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Visionär mit Beharrlichkeit: Fritz Irlacher wird heute 80 Jahre alt

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Als Fritz Irlacher 1990 zum Schlechinger Bürgermeister gewählt wurde, änderte sich nicht nur im Leben des Bäckermeisters vieles. Die Gemeinde erlebte einen Umbruch und profitiert davon bis heute. (Foto: Wunderlich)

Ob Ökomodell und sanfter Tourismus: Für die Gemeinde Schleching hat der Altbürgermeister vieles bewegt – Ruhestand ist keine Option


Schleching – Fast die Hälfte seines Lebens hat Fritz Irlacher als Bäckermeister gearbeitet. Bis sein Leben 1990 mit der Wahl zum Bürgermeister von Schleching eine große Wende nahm. Heute feiert der Altbürgermeister seinen 80. Geburtstag.

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Geboren wurde Fritz Irlacher am 7. April 1941 in Hammerau bei Salzburg. 1945 zog die Familie nach Schleching-Mühlau in das Haus des Bruders seiner Mutter. Aufgewachsen ist er als »Mittlerer« mit vier Brüdern und einer Schwester.

Da er in der Schule mit einem Notendurchschnitt von 1,3, sehr gut war, empfahl der damalige Pfarrer Pichler ein Studium, was die Eltern angesichts der sechs Kinder aber nicht finanzieren konnten. Stattdessen lernte er das Bäckerhandwerk.

Eine Leidenschaft, die Irlacher bereits in jungen Jahren entdeckte, begleitet ihn bis heute: das Fotografieren. Mit zehn Jahren kaufte er sich eine Fotobox, finanziert vom selbst verdienten Geld als Ministrant. Später hat er mit seinen Fotos unzählige Lichtbilder-Vorträge gehalten, die die Flora und Fauna des Schlechinger Tals zeigen. Denn der Natur gilt ebenfalls seine Liebe. Mit Fug und Recht kann er behaupten, »ich kenne alles, was bei uns wächst«. Als Autodidakt hat er alles über die Pflanzen aus Büchern gelernt. Als er 1962 zur Bergwacht ging, war er dort 25 Jahre als Naturschutzreferent tätig.

Das kann sein Amtsnachfolger Josef Loferer nur bestätigen, der sich an eine gemeinsame Wanderung mit Fritz Irlacher zur Priener Hütte zu einem Berggottesdienst anlässlich »20 Jahre Naturschutzgebiet Geigelstein« erinnert. Loferer empfand den Fußmarsch als spezielle Naturführung: »Fritz kannte wirklich jede Pflanze namentlich«.

Auch sportlich war Irlacher gut unterwegs als aktiver Fußballer. Er erinnert sich im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt, wie er als Torwart eine eigene Schritttechnik entwickelt hat: »Ich hab den Zwischenschritt erfunden«. Eine große Ehre wurde dem FC-Bayern-Fan zuteil als er Franz Beckenbauer auf eine Kräuterwanderung mitgenommen hat. Zudem hat er die Gemeinde Schleching auf Spur gebracht: In den 1970er Jahren etablierte er zusammen mit Siegfried Hofstetter den Langlauf in Schleching, der bis dahin ein alpiner Skiort war. Das gemeindeeigene Spurgerät fuhr Irlacher jahrelang selbst.

Seine Frau Maria hat Fritz in der Backstube kennengelernt, aber nicht weil sie auch Bäckerin war – sondern beim Tanzen. Die jungen Männer in Schleching haben seinerzeit, so erinnert er sich, in der Backstube das Tanzen geübt, zunächst mit einem Besen, bis dann die jungen Madeln dazukamen. Dabei hat er seine Marei kennengelernt und »nicht mehr auslassn«, geheiratet wurde 1965. Das Paar hat zwei Töchter und zwei Enkel.

Als Fritz Irlacher 1990 zum Bürgermeister gewählt wurde, änderte sich nicht nur im Leben von Fritz Irlacher vieles. 1994 feierte die Gemeinde »800 Jahre Streichen« – das war, so erzählt der Jubilar, einer der Auslöser für den Ökomodell-Gedanken. Bei der Aufarbeitung der historischen Begebenheiten wie zum Beispiel der Schlechinger Samer-Tradition, wurden durch viele Veranstaltungen und Gespräche, unter anderem mit dem heutigen Heimatpfleger Hartmut Rihl, neue Wege für den Ort gesucht.

Fritz Irlacher ist ein echter Pionier und Visionär in Sachen sanfter Tourismus. Er hat sehr früh erkannt, dass das eigentliche Kapital von Schleching in der erhaltenswerten und bäuerlich geprägten Landschaft, im Naturschutzgebiet Geigelstein, im Brauchtum, den privaten Vermietern und den gemütlichen Gasthäusern liegt.

Wo er konnte, knüpfte er Kontakte in die hohe Politik und lud deren Vertreter nach Schleching ein. Dabei lernte er auch Landtagspräsidenten a.D. Alois Glück kennen, der damals Landtagsabgeordneter war. Mit ihm verbindet Fritz Irlacher bis heute eine Freundschaft.

Bei diesen Gesprächen berichtete der Bürgermeister den verschiedenen Entscheidungsträgern, dass Schleching touristisch mit den bekannten Orten wie Reit im Winkl, Kössen oder Kitzbühel nicht mithalten kann und einen anderen Weg beschreiten will. »Wir wollen einen naturverträglichen Tourismus«, betonte er. Unterstützung bekam er dabei von der TU München, die analysierte, was in Schleching möglich ist.

1996 wurde auf sein Bestreben hin das Ökomodell Schleching gegründet, zunächst auch gegen viele Widerstände. Aber Irlacher hat Überzeugungsarbeit geleistet und den Bauern die Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben. Eine umwelt- und sozialverträgliche Regionalentwicklung waren seine Ziele.

An die Anfänge erinnert sich Wolfgang Wimmer, der 1996 als Geschäftsführer beim Ökomodell Schleching begann. »Fritz Irlacher hat bei jedem Projekt immer erst die Chancen gesehen und nicht die Hürden.« Durch sein politisches Netzwerk fand er auch Möglichkeiten zur Förderung. »Seine Gedanken zum Naturschutz wurden erst belächelt und abgetan, aber mit Weitblick, großer Authentizität und einer tiefen Grundüberzeugung auf dem richtigen Weg zu sein, damit haben sich seine Ideen durchgesetzt«, betont Wimmer.

Als passioniertem Netzwerker gelang es Fritz Irlacher schließlich 1999, zusammen mit den anderen Achental-Gemeinden das Ökomodell Achental zu gründen, dessen Ehrenvorsitzender er heute noch ist.

Sein Freund und Weggefährte Alois Glück sieht in Fritz Irlacher die Verkörperung des Ökomodells Achental, das mit seiner Entwicklung den ganzen Raum geprägt hat. »Es ist eine große Lebensleistung«, betont Glück. Auch wie Fritz Irlacher die massiven Konflikte zwischen Landwirtschaft und Naturschutz bei der Auseinandersetzung um den Geigelstein gelöst hat, sein weitblickender Kurs und die Stellung der Weichen in die richtige Richtung, findet Glück bewundernswert. Ebenso seinen legendären Ruf als Kenner der Heilkräuter und deren Anwendung sowie die Dokumentation der Veränderungen in der Vegetation als Fotograf.

Josef Loferer – Amtsnachfolger von Fritz Irlacher – erinnert sich an bewegte Zeiten, in denen er als Gemeinderat unter der Leitung von Fritz Irlacher saß und in dieser Zeit auch Bauernobmann war. Er hat hohe Achtung vor der richtigen Zielsetzung bei der Ökologisierung in Schleching und trägt diese Gedanken in seinem Amt weiter.

Durch die Verbindungen in die Politik wurden Möglichkeiten geschaffen, seine Visionen auch umzusetzen. Für die Entwicklungen, die zu der damaligen Zeit ungewöhnlich und weitsichtig waren, hat er Anerkennung von vielen Seiten bekommen, sein Erfolgsmodell wurde ein Vorzeigeobjekt.

Auch kulturell tat sich viel in der Amtszeit. Durch Initiative von Fritz Irlacher wurde 1996 der Kulturförderverein gegründet und zwei Jahre später der Heimat- und Geschichtsverein Achental.

Das Wirken von Fritz Irlacher ist weit über die Grenzen des Achentals bekannt, viele Auszeichnungen hat er bekommen, zweimal die Bayerische Staatsmedaille, den ersten Preis für das »Dorf der Zukunft« und natürlich ist er Ehrenbürger von Schleching.

Wenn Fritz Irlacher aus seinem Leben erzählt, fallen ihm immer wieder besondere Höhepunkte ein, wie die dreitägige Zusammenkunft der ESA (Europäische Raumfahrtunion) in Schleching, wo sich achtzehn Astronauten aus Europa und Amerika getroffen haben und von der Gemeinde gesellschaftlich betreut wurden.

Auch heute will Fritz Irlacher nichts vom Ruhestand wissen, nach wie vor wirkt er in vielen Projekten mit, so zum Beispiel beim Gartenbauverein in Schleching. Er hat das so beliebte Sauerkrautfest initiiert, jetzt gerade für die Schulkinder frische Osterkränze gebacken (wir berichteten).

Auf die Frage, was für ihn das Wichtigste im Leben ist, antwortet Fritz »nichts Materielles, wichtig sind die Familie und die Bürger, das aktive Einsetzen für Andere, der Umgang mit Menschen, das wirkliche Zusammenarbeiten und sich dabei nicht in den Vordergrund zu stellen«. wun

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