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Vom Vorlesen zum Selberlesen

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Glücklich präsentiert Julia Gerl ihre »Schulausrüstung«. Besonders stolz ist die Sechsjährige auf ihre Schultüte. Als großer Fan der »Landshuter Hochzeit« hat ihre Mama ihr ein Brautpaar mit Pferden, Kutsche und Burg im Hintergrund gebastelt. (Foto: Bauer)

Traunstein – Irgendwie sind sie alle ein bisschen nervös: Mama Ulli und Papa Bernhard, die kleine Schwester Sonja, vor allem aber Julia. Die Sechsjährige kommt nämlich heute in die Schule.


Das bringt einiges an Veränderung im Hause Gerl. Julia freut sich auf die Schule. Auf was am meisten, weiß sie gar nicht. »Auf die Schule überhaupt«, antwortet das blonde, zierliche Mädchen. Wobei sie ihrer Mama recht gibt, als diese ergänzt: »Dann kannst Du Deine Bücher selber lesen.« Die Klassenlehrerin und das Schulgebäude hat Julia bei einem Besuch vor den Ferien bereits kennengelernt. Am allermeisten beruhigt sie jedoch im Moment, dass ihre Nachbarin Eva mit ihr in dieselbe Klasse kommt. Schon auf dem Weg zur Schule hat sie daher ein vertrautes Gesicht an ihrer Seite.

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Den Schulweg vorher geübt

Etwa 30 Minuten Fußweg liegen zwischen der Gmelchstraße und der Ludwigstraße. Ganz schön weit für so kurze Beine. »Es gibt eine Bushaltestelle auf der anderen Seite der Chiemseestraße. Aber da kommt man morgens nicht rüber«, sagt Ulli Gerl. Und die andere Haltestelle des Schulbusses wäre in Traunstorf. Bis die Sechsjährige dort ist, ist sie auch schon fast in der Schule. Also hat die Familie entschieden, dass Julia zu Fuß gehen soll und den Weg vorab geübt. »Wobei wir sie am Anfang schon begleiten werden«, so die Mama.

Beim Schulweg-Üben habe sie so manches Mal den Kopf geschüttelt über die Rücksichtslosigkeit von Autofahrern. »Ich steh' mit Julia gerade am Zebrastreifen beim Bahnhof und erkläre ihr, was das ist, da fährt vor uns einfach ein Auto drüber.« Sie hofft, dass ihre Tochter künftig darauf achtet, dass die Autofahrer sie gesehen haben, ehe sie eine Straße überquert. »In einer Welt mit vielen Autos müssen Kinder lernen, damit umzugehen.«

Julia hat während des Gesprächs mit ihrer Mama ihre »Ausrüstung« geholt. Stolz präsentiert sie im Garten ihren grün-rot-gepunkteten Schulranzen »mit zwei geheimen Fächern«, wo sie bereits Kleinigkeiten verstaut hat, einem voll bestückten Federmäppchen, einem dazu passenden Basteltäschchen, einem Turnbeutel und noch einigem mehr. So ein Schulranzen ist heutzutage ein »All-in-one-Paket«, wie es scheint.

Am allermeisten begeistert die Schulanfängerin aber ihre Schultüte – ein Unikat, von der Mama gebastelt. »Da ist die Landshuter Hochzeit drauf«, fängt sie gleich an zu beschreiben. Mühevoll hat Ulli Gerl die Hochzeitsszene mit Pferden, Kutsche und Burg nachgebastelt und auf Papier geklebt. »Das ist die Braut Hedwig, die kommt aus Polen«, ist Julia auch bestens informiert. Sie ist ein großer Fan dieses historischen Spektakels, das alle vier Jahre in der Heimatstadt ihres Papas stattfindet. Zweimal war sie dort selbst schon dabei. Die Schultüte ist schon seit einigen Wochen fertig. Mama Ulli musste vor dem ersten Schultag aber nochmal nachbessern. »Die Kinder schleppen sie ständig rum und spielen mit ihr.«

Am heutigen ersten Schultag wird die Sechsjährige von der gesamten Familie begleitet, sogar beide Omas und Opas sind angereist. Mit in die Schule rein dürfen sie aber nicht. »Für uns gibt es währenddessen eine Bespaßung in der Turnhalle«, scherzt Ulli Gerl.

Sie und ihr Mann sind beide berufstätig. Deshalb sind sie künftig mehr denn je auf die Hilfe der Großeltern angewiesen. Denn während Kita und Kindergarten maximal 30 Tage im Jahr geschlossen haben, kommen künftig 64 Ferientage auf die Familie zu. »Da muss man viel Initiative zeigen und sich organisieren«, so die Mutter. In der Küche der Familie hängt deshalb ein Jahresplan, wo schon jetzt für 2018 alle Ferien- und Urlaubstage eingetragen sind. »Ich muss viel mit Omas und Gleitzeit machen. Anders geht das gar nicht«, sagt Julias Mutter.

Weniger zu arbeiten kommt für die Ingenieurin und ihren Mann aber nicht infrage, »weil der Job einen ja auch erfüllt«. Mittags wird einer von beiden nach Hause kommen, um die kleine Schwester Sonja vom Kindergarten abzuholen und auf Julia zu warten, wenn sie aus der Schule kommt und hoffentlich begeistert ist. Denn das ist Mama Ulli Gerl wichtig: »Ich wünsche ihr, dass sie in der Schule viel Spaß hat und ihre Neugierde erhalten bleibt. Denn das ist der Grundstein für ihr weiteres Leben und Lernen.«

Etwas wehmütig wird sie aber schon bei der Vorstellung, dass ihre Tochter jetzt ein »bisserl erwachsen« wird: »Denn das heißt ja dann auch, dass ich ihr nicht mehr vorlesen werde.« ka