weather-image
21°

Weitmoos-Renaturierung ist eine »Chance für alle«

0.0
0.0

Teisendorf – Als »Chance für uns alle« bemühte sich Diplom-Ingenieurin Bärbel Gänzle, die für die Untere und Obere Naturschutzbehörde tätig ist, den Rückstettener Grundstückseigentümern die Weitmoos-Renaturierung nahe zu bringen.


Etwa 20 Hektar der Projektfläche mit einer Größe von rund 65 Hektar befinden sich im Eigentum von Landwirten aus der Gemeinde Teisendorf. Das Weitmoos liegt auf Waginger Grund unmittelbar hinter der nordwestlichen Teisendorfer Gemeindegrenze. Bei einer Info-Veranstaltung in Waging im November hatte es viel Kritik an der Maßnahme gegeben, unter anderem an einer möglichen touristischen Nutzung des renaturierten Moors durch einen Moorerlebnispfad. Das Treffen in Oberteisendorf verlief trotz einiger skeptischer Rückmeldungen eher ruhig.

Anzeige

Die Maßnahme soll im Rahmen des Klimaschutzprogramms 2050 des Freistaats Bayern umgesetzt werden. Der Flächenkauf oder alternativ die Anpachtung sowie die ökologischen Aufwertungsmaßnahmen würde der Staat zu 90 Prozent bezuschussen. Das Waginger Weitmoos wurde um 1840 für die Torfgewinnung entwässert. Ab 1917 wurde der Torfgrund an Privatpersonen verkauft, die dort Brennmaterial und Einstreu gewannen. Heute ist das Areal laut Gänzle zu einem Großteil verbuschtes Brachland, zum Teil auch Wald oder Intensivgrünland; zu einem kleinen Teil werde es auch für die Freizeit genutzt.

Positive Erfahrungen mit anderen Moorgebieten

Erforderlich zur Renaturierung und Revitalisierung seien die maßvolle Entfernung von Fichtenbeständen und der Verschluss von Entwässerungsgräben. Kiefern und Latschen könnten überwiegend stehen bleiben. Die Chance der Wiedervernässung für Waging und die umliegenden Gemeinden, besonders für die Nachkommen, sei der Beitrag zur Artenvielfalt, zum Klimaschutz und zum Wasserhaushalt. Das Moor funktioniere wie ein Regenrückhaltebecken. Es könne pro Jahr und Hektar 15 Tonnen Kohlendioxid binden. Gefährdete Arten wie Hochmoor-Gelbling, Sonnentau, Rauschbeere, Kreuzotter, Ringelnatter oder Laubfrosch fänden wieder einen Lebensraum. Positive Erfahrungen mit solchen Projekten gebe es unter anderem in den Kendlmühlfilzen am Chiemsee, im Naturschutzgebiet Seeoner Seen und im Halfinger Freimoos. Der Vorteil eines Moorerlebnispfads sei, dass man auch Schulkindern die heimische Natur und die Geschichte der Torfstiche präsentieren könne; doch ein solcher Weg müsse nicht sein, wenn ihn die Bevölkerung nicht will.

Alois Lohwieser wollte wissen, was passiert, wenn der Nachbar eines Eigentümers von Renaturierungsflächen einen schönen Fichtenbestand hat, der durch die Herausnahme der Fichten nun sturmwurfgefährdet ist. Laut Gänzle werde hier durch Vorgaben der Forstverwaltung vorgebeugt, etwa dass eine Reihe Fichten als Windschutz stehen bleiben muss.

Ein Besucher äußerte die Befürchtung, dass alles geflutet wird, auch die Wege, und Landwirte, die nicht mitmachen wollen, Wertminderungen ihrer Grundstücke in Kauf nehmen müssen. Gänzle betonte, die Wege und Wegerechte würden nicht beeinträchtigt. Man sorge durch genaue Untersuchungen dafür, dass entsprechende Gräben offen bleiben. Die Entlastung der Umwelt und der Beitrag zum Wasserhaushalt leuchtete einem anderen Landwirt ein. Doch das Ganze sei ein »Tropfen auf den heißen Stein«. Er forderte, stattdessen die Flächenversiegelung zu stoppen, und gab zu bedenken, dass ein finanzieller Anreiz entscheidend sei, damit Landwirte mitmachen.

Eigenes Wertgutachten für jedes Grundstück

»Wir sind dazu verpflichtet, dass wir ortsübliche Preise zahlen«, erklärte die Referentin. Dies seien die Preise, die Bauern auch untereinander zahlen würden. Sie würden sich im Schnitt bei zwei Euro pro Quadratmeter bewegen. Für jedes Grundstück werde ein eigenes Wertgutachten gemacht. Die Moorrenaturierung sei freilich nur ein Baustein des Klimaschutzprogramms, doch sie sei eine Art Fundament. Manfred Mertl, Leiter der Naturschutzbehörde am Landratsamt Traunstein, ergänzte, solche Renaturierungen würden am ganzen Alpenrand forciert.

Ein junger Landwirt erklärte, er sei ein Naturfreund. Er besitze ein Stück Moor, wo seit 50 Jahren nichts gemacht wurde und das eine Naturoase mit vielen Schmetterlingen sei. Doch der »extreme Eingriff« durch den Moorbagger beim Verschluss der Gräben erschrecke ihn. Er warf die Fragen in den Raum, warum der Mensch immer eingreifen müsse. Das Problem sei laut Gänzle, dass im Weitmoos zu viele Fichten stehen, dass es zu trocken ist und dass dort eher »Allerweltsarten« leben; in den nächsten 50 Jahren würden die Schmetterlinge auch verschwinden. Die Natur könne sich durch das Projekt dort so entwickeln, wie sie vor 150 Jahren einmal war.

Die Teilnahme an der Moorrenaturierung ist freiwillig. Interessenten können sich an Bärbel Gänzle unter Telefon 0861/58 357 (Mittwoch) wenden. Anlaufstellen sind auch die Gemeinden Waging und Teisendorf. vm