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Von wegen Politikverdrossenheit

Auf breites Interesse stieß die Podiumsdiskussion mit Traunsteins fünf Oberbürgermeisterkandidaten am Montagabend im Pfarrheim St. Oswald (von links): Wolfgang Osenstätter (CSU), Burgi Mörtl-Körner (Bündnis 90/die Grünen), Christian Kegel (SPD), Manfred Kösterke (UW) und Dr. Ralph Jörger (Traunsteiner Liste). (Foto: Wittenzellner)

Traunstein. Politikverdrossenheit in Traunstein? Fehlanzeige! Jedenfalls bei der rund zweieinhalbstündigen Podiumsdiskussion der fünf Oberbürgermeisterkandidaten im Pfarrheim St. Oswald zeigte sich ein enormes Interesse der Traunsteiner Bürger. Und so war der Veranstaltungssaal mit rund 250 Besuchern restlos überfüllt, die letzten Interessierten standen im Eingangsbereich, um von der Diskussion etwas mitzubekommen.


Güterhalle und Gewerbegebiet im Süden

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Unter dem Motto »Vier Männer und eine Frau trauen sich« eröffnete Moderator Tobias Trübenbach vom Mitveranstalter Katholisches Kreisbildungswerk die Vorstellungsrunde der fünf Kandidaten mit dem amtierenden Oberbürgermeister Manfred Kösterke (UW), Wolfgang Osenstätter (CSU), Christian Kegel (SPD), Burgi Mörtl-Körner (Bündnis 90/die Grünen) und Dr. Ralph Jörger (Traunsteiner Liste). In die zeitlich limitierte Redezeit floss neben einigen kurzen Worten über die eigene Person und den beruflichen und politischen Werdegang sehr schnell das Wahlprogramm der Kandidaten ein. Und so wurde deutlich, dass Osenstätter Chancen für eine zukunftsorientierte Stadt gerade auch im wirtschaftlichen Bereich durch eine florierende Wirtschaft sieht, wogegen Mörtl-Körner es persönlich »spannend« fand, sich als einzige Frau dem Wettbewerb mit den vier Männern zu stellen und klar machte, dass die »Bewahrung der Schöpfung« ein Thema ist, das sie schon immer in ihrem politischen Handeln mit geprägt habe. Kegel, ursprünglich aus Niederbayern kommend, betonte, er fühle sich »sakrisch wohl hier in Traunstein«. Er wolle im Falle seiner Wahl zum Oberbürgermeister Traunstein zusammen mit den Bürgern gestalten. Oberbürgermeister Kösterke stellte seine tiefe Verwurzelung in Traunstein heraus. Er stehe für die Bürger der Stadt und betreibe keine Partei- und Klientelpolitik. »Auf mich können Sie sich verlassen« warb er um Stimmen für seine Wiederwahl. Jörger betonte ebenfalls die Parteienunabhängigkeit seiner Wählervereinigung mit ihm als Kandidaten. Der promovierte Physiker machte deutlich, dass es für ihn von elementarer Bedeutung sei, die Bürger in die Entscheidungsprozesse in der Stadt frühzeitig mit einzubeziehen, weniger »Geheimdiplomatie« sei mit ihm als Stadtoberhaupt zu erwarten.

Im Nachgang bekam jeder der Kandidaten ein Thema zugelost, wobei diese im Vorfeld der Veranstaltung über die Fragen informiert wurden und sich entsprechend darauf vorbereiten konnten. Welches der fünf kommunalpolitischen Themen aber dem Einzelnen zugelost wurde, war nicht bekannt. Jeder Kandidat konnte drei Minuten über sein Thema referieren, bevor sich die Mitbewerber dazu äußern konnten. Ausgesuchte Themen waren die Aufwertung des Ensembles der Klosterkirche zu einem überregionalen Kunst- und Kulturzentrum, die Frage, wie radfahrerfreundlich Traunstein ist, sowie die Frage nach der Familienfreundlichkeit der Kindergartengebühren in Traunstein. Mit so mancher Spitze gegen den politischen Mitbewerber lief die Diskussion um die beiden letzten Themen ab. Hier ging es um den Ausbau und das Kostenvolumen für die Güterhalle sowie die Schaffung eines neuen Gewerbegebiets im Traunsteiner Süden.

Waren die unterschiedlichen Auffassungen zum Thema »Klosterkirche« noch eher kleine Scharmützel, ging es zum Themenbereich »Radfahrerfreundliche Stadt« schon deutlicher zur Sache. Während Oberbürgermeister Kösterke auf die Rechts- und Sachzwänge bei oft zu schmalen Straßen hinwies, die einen Einbau eines zusätzlichen Radfahrweges unmöglich machten, wollte sich Mörtl-Körner nicht damit zufrieden geben: »Traunstein ist weit davon entfernt, eine fahrradfreundliche Stadt zu sein.« Kegel regte an, Radabstellmöglichkeiten zumindest vor den Behörden zu installieren.

Beim Themenbereich »Kindergartengebühren« hatte der letzte Stadtratsbeschluss beziehungsweise die beschlossene Reduzierung der Gebühren, dem Thema, das sonst das wohl beherrschende Wahlkampfthema gewesen wäre, weitgehend den Wind aus den Segeln genommen. Da sich der Idealzustand der völligen Gebührenfreiheit nicht, oder erst dann lösen lasse, wenn der Freistaat den Kommunen in dem Bereich finanziell deutliche Zuwendungen gewährt, war man sich weitgehend einig, dass man eine gute Lösung auf den Weg gebracht habe. Nur Mörtl-Körner blieb auf ihrem Standpunkt, der Beschluss sei »sozial nicht gerecht«.

Hochqualifizierte Stellen für Arbeitnehmer schaffen

Die Auslosung wollte es so, dass Mörtl-Körner über das derzeit von den Grünen in Frage gestellte Thema »Gewerbegebiet im Süden« umfassender Stellung nehmen konnte. Es gäbe in der Stadtmitte genügend freie Flächen. »Wir sind gegen die Zersiedelung und Verpflasterung der Landschaft.« Osenstätter verteidigte die Planungen, man schaffe sehr viele hochqualifizierte Stellen für Arbeitnehmer. Jörger stellte die Frage, welches Gewerbe man überhaupt wolle. Kegel erinnerte an die Verantwortung, die man auch der örtlichen Wirtschaft gegenüber habe. Oberbürgermeister Kösterke wies darauf hin, dass der frei verkäufliche Gewerbegrund in Traunstein zu teuer sei, was auch zu Abwanderungen führe.

Bilder zu dem Abend gibt es unter www.traunsteiner-tagblatt.de zu sehen. awi