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Vom Bärlapp bis zum Weidenröschen

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Dass er ein wandelndes Lexikon in Sachen »heimischer Flora« ist, bewies Fritz Irlacher (rechts) bei einer Kräuterwanderung am Eichberg. (Foto: M. Müller)

Grabenstätt. »Alleroberste Schublade«, entfuhr es dem Schlechinger »Kräuter-Papst« Fritz Irlacher ein ums andere Mal während seiner Kräuterwanderung rund um den Eichberg, wenn er wieder eines »seiner« hochwertigen Heilkräuter erspäht hatte. Eine kleine Gruppe hatte sich dem früheren Schlechinger Bürgermeister und »Vater« des Ökomodells Achental angeschlossen, um mit ihm einen kurzweiligen und informativen Ausflug in die heimische Pflanzenwelt zu unternehmen.


Gleich zu Beginn der Wanderung erfuhren die Teilnehmer, dass das Gänsefingerkraut früher erfolgreich bei Wundstarrkrampf (Tetanus) angewendet wurde. Die Wunden der Soldaten seien noch in den Weltkriegen mit einem daraus gewonnenen Sud ausgewaschen worden, so der Kräuter-Experte. Auch Pfarrer Kneipp habe darauf vertraut. Beim kleinen Weidenröschen handle es sich um ein »Männer-Kraut«, das bereits im Mittelalter erfolgreich bei Prostataerkrankungen zum Einsatz gekommen sei. Man bekomme es zwar in jeder Apotheke, doch »es ist dort sündteuer«, meinte Irlacher.

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Zu den hochwertigsten und ungemein vielseitig verwendbaren Pflanzen zählte er den Holunder, von dem »alles verwendbar« sei. Seit Jahrtausenden wüssten die Menschen um seine Heilkräfte. Früher seien um jeden Bauernhof Holunderstauden gestanden und als Zeichen der Ehrerweisung hätten die Männer beim Vorbeigehen ihren Hut gehoben. Ein Kräuterwanderer tat es ihnen gleich und nahm spontan seine Kappe ab.

Den warnenden Zeigefinger hob Irlacher, als man einen Schneeball mit seinen giftigen roten Beeren und das ebenfalls giftige Pfaffenhütchen passierte. Die Witwenblume heiße so, weil es früher Frauen gab, die ihre Männer damit vergiftet hätten, ließ Irlacher mit einem Schmunzeln verlauten. Die heilende Wirkung des Zinnkrautes habe er am eigenen Leibe erfahren, denn mit Hilfe von Zinnkraut-Sitzbädern sei bei ihm ein Nierenstein weggegangen. Bei Nierenproblemen helfe aber auch das Labkraut.

Zu den bedeutendsten hiesigen Heilkräutern zähle das am Eichberg häufig anzutreffende gelb blühende Johanniskraut, das zum Beispiel Prellungen, Schwellungen und Verstauchungen lindere. Seine Wirkung erziele es aber nur dann, wenn man es bei Sonnenschein zwischen 11 und 13 Uhr ernte, betonte Irlacher und schob hinterher: »Bei feuchtem Wetter wie heute ist es völlig wertlos«. Dass es im Volksmund auch als »Frauenkraut« bezeichnet werde, liege daran, dass ihm nachgesagt werde, Depressionen und schlechte Laune zu vertreiben, so der Kräuter-Fachmann – was diesmal allerdings nur die Männer lustig fanden; die Witwenblumen-Gefahr schienen sie dabei schon längst wieder vergessen zu haben.

Aus den Blütenknospen des Mädesüß und der Rinde der Weide habe man früher Salicylsäure gewonnen, ein entzündungshemmender Wirkstoff, der heute in abgewandelter Form als synthetisch hergestellte Acetylsalicylsäure – besser bekannt als Aspirin – verkauft werde, verriet Irlacher. Aber nicht nur gegen Kopfweh war die Wandergruppe gefeit, sondern auch gegen Krämpfe. Dagegen helfe der Bärlapp, den man Irlacher zufolge einfach auf die betroffene Körperstelle auflegen müsse. Als »meine beste Freundin« bezeichnete er die Engelwurz (Angelica), die vom Samenstand bis zur Wurzel »außergewöhnlich nützlich« sei. Sogar vor der Pest soll sie einst geschützt haben.

Als die Wandergruppe das gelb blühende europäische Springkraut passierte, erzählte Irlacher, dass das seit einigen Jahren massenhaft auftretende, rosa bis rötlich blühende Indische Springkraut seinen Zenit wohl überschritten habe und langsam auf dem Rückzug sei - zum Leidwesen der Imker, denn für deren Bienen sei die verlockend duftende, einst aus Asien eingewanderte Blütenpflanze längst zu einer wichtigen Nahrungsquelle geworden, betonte Irlacher. Die Natur zeige hier wieder einmal ihre Selbstregulierungskräfte. Dass diese nach wie vor intakt seien, sehe man heuer auch an den auffallend vielen Schmetterlingen. Auch wenn er es immer wieder versuchen werde, könne der Mensch die Natur niemals bändigen, sehr wohl aber kaputtmachen, warnte Irlacher. Auch deswegen sei es wichtig, die Kinder für den Schutz der heimischen Flora und Fauna zu sensibilisieren. mmü

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