen. »Seit diesem Tag habe ich nichts mehr getrunken. Ich war so am Boden zerstört.« Da er selbst nicht mehr fahren durfte, wurde der Sohn, der im selben Betrieb arbeitet, zum Chauffeur. »Aber die Leidtragende war vor allem meine Ehefrau«, so der 52-Jährige. Das Privatleben habe enorm gelitten. »Es bleibt alles auf der Strecke.« Treffen mit Freunden wurden immer weniger.

»Jetzt geht alles viel entspannter«

Inzwischen hat Thomas R. sein Leben umgestellt. Weniger Arbeit sei es zwar nicht geworden, aber er organisiert diese inzwischen besser. »Statt zu drei Baustellen am Tag zu fahren, fahre ich jetzt halt nur noch zu einer. Ich habe mein Leben entschleunigt. Jetzt geht alles viel entspannter.«

Wie Matthias Merth abschließend sagt, ist es sehr wichtig, dass sich Betroffene möglichst schnell nach einer Trunkenheitsfahrt melden und nicht zu viel Zeit verstreichen lassen. Denn manchmal müssten zum Beispiel über einen längeren Zeitraum Abstinenznachweise (durch Haaranalyse oder Urintest) erbracht werden. Jeder Betroffene habe außerdem die Möglichkeit, zur Caritas zu einer Erstberatung zu kommen. Die MPU-Vorbereitungskurse finden viermal im Jahr statt, der nächste startet im September. Außerdem gibt es immer wieder kostenlose Infoabende, so zum Beispiel am 17. Mai um 18 Uhr im Caritas-Zentrum in Traunstein. Betroffene können sich aber auch jederzeit telefonisch in der Fachambulanz für Suchtkranke melden. jar

 

Aktionswoche Alkohol

Wer mit Alkohol im Blut unterwegs ist, kann sich selbst schaden und gefährdet andere. Die Aktionswoche Alkohol vom 13. bis 21. Mai hat daher das Schwerpunktthema: »Kein Alkohol unterwegs!«

Schon etwa ein Glas Bier oder Wein kann zu Fahrfehlern und Unfällen führen – und Strafen nach sich ziehen. Wer weniger als 0,5 Promille Alkohol im Blut hat, kommt normalerweise straffrei davon. Doch Vorsicht: Wer mit 0,3 Promille Schlangenlinien fährt, leichtsinnig fährt, Fahrfehler macht oder in einen Unfall verwickelt ist, gilt als relativ fahruntüchtig und kann belangt werden. Ab 1,1 Promille ist der Führerschein erst einmal ganz weg, wer mehr als 1,6 Promille hat muss zusätzlich zur MPU.

Ziel der alle zwei Jahre stattfindenden Aktionswoche Alkohol ist es, Menschen über das Thema Alkohol aufzuklären.

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