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Was tun, wenn keiner von der Schwangerschaft wissen darf?

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Schwanger – und was dann? Immer wieder gibt es – auch im Landkreis Traunstein – Frauen, denen der Anblick eines positiven Schwangerschaftstests unglaubliche Angst und Not beschert. Um denjenigen, die ihre Schwangerschaft unbedingt geheim halten wollen, dennoch eine Hilfe in der Not anzubieten, gibt es jetzt auch am Klinikum Traunstein die Möglichkeit der vertraulichen Geburt.

Traunstein – »Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger« – nicht bei jeder Frau, die diesen Satz von ihrem Frauenarzt hört, löst das ungeahnte Freude aus. Im Gegenteil, manche Frau stürzt er regelrecht in Verzweiflung und Not. Für diese Frauen gibt es jetzt im Landkreis Traunstein ein neues Hilfsangebot, die vertrauliche Geburt.


Damit im Falle eines Falles alles gut klappt, haben sich die beteiligten Stellen – die Schwangerenberatungsstellen des Gesundheitsamts, von Donum Vitae und dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), Vertreter des Klinikums, des Standesamts, dem Jugendamt und der Adoptionsvermittlungsstelle abgesprochen, um Schwangere in Notlagen effektiv unterstützen zu können.

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Daten werden in versiegeltem Kuvert geschützt

Dabei erhält die Schwangere Hilfe und Beratung zur Lösung des Konflikts, der sie dazu bewegt, ihre Identität geheim zu halten. Will sie sich auch danach nicht offenbaren, erfährt sie im Rahmen der Beratung auch alles rund um die vertrauliche Geburt. Entscheidet sie sich dafür, legt sie mit der Schwangerenberatungsstelle ein Pseudonym fest. Ihre Daten gibt sie nur hier an.

Sie kommen in einen Umschlag, auf den die Schwangerenberaterin nur das Pseudonym der Mutter, Datum und der Ort der Geburt, die Klinik oder Hebamme und die Adresse der Beratungsstelle. Dann wird das Kuvert versiegelt und beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Anliegen hinterlegt. Öffnen darf ihn nur das Kind, das sie zur Adoption freigibt. Ist es 16 Jahre alt, kann es so erfahren, wer seine Mutter ist. Sie kann auch Vorschläge für einen Vornamen machen, wenn sie möchte, den Vater angeben. Falls sie eine persönliche Nachricht für ihr Kind hinterlassen möchte, kann sie auch das tun – was für den jungen Menschen sicher hilfreich ist, wenn er verstehen kann, warum ihn seine Mutter weggegeben hat.

Ziel der Gesetzesänderung, die bereits zum 1. Mai 2014 in Kraft trat, war es, Frauen, die aus welchem Grund auch immer dem Umfeld ihre Schwangerschaft verheimlichen wollen, eine medizinisch begleitete und sichere Geburt zu ermöglichen und so riskante und heimliche Geburten zu verhindern. Auch Verzweiflungstaten, bei denen Neugeborene ausgesetzt oder getötet werden, sollen so verhindert werden. Immerhin – bundesweit konnten so seit Inkrafttreten des Gesetzes 95 Kinder gerettet werden, die ohne das Hilfsangebot der vertraulichen Geburt vielleicht gar nicht geboren worden wären.

Rechte des Kindes werden berücksichtigt

Gleichzeitig werden bei der vertraulichen Geburt die Rechte des Kindes berücksichtigt, etwa das im Grundgesetz verbriefte Recht auf die Kenntnis der eigenen Abstammung. Und zumindest teilweise wird auch das Recht nach Artikel 7 Absatz 1 der UN-Kinderrechtskonvention darauf, »soweit möglich seine Eltern zu kennen und von ihnen betreut zu werden« – die Betreuung lehnt die Mutter ja ausdrücklich ab, den Vater muss sie überhaupt nicht angeben.

Und das alles in Traunstein? Die Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land scheinen diesbezüglich noch eine Art Insel der Glückseligen zu sein. »Mir ist bisher tatsächlich noch kein Fall einer vertraulichen Geburt aus meiner Arbeit beim SkF bekannt«, sagt Sabine Weiß. Dagegen gibt es im Schnitt alle sechs bis acht Wochen Gespräche mit Frauen, die sich nicht sicher sind, ob sie ihr Kind bekommen wollen. Etwa zwei bis drei Frauen pro Jahr nehmen zunächst nur anonym Kontakt mit der Beratungsstelle auf.

»Oft sind sie am Boden zerstört«, sagt Sabine Weiß. Als Beispiel nennt sie ein 19-jähriges Mädchen, das noch in der Lehre ist und bei den Eltern wohnt. Das Kind entstammt einem flüchtigen Abenteuer, seinen Vater kennt das Mädchen kaum. »In so einem Fall ist es wichtig, erst mal zu sortieren, wie es jetzt weiter geht, was es für Möglichkeiten zur Existenzsicherung gibt, und die Frau zu beraten, um Perspektiven aufzuzeigen«, sagt Sabine Weiß.

Zunächst gilt es zu klären, warum die Frau ihre Identität geheim halten will. In manchem Fall ist es etwa die Angst vor den eigenen Eltern. »Da gibt es wirklich sehr unterschiedliche Reaktionen. Manche Eltern sind ausschließlich in der eigenen Welt gefangen, besonders die Frage nach dem Warum treibt sie um, etwa 'warum hast du nicht vehütet?', 'warum denkst du nicht an deine Zukunft' oder auch 'warum muss das ausgerechnet dir passieren?'«, so Weiß.

Hilfe auch beim Gespräch mit den eigenen Eltern

Deshalb unterstützen die Schwangerenberatungsstellen – neben dem SkF auch die von Donum Vitae und dem Gesundheitsamt – die Schwangeren »auch bei dem Gespräch mit den Eltern«, so Weiß. Denn auch, wenn sie meist nur furchtbar besorgt sind, setzen sie ihre Töchter oft unbewusst unter immensen Druck. Vor allem viele Väter treiben handfeste Existenzsorgen oder auch die Sorge um den Ansehensverlust um. Mütter seien eher bereit, sich die Möglichkeiten anzuhören. Denn in der Regel entwickeln Frauen nach der Geburt den Wunsch, das Kind doch zu behalten. Bis zum Adoptionsbeschluss des Familiengerichts haben sie durch nachträgliche Angabe ihrer Personalien auch noch die Möglichkeit dazu.

Wichtig sei in jedem Fall die bedingungslose Unterstützung der Schwangeren. »Ich würde mir wünschen, dass man mit dem Thema sensibler umgeht, und für die Schwangeren, dass sie von dem Recht, sich auch anonym Hilfe zu holen, Gebrauch machen«, sagt Sabine Weiß. Wer selbst oder im Umfeld Hilfe braucht, kann sich wenden an das Hilfetelefon »Schwangere in Not – anonym und sicher« unter der Telefonnummer 0800/40 40 020. coho

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