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»Vom Kindskopf zum vollwertigen Mitglied der Truppe«

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Vor Verhandlungsbeginn des zwölften Prozesstages im Traunsteiner Schwurgerichtssaal: Der 21-jährige mutmaßliche Mörder von Bad Reichenhall und sein Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim (links). (Foto: Kretzmer)

Traunstein – Der 21-jährige Ex-Soldat und mutmaßliche Mörder von Bad Reichenhall wurde während seiner zehnmonatigen Dienstzeit bei der Bundeswehr deutlich reifer. Das sagte ein 35-jähriger Soldat gestern im Zeugenstand. Der Angeklagte sei – wie zumeist alle Neulinge, die mit etwa 17 Jahren zur Bundeswehr kämen – zunächst ein »jugendlicher Kindskopf« gewesen. Er habe sich allerdings im Laufe der Wehrzeit zu einem »vollwertigen Mitglied der Truppe« entwickelt. Die nochmalige Vernehmung des bereits vom Schwurgericht Traunstein ausführlich befragten 35-Jährigen stand vor dem Hintergrund, ob im Falle einer Verurteilung des 21-Jährigen Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht angewendet wird.


Wie berichtet, hatten zwei der drei Opferanwälte kurz vor Start der Plädoyers im Mai den Antrag gestellt, neben dem psychiatrischen Sachverständigen, der zu Jugendstrafrecht gelangt war, zusätzlich einen Gutachter für Jugendpsychiatrie einzuschalten. Die Nebenklagevertreter wollen auf Erwachsenenstrafrecht für den Angeklagten hinaus. Neben dem Mord an einem 72-Jährigen wirft ihm die Staatsanwaltschaft versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung an einer damals 17 Jahre und inzwischen 18 Jahre alten jungen Frau vor. Auf beide Opfer soll der in dem Prozess beharrlich schweigende Ex-Soldat mit einem großen Bundeswehr-Kampfmesser vielfach mit massiver Gewalt eingestochen haben. In beiden Fällen waren die Angriffe in der Nacht des Fußball-WM-Finales am 14. Juli 2014 besonders gegen die Augen gerichtet. Der 72-Jährige starb unmittelbar nach der nächtlichen Attacke noch auf der Poststraße. Die 17-Jährige konnte sich schwerst verletzt zu Anwohnern der Berchtesgadener Straße retten.

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»Ich weiß nicht, warum ich ihm nichts erzählt habe«

Unmittelbar in der Nähe des ersten Tatorts wohnte der 35-jährige Soldat. Er sei wegen einer bevorstehenden Dienstreise gegen 3.15 Uhr aufgestanden. Beim Frühstücken in der Wohnung habe er draußen auf der Berchtesgadener Straße Blaulicht bemerkt. Auf dem Weg zur Arbeit in der Hochstaufen-Kaserne habe er auf der von der Polizei gesperrten Straße dann den Toten gesehen. »Rettungskräfte waren noch an Ort und Stelle, konnten aber sichtlich nichts mehr unternehmen«.

In der Kaserne stieß der 35-Jährige auf den Angeklagten. In der Stube unterhielten sich die beiden nach Aussage des Soldaten vor Gericht ausschließlich über das Fußball-Endspiel. Dazu der 35-Jährige gestern: »Ich weiß nicht, warum ich ihm nichts von der Szene auf der Straße erzählt habe. Es ist ja relativ ungewöhnlich, dass in Bad Reichenhall ein Toter vor der Haustür liegt. Erst später habe ich anderen Kameraden beim Kaffeetrinken davon erzählt. Da war der Angeklagte aber nicht dabei.«

Auch gestern verlor der tatverdächtige 21-Jährige in der auf 16 Tage anberaumten Hauptverhandlung kein Wort. Nur mit seinem Verteidiger, Harald Baumgärtl aus Rosenheim unterhielt er sich manchmal kurz. Zum zwölften Mal war der insgesamt sehr unauffällig und stets ruhig wirkende junge Mann mit dem gleichen blau-weiß-gemusterten Pullover bekleidet. Am Rande des Prozesses war zu erfahren: Der Angeklagte verfügt über andere Kleidung, besteht aber im Gefängnis darauf, vor Gericht in dem besagten Pulli zu erscheinen.

Nach Plan des Vorsitzenden Richters Dr. Klaus Weidmann wird die frühere Chefin des 21-Jährigen am 18. Juni um 14 Uhr angehört.

Für den 30. Juni mit Beginn um 9 Uhr ist das Gutachten des Kinder- und Jugendpsychiaters geplant. Nach den Plädoyers am 3. Juli ab 9 Uhr soll das Urteil am 10. Juli verkündet werden. kd