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Diskutierten am Vogelspitz bei Schleching über den Wert der Naturwaldreservate (von links): Revierförster Otto Ertl aus Teisendorf, Anna Hörterer vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Traunstein, Jakob Haas, Förster der Waldbesitzervereinigung Traunstein, Stefan Zauner, Regionalvorsitzender Südostoberbayern des Ökologischen Jagdverbands, Wolfgang Madl, Bereichsleiter Forsten am AELF Traunstein, Joachim Kessler, Leiter des Forstbetriebs Ruhpolding der Bayerischen Staatsforsten, Revierförster Josef Gambs vom Forstrevier Inzell und Dominik Zellner, Experte für Waldnaturschutz am AELF Traunstein. (Foto: Effner)

»Urwälder von morgen« als Schatz der Artenvielfalt – AELF-Fachexkursion im Naturwaldreservat Vogelspitz bei Schleching

Landkreis Traunstein – Unter dem Motto »Grünes Netzwerk der Naturwälder« hatte Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber im Dezember 2020 rund 58.000 Hektar naturnahe, ökologisch besonders wertvolle Staatswälder unter dauerhaften Schutz stellen lassen. Eine Fläche, die siebenmal so groß wie der Chiemsee ist, kann sich damit ohne lenkenden Einfluss des Menschen und wirtschaftliche Nutzung in natürlicher Dynamik entwickeln.


Über die besondere Aufgabe der für den Naturschutz und die Artenvielfalt wichtigen Naturwälder sowie der daraus gewonnenen Forschungserkenntnisse informierten das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Traunstein und der Forstbetrieb Ruhpolding auf einer Fachexkursion in Schleching. Konkret beleuchtet wurde dabei die Situation im Naturwaldreservat »Vogelspitz«. Es war 1978 aus der Bewirtschaftung genommen worden und ist mit heute 240 Hektar das drittgrößte Naturwaldreservat in Bayern. 2013 war das Gebiet um die markante Felsformation um die beiden benachbarten Naturwaldreservate der Geißenklamm und des Jagerbodens vergrößert worden.

In der Diskussion mit weiteren Experten erläuterten Wolfgang Madl, Bereichsleiter Forsten am AELF Traunstein, Joachim Kessler, Betriebsleiter des Forstbetriebs Ruhpolding der Bayerischen Staatsforsten, Josef Gambs, der zuständige Revierförster des Forstreviers Inzell, sowie Dominik Zellner, Waldnaturschutzspezialist des AELF, die Details.

Wie Betriebsleiter Kessler erklärte, umfasst der Waldbestand im Freistaat eine Größe von 2,5 Millionen Hektar. Davon seien 800 000 Hektar in Staatsbesitz. Zusammen mit den 165 Naturwaldreservaten, die 7525 Hektar ausmachen, den beiden selbstständig verwalteten Nationalparks Bayerischer Wald und Berchtesgaden sowie weiteren Naturwäldern bilden knapp zehn Prozent der Staatswaldfläche laut Kessler ein zusammenhängendes »Netzwerk wilder Waldnatur«. Es repräsentiere alle im Freistaat typischen Waldarten.

Diese »Urwälder von morgen«, so Kessler, dienen einerseits dazu, Aufschlüsse über die Biodiversität sowie die Verjüngung und Veränderung der Waldgesellschaften und Baumarten zu bekommen, wenn der Mensch nicht mehr aktiv in die Bewirtschaftung eingreift. Gerade vor dem Hintergrund der Klimaveränderung und Zukunftsfähigkeit der Wälder ergäben sich daraus wertvolle Erkenntnisse. Lediglich im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht der Wege, dem Schutz angrenzender Waldgebiete vor Schädlingen wie dem Borkenkäfer und der Regulierung des Bestands von Gams-, Reh- und Rotwild seien behutsame Eingriffe erlaubt. Neben dem Erkenntnisgewinn dienen die Naturwaldreservate laut Kessler auch der Erholung, dürfen also auch betreten werden.

Wie Wolfgang Madl deutlich machte, liegen zusammen mit der Reiteralpe, dem Fischbach-Gebiet südlich von Ruhpolding/Laubau und dem Vogelspitz die drei größten Naturwaldreservate des Freistaats im Amtsbezirk des Traunsteiner AELF. Revierförster Josef Gambs ergänzte, dass das Gebiet Vogelspitz vor allem durch blockschuttreiche, zum Teil recht steile Hangflächen und Schluchtpartien sowie Bergmischwald aus Fichte, Buche, Bergahorn und Tanne gekennzeichnet sei. Ebenso typisch seien Zonen unterschiedlicher Luftfeuchtigkeit, so dass sich auf einigen Partien des Vogelspitz-Felskamms sogar trockenheitstolerante Kiefern und Lärchen finden.

Wie sich Waldwurfflächen nach einem Sturm vor 13 Jahren verändert haben, ließ sich entlang des Aufstiegs am Luftbodensteig studieren. Zwischen zahlreichen, nur von der Rinde befreiten Totholz-Stämmen, die Nährboden für zahlreiche Pilz- und Insektenarten bieten, zeigte sich artenreicher Jungwald. Über Forschungserkenntnisse zur Artenvielfalt berichtete Dominik Zellner. Nach Aussage des Natura-2000-Gebietsbetreuers konnten im Naturwaldreservat Vogelspitz bereits 115 Pflanzen-, 170 Pilz-, 214 Schmetterlings- und 48 Schneckenarten gefunden werden.

Zu den Funden zählt auch die Österreichische Quellschnecke, eine in Bayern äußerst seltene Schneckenart. Als besondere Pflanzen im Naturwaldreservat sind der Rosmarin-Seidelbast, der Schwalbenwurz-Enzian und der Hirschzungenfarn zu nennen. Bei den Pilzen finden sich seltene Arten wie der Dunkelbraune Borstenscheibling und der Tannenfeuerschwamm. Zudem finden rare Schmetterlingsarten wie die Moorheiden-Kätzcheneule, die Rollflügel-Holzeule und die Heidekräuterrasen-Erdeule im Naturwaldreservat Vogelspitz ein Zuhause.

Dass die Naturwaldreservate generell ein echter »Schatz zur Bewahrung der Artenvielfalt« seien, wie Dominik Zellner ausführte, belege das Vorkommen bestimmter seltener Käfer, sogenannter »Urwaldreliktarten«, als Hinweis auf eine Vielzahl weiterer damit verbundener gefährdeter Organismen.

Wolfgang Madl erklärte abschließend, dass in den kommenden Jahren weitere im Bereich des AELF liegenden Naturwaldreservate bei Exkursionen vorgestellt werden sollen.

eff

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