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»Unser Ziel: Irgendwann überflüssig zu sein«

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Am Kopfende sitzt Martha Selbertinger (links, grüner Schal), zusammen mit Ina Augustin-Wimmer (stehend) bringt sie den geflüchteten Frauen die deutsche Sprache und Lebenskultur näher. (Foto: Wannisch)

Traunstein – »Hallo, wie heißen Sie?« Langsam spricht Martha Selbertinger den Satz vor...


Zehn Frauen, die im Mütterzentrum an der Katharinenstraße um einen großen Tisch herumsitzen, hängen an Selbertingers Lippen. Zunächst zögerlich sprechen sie die ungewohnten Worte nach. Immer wieder wird gekichert, wenn ein deutsches Wort nicht ganz so klingt, wie es klingen soll. Ist etwas unklar, klären es die Frauen auch noch auf Arabisch untereinander. Doch die Frauen gewinnen schnell Selbstvertrauen im Umgang mit der fremden Sprache und beginnen miteinander Deutsch zu sprechen.

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Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, diesen Ausdruck hören die Unterstützerinnen vom Sprach-Café nicht so gerne. »Wir sehen uns nicht als Helfer im klassischen Sinn, sondern als Frauen, die andere Frauen unterstützen«, beschreibt Martha Selbertinger die Gruppe von mittlerweile 16 Frauen, die sich im Sprach-Café engagieren.

Zusammenkommen bei Tee und Kuchen und ratschen, am Besten auf Deutsch, wenn es sein muss, auch mit Händen und Füßen – das ist das Traunsteiner Sprach-Café; ein offenes Angebot, das sich an geflüchtete Mütter richtet, denen es wegen mangelnder Kinderbetreuung oft nicht möglich ist, an regulären Sprachkursen teilzunehmen.

Angebot speziell für geflüchtete Frauen fehlte

Angefangen haben die Frauen des Sprach-Cafés im Juli 2016 zu dritt, darunter Selbertinger und Andrea Müller-Stoy, auf private Initiative hin. Als Mitglieder des Vereins »Soroptimisten«, der sich für Rechte von Frauen und Mädchen auf Bildung und bessere Berufschancen einsetzt, haben sie erkannt, dass ein spezielles Angebot zur Sprachförderung für geflüchtete Mütter mit Kindern fehlt. In Traunstein seien anfangs hauptsächlich geflüchtete Männer untergebracht worden, die verschiedenen Hilfsangebote hätten sich daran orientiert, erinnert sich Selbertinger. Inzwischen leben auch Familien aus Syrien, Afghanistan, Iran oder Irak in Traunstein.

Hier wollen die Frauen des Sprach-Cafés mit Unterstützung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligen Agenturen Bayern (lagfa) ansetzen. »Auch Mütter mit Babys und kleinen Kindern sollen die Chance bekommen, Deutsch zu lernen, sich mit ihrer neuen Umgebung und den hiesigen Gepflogenheiten und Werten vertraut zu machen«, sagt die pensionierte Sozialpädagogin Müller-Stoy. Das Konzept geht auf. Während die Frauen zusammensitzen, schlafen die Babys im Kinderwagen oder sitzen auf den Schößen ihrer Mütter, die größeren Kinder spielen gemeinsam in einem Nebenzimmer.

Zunächst haben die Mitglieder des Sprach-Cafés die Frauen aus der Traunsteiner Gemeinschaftsunterkunft an der Seuffertstraße »abgeholt«. »Wir sind, ganz unvoreingenommen, in die Einrichtung gegangen, haben an die Türen geklopft und gezielt die Frauen angesprochen, auf Englisch oder mit einem Handzettel«, erinnert sich Müller-Stoy. Um Vertrauen aufzubauen und Kontakt zu knüpfen, sind sie für mehrere Wochen immer am selben Tag zur selben Zeit wiedergekommen. »Die Männer haben uns am Anfang sehr skeptisch angeschaut«, ergänzt Selbertinger. Als Mutter wusste sie aus Erfahrung, dass man mit anderen Müttern am besten durch die Kinder in Kontakt kommt, bei denen Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede im Umgang miteinander keine Rolle spielen. »Kinder sind da einfach unvoreingenommen«. So brachte Selbertinger immer öfter auch ihre 13-jährige Tochter Lucia mit in die Gemeinschaftsunterkunft, andere Helferinnen folgten diesem Beispiel; das Eis war schnell gebrochen.

Die Kinder merken, Integration ist keine Einbahnstraße: Inzwischen hat auch Lucia ein paar Brocken Arabisch aufgeschnappt. Auch das »Mehrgenerationen-Konzept« hat sich durchgesetzt und bewährt. Neben Lucia kümmern sich auch Jana, Emma (jeweils 13) und der elfjährige Ben um die Kinder, während den Müttern durch das Sprach-Café das Ankommen in ihrer neuen Umgebung erleichtert wird.

Dies ist den Initiatorinnen ganz wichtig. »Wir wollen den Frauen auch gezielt zeigen, wie wir hier in Deutschland leben, sie ermutigen und ihr Selbstvertrauen stärken«, sagt Müller-Stoy. Gleichzeitig stelle man aber nicht die traditionelle, gewohnte Rolle der Frauen infrage. »Wir wollen sie bei der Integration unterstützen, wie sie es annehmen, überlassen wir den Frauen aber selbst.« Die Unterstützerinnen freuen sich über kleine Erfolge, etwa wenn sich eine der Frauen traut, Fahrradfahren zu lernen. In der arabischen Welt alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Vier Frauen haben ihre Deutschkenntnisse inzwischen so verbessert, dass sie an regulären Sprachkursen teilnehmen.

Strikte Trennung von Ehrenamt und Privatleben

Für die engagierten Frauen des Sprach-Cafés gibt es eine klare Grenze. »Wir machen die Einzelschicksale der Frauen nicht zu unseren Schicksalen, wir leben nicht für unser Engagement.« Zwischen der freiwilligen Arbeit und ihren jeweiligen Privatleben trennen sie strikt, sie unterstützen im Hier und Jetzt. »Unser Ziel ist es, dass wir irgendwann überflüssig und die Frauen gut integriert sind«, sagt Müller-Stoy – ohne Erwartungen und Versprechen. So bleibe der Frust auf beiden Seiten aus. vew