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»Volltrunken von Missbrauch erzählt«

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Traunstein – »In volltrunkenem Zustand erzählte mir mein Mann, dass er eine meiner Töchter liebe und sie als Frau haben möchte neben mir. Ich bin davongerannt und wollte mich in den Kanal stürzen«, so beschrieb gestern die 49-jährige Mutter von drei Töchtern ihre Reaktion, als sie im Herbst 2013 von dem Missbrauch durch ihren Ehemann, den Stiefvater der Mädchen, erfuhr. Im nichtöffentlichen Prozess der Jugendschutzkammer am Landgericht Traunstein gegen ihren Ex-Mann bedauerte die Zeugin: »Es ist zwei Jahre etwas gelaufen. Ich bin die Mutter und habe es nicht gemerkt.« Direkt beobachtet habe sie jedoch nie etwas.


Letztlich musste die 49-Jährige damals nach und nach registrieren, dass sich ihr damaliger Mann bis zur Trennung im Oktober 2013 in der Wohnung der Familie in Bruckmühl an allen drei Töchtern in sexueller Weise vergriffen hatte. Während die Taten an der ältesten und der jüngsten Tochter im Vorfeld mit Blick auf das strafrechtliche Gewicht der übrigen Vorwürfe vorläufig eingestellt worden waren, gelangten 155 Taten an der mittleren Tochter ab deren zehnten Lebensjahr zur Anklage durch Staatsanwältin Dr. Kerstin Spiess. Lediglich einen Bruchteil davon räumte der 49-Jährige, mit Verteidiger Andreas Grabmann aus Rosenheim zur Seite, an den bislang drei Verhandlungstagen ein. Der Vorsitzende Richter sprach von einem »Zehn-Prozent-Geständnis«. Ein wesentlich weitergehendes Geständnis hatte der Angeklagte im Mai 2016 vor dem Ermittlungsrichter abgelegt. Die Jugendkammer gelangte vergangene Woche in einer Zwischenbewertung der Beweisaufnahme zu mindestens 120 Fällen.

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Die 49-Jährige, mittlerweile geschieden vom Angeklagten, befindet sich zurzeit in einer Klinik. Ihre aktuelle Wohnadresse musste die Zeugin, die Angst vor ihrem »Ex« hat, gestern nicht nennen. Ihren Gesundheitszustand beschrieb sie als »nicht gut«. Sie sehe aber die Notwendigkeit ihrer Aussage: »Ich mache es für meine Kinder.«

Kennengelernt habe sie den Mann 2009. Am Anfang seien sie relativ glücklich gewesen. Die Zeugin begründete: »Er hat sich wahnsinnig für die Kinder engagiert. Ich war total überrascht. Wir waren verliebt und glücklich.« Geheiratet hatten sie im Mai 2010. Die 49-Jährige erinnerte sich, »nach eineinhalb Jahren war es so, als sei ein Schalter umgelegt worden«. Ihr Mann habe plötzlich mehrere Aquarien und ein Motorrad haben wollen. Er sei ihr vorgekommen wie ein Kind, das ständig etwas Neues braucht. Er habe unzufrieden gewirkt, zu viel getrunken, sei jähzornig und aggressiv geworden, habe Sachen demoliert, zum Beispiel »einen Knoten in ein Bügelbrett gemacht – wie, weiß ich nicht«. Ein »Nein« habe er nicht akzeptiert: »Er ist ein Machtmensch.«

Mitte 2013 habe sie die Trennung vorgeschlagen. Als sie im Herbst des gleichen Jahres von dem Missbrauch an der anfangs Zehnjährigen gehört habe, habe sie sich zwei Wochen im Schockzustand befunden. Sie habe ihre älteste Tochter in der Folge gebeten, auf die jüngeren Kinder aufzupassen, während sie selbst in der Arbeit war.

Die von ihrem Rechtsbeistand, Max van der Leeden aus Rosenheim, begleitete Zeugin betonte gestern, der Angeklagte habe ihre Familie »kaputt gemacht«. Die Kinder lebten mittlerweile getrennt in verschiedenen Einrichtungen. Sie selbst trage schwer an der Schuld, sich auf den Angeklagten eingelassen zu haben. Die, inzwischen 16 Jahre alte. mittlere Tochter, die bei einer Pflegefamilie wohne, habe gesagt, sie hasse den Angeklagten. Sie wolle nicht allein mit einem Mann im Auto zu fahren – und sei es der leibliche Vater. Die durch Opferanwältin Manuela Denneborg aus Rosenheim vertretene Nebenklägerin wird in dem Prozess nicht aussagen müssen. Eine Sachverständige, Nadine Lipke aus München, bezeichnete gestern die früheren Aussagen der 16-Jährigen vor der Polizei als glaubhaft, widerspruchsfrei und stimmig.

Der Prozess wird am morgigen Freitag um 9 Uhr sowie eventuell am kommenden Donnerstag, 22. September, um 12.30 Uhr fortgesetzt. kd