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»Von klein auf mit dem Eisenbahnvirus infiziert«

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Etwa alle drei Wochen tritt Michael Nowak um acht Uhr früh in Obing seinen ehrenamtlichen Dienst bei der Chiemgauer Lokalbahn an.

Das Traunsteiner Tagblatt stellt eine Reihe von Persönlichkeiten vor, die sich weit über das erwartbare Maß hinaus um die Gäste der Region kümmern, heute Lokführer Michael Nowak.


Der Chiemgau ist seit den Anfängen des Tourismus' eines der beliebtesten Reiseziele der Deutschen. Vom Chiemgau erwarten die Menschen Herzlichkeit, ländliche Strukturen, unberührte Natur – und freundliche Menschen, die Haus und Hof, Grill und Garten mit ihnen teilen – oder ihre Freizeit für sie opfern. Wer aber sind diese Menschen?

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Häufiger Seitenwechsel gehört für Michael Nowak dazu. Jedes Mal, wenn der Triebwagen aus dem Jahr 1962 in den Zielbahnhof einfährt, räumt der 48-Jährige seinen Platz am Fahrpult. Den mächtigen Schlüsselbund nimmt er mit und geht ans andere Ende des Wagens. Dort folgen immer dieselben Handgriffe: Die Abdeckung des Fahrpults aufschließen, Zugsignale schalten, eine Bremsprobe durchführen, die Zugnummer in die Zugsicherungsanlage eingeben.

Acht Mal wiederholt sich dieser feste Ablauf an den Sonntagen zwischen Mai und Oktober, wenn die Chiemgauer Lokalbahn von Obing nach Bad Endorf fährt und wieder zurück. Ausflügler und Einheimische nutzen die Bahn etwa zu gleichen Teilen, schätzt Nowak. Einige kommen mit dem Zug aus München und fahren weiter nach Amerang, um dort die Museen zu besuchen. In Obing wandern sie um den See und kehren in einem der zahlreichen Lokale ein. Einige kommen auch von weit her – das sind dann Urlaubsgäste oder Eisenbahnfans wie er selbst. Am vergangenen Sonntag unternahm eine Behindertengruppe eine Fahrt mit der Lokalbahn. »Die hatten eine Riesenfreude«, erinnert sich der Ampfinger.

Etwa alle drei Wochen tritt er um acht Uhr früh in Obing seinen ehrenamtlichen Dienst an und beendet ihn dort rund elf Stunden später. Nach dem letzten Halt des Schienenbusses um 18.40 Uhr muss der Abschlussdienst gemacht werden. Also ins Abstellgleis rangieren, alles absperren und überprüfen, ob ausreichend Öl, Treibstoff, Wasser und Sand für die nächste Fahrt vorhanden sind. Sand benötigt der Zug zum Bremsen: »Wir fahren mit Metallrädern auf Metallschienen, da ist die Reibung nicht so hoch wie etwa bei Gummireifen auf Asphalt. Bei Regen oder auf abschüssiger Strecke braucht man immer wieder Sand, um die Reibung zu erhöhen.« Der Sand rieselt auf Knopfdruck aus den Sandfallrohren vor die Räder, die Bremsung ist gesichert.

Eine Dreiviertelstunde braucht der Triebwagen mit der Modellnummer »VT 26« für die 18 Kilometer lange Nebenstrecke, die der Verein »Lokalbahn Endorf-Obing« (LEO) ebenso wie die Fahrzeuge aus Eigenmitteln erworben hat. Ohne die ehrenamtliche Mitarbeit der Lokführer, der Schaffner und vieler Vereinsmitglieder gäbe es den LEO nicht. Wer ans Fahrpult will, braucht neben einer allgemeinen Lokführerausbildung auch eine Typenberechtigung für den »VT 26«. Nowak, von Beruf Mathe- und Physiklehrer am Mühldorfer Gymnasium, kennt die Geschichte des Fahrzeugs: »Die Augsburger Firma MAN hat das Modell in den 1950er Jahren entwickelt. Die Bundesbahn wollte das Modell nicht haben, aber einige private Bahnen. Deshalb gibt es nur etwa 30 bis 40 Exemplare davon. Und nur eines in Bayern.«

Außer dem nostalgischen Triebwagen betreibt der Verein eine Rangierlok und ein Baufahrzeug. Auch die Reparaturen an Triebwagen und Gleis werden im Ehrenamt erledigt. »Es ist ein Glück«, sagt Nowak, »dass hier noch alles analoge Technik ist, deshalb können wir vieles selbst machen. Oft müssen wir improvisieren. Es bleibt uns auch gar nichts anderes übrig, denn der Betrieb muss sich komplett selber tragen.« Nur bei der Zugsicherungsanlage ist digitale Technik unvermeidlich. Regelmäßig muss sie von externen Fachleuten geprüft und gewartet werden.

Physik und Eisenbahntechnik: Da gibt es für den Lehrer einige Anknüpfungspunkte, weshalb er mit seinen Schülern hin und wieder Ausflüge zur Lokalbahn macht. »Man will ja die Schüler nicht nur mit trockenen Formeln quälen, sondern ihnen auch zeigen, wo das, was sie lernen, Anwendung findet«, sagt der zweifache Vater, der »von klein auf mit dem Eisenbahnvirus infiziert war« und auch seine Söhne mit seiner Begeisterung angesteckt hat. Seine eigene Liebe zur Eisenbahn begann sehr früh. Die ersten Teile der Modellbahn im Keller sind über 40 Jahre alt, und das Archiv von Loks und Zügen, die er seit Kindertagen fotografiert hat, ist mehrere tausend Bilder stark.

Die schönsten Momente als Lokführer erlebt Nowak bei den Sonderfahrten an Ostern, am Nikolaustag und am 23. Dezember. Jedes Jahr an diesem Tag holt eines der Vereinsmitglieder in Salzburg das Friedenslicht ab und steigt damit in Endorf in die Lokalbahn um. An allen Haltestellen warten Menschen mit Laternen und entzünden ihre Weihnachtskerzen am Friedenslicht. »In Amerang hat es einmal mehr als 20 Minuten gedauert, bis wir weiterfahren konnten, so viele Leute waren da«, erinnert sich Nowak. »Es ist ein schöner Anblick, wenn alle mit den erleuchteten Laternen in die Dunkelheit heimgehen. Das vergisst man nicht.« fb

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