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Vom Linksliberalen zum Antisemiten

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Knapp drei Jahre lang lebte Ludwig Thoma in Traunstein.

Er machte einen tragischen politischen Wandel durch. Vom aufmüpfigen, humorvollen Schriftsteller wurde Ludwig Thoma am Ende seines Lebens zum verbitterten Antisemiten. Doch seine »Lausbubengeschichten« oder die »Filser-Briefe« sind Erfolge. Inspirieren lies sich Thoma dabei auch von den Menschen im Chiemgau, wo er mehrere Jahre lebte. Darunter fast drei Jahre in Traunstein während seiner Zeit als Rechtspraktikant. Ludwig Thomas Geburtstag jährt sich heute zum 150. Mal.


Es gibt das Ludwig-Thoma-Gymnasium in Prien und die Ludwig-Thoma-Grundschule in Traunstein. Die Namensgebungen drücken die Wertschätzung für den bayerischen Schriftsteller aus, der durch Werke wie die später verfilmten »Lausbubengeschichten« oder die im Advent von Schauspielern vielfach rezitierte »Heilige Nacht« auch fast 100 Jahre nach seinem Tod noch immer bekannt ist. Ihre Ludwig-Thoma-Medaille verleiht die Stadt München hingegen schon lange nicht mehr. Die Rathausspitze distanziert sich damit von den späten antisemitischen Ausfällen des Dichters.

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Bekannt wurde der studierte Jurist durch seine Veröffentlichungen, in denen er gegen die kirchlichen Moralvorstellungen und das Spießbürgertum anschrieb. Auch sparte er nicht mit beißender Kritik an Staat und Gesellschaft. Anregungen für seine Geschichten lieferte ihm seine Zeit als Rechtspraktikant in Traunstein. Eine Gedenktafel in der Höllgasse erinnert noch heute an seinen Aufenthalt.

Zwischen September 1890 und Januar 1893 absolvierte er seine Ausbildung am Königlichen Amts- sowie Landgericht Traunstein und am Königlichen Bezirksamt Traunstein. Die Arbeit dort desillusionierte ihn. In einem Brief kommentiert er diese Zeit rückblickend: »Meinem Aufenthalt in München verdanke ich, mit meinem Loose zufrieden zu sein und all die vielen Wünsche und Luftschlösser zu vergessen, die ein permanenter moralischer Kater in Traunstein erzeugte.« Am Bezirksamt habe er gelernt, »wie sich die Vorgänge von selbst erledigen« – durch Liegenlassen oder Hin- und Herschieben. Zerstreuung und Inspiration für seine literarischen Werke bei einer frischen Maß Bier fand er in Traunstein unter anderem im damaligen Saal des Traunsteiner Hofbräuhauses.

So wie ihm die Arbeitswelt am Gericht sicher eine Vorlage für seine Kritik am Staat gewesen sein mag, so inspirierten ihn die Chiemgauer zu Figuren für seine Geschichten. So soll der damalige Ruhpoldinger Bürgermeister und Landtagsabgeordnete Georg Eisenberger als Blaupause für die Figur des »Josef Filser« gedient haben.

Idee für »Die Lokalbahn« entstand auch in Traunstein

Auch die Stadt Traunstein – dieser »wohlige Winkel«, dieses »biergewürzte« Städtchen – findet ihren Platz in Thomas Werk. Im Theaterstück »Die Lokalbahn« dreht sich alles um die Bahnstrecke zwischen Dornstein – das er als Synonym für Traunstein gewählt hatte – und Ruhpolding.

Durch seine Beiträge in der satirischen Wochenschrift »Simplicissimus«, deren Chefredakteur er zeitweise war, zog sich Thoma den Zorn klerikal-konservativer Kreise zu. Für ein in der Zeitschrift veröffentlichtes Spottgedicht über Mitglieder eines Sittlichkeitsvereins wurde er 1906 zu sechs Wochen Haft verurteilt, die er in einem Münchner Gefängnis absaß.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde jedoch aus dem einst linksliberal gesinnten Schriftsteller ein Nationalist, der 1915 freiwillig als Sanitäter an die Ostfront zog. Von dort wurde Thoma schwer erkrankt nach Hause geschickt. 1917 trat er in die Deutsche Vaterlandspartei ein.

Am Ende seines Lebens wurde Ludwig Thoma gar zum Antisemiten. Anonym verfasste er für den »Miesbacher Anzeiger« üble Hetzartikel. In einem 1989 im Piper-Verlag erschienenen Buch offenbarte der Regensburger Historiker Wilhelm Volkert judenfeindliche Ausfälle des Schriftstellers, der verbittert am Tegernsee lebte. Die Manuskripte wurden größtenteils im Nachlass Thomas gefunden. Darin hetzt der ehedem liberale Autor unverblümt gegen alles, was demokratisch oder links, fremd oder jüdisch war.

So rechtfertigt Thoma die Ermordung des ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner 1919 als »Hinrichtung«. Dieser und andere politische Morde hätten gezeigt, »daß es uns nicht an Temperament fehlt«. Sie seien nur »Vorspiele zu größeren Kuren« gewesen, »die wir uns gelobt haben, für den Fall, daß sich die Beschnittenen bei uns noch einmal mausig machen«, schreibt er. Am 26. August 1921 stirbt Ludwig Thoma in seinem Haus »Auf der Tuften« in Tegernsee an Magenkrebs. Auf dem Friedhof in Rottach-Egern ist er begraben.

In den Bücherregalen stehen heute freilich die anderen Werke Ludwig Thomas, etwa die hintersinnig-humorvollen »Lausbubengeschichten«, in denen der Pfeifenraucher seine rebellische Kindheit literarisch aufarbeitete. Große und kleine Bühnen spielen gerne seine Stücke wie etwa den Einakter »Erster Klasse«. Es ist die Begegnung mehrerer Zuginsassen mit dem bayerischen Landtagsabgeordneten Josef Filser, der freilich erst nach allerlei Verwirrungen als solcher erkannt wird.

Geboren wurde Ludwig Thoma am 21. Januar 1867 als Förstersbub in Oberammergau. Der Vater starb früh, seine Mutter musste sieben Kinder alleine großziehen. Nach der Schule studierte Thoma erst Forstwissenschaften, sattelte dann aber auf Jura um. 1894 ließ er sich in Dachau als Rechtsanwalt nieder, ehe er drei Jahre später nach München umzog und dort seine schriftstellerische Karriere begann.

Privat musste Ludwig Thoma Rückschläge verkraften. Seine 1907 geschlossene Ehe mit einer auf den Philippinen geborenen Tänzerin war glücklos, schon nach vier Jahren wurde sie geschieden. Seine spätere große Liebe Maidi Liebermann von Wahlendorf hätte Thoma gerne geheiratet. Die ihrerseits verheiratete Frau wollte sich aber nicht scheiden lassen. Dennoch führten Thoma und sie eine Partnerschaft. Er machte Maidi Liebermann zu seiner Haupterbin und vermachte ihr alle Verlags- und Urheberrechte. Als sie 1971 starb, wurde sie ebenfalls in Rottach-Egern beerdigt – in einem Grab direkt neben Ludwig Thoma. dpa/vew