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Übernachten im »Bankversteck« als neue Attraktion

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Gäste aus aller Welt begeistert Vermieter Robert Jacobs (rechts) für das Thema Fliegenfischen, wie er beim Tourismustag in Seeon im Gespräch mit Moderator Nico Foltin und Claudia Kreier, Kommunikationschefin bei Chiemgau-Tourismus, erklärte. (Foto: Effner)

Seeon-Seebruck – Der Tourismus ist nach wie vor ein unverzichtbarer Kernbestandteil des Landkreises Traunstein. Das machte Landrat Siegfried Walch als wiedergewählter Vorsitzender des Chiemgau-Tourismus beim neunten Tourismustag Chiemsee-Chiemgau im Kloster Seeon deutlich.


Mit neuen Impulsen und Angeboten will der Verband künftig vor allem die Vermieter noch stärker als bisher mit ins Boot holen und fit machen für die Herausforderungen der Zukunft. Wohin die Reise geht, machten in Seeon zwei Impulsvorträge zur Buchungsplattform Airbnb und zur Servicekultur deutlich.

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Angesprochen auf die immer noch diskutierte Fusion mit dem benachbarten Tourismusverband Rosenheim erklärte Walch in seiner Eröffnungsrede: »Wir halten nach wie vor die Hand aus-gestreckt, wie der Bräutigam, der vor dem Altar wartet.« Auf der Arbeitsebene werde längst unbürokratisch kooperiert. Eine Fusion gelinge aber nur, wenn es alle wollen würden. Deshalb sei es besser, wenn man sie »nicht darennt, sondern dawart«.

Mit 4,1 Millionen Übernachtungen, über sechs Millionen Tagesgästen und mehr als einer halben Milliarde Euro Wertschöpfung sei der Tourismus ein wichtiger Baustein des Erfolgs für die Region. Durch die gute Infrastruktur sei er auch für die Unternehmen in Sachen Lebensqualität ein Standortvorteil im Ringen um Fachkräfte, so Walch.

Den Weg in die Zukunft des Chiemgau-Tourismus, die Digitalisierung und die »Vision 2030« stellte Geschäftsführer Stephan Semmelmayr ins Zentrum seines Jahresberichts. Gut angekommen seien bei den Gästen die neu geschaffenen Golf-, Brauerei- und Bergbahn-Kooperationen. Ebenso erfreulich sei die Resonanz auf das neue Logo, dass die Begriffe Chiemsee, Chiemgau und Bayerische Alpen verbinde. Mit der Siegsdorfer Petrusquelle und dem Anderlbauern aus Frasdorf werben bereits zwei Unternehmen auf ihren Etiketten damit als »Bot-schafter der Region«.

»Gesichter der Gastfreundschaft«

Trotz der leicht gestiegenen Aufenthaltsdauer der Gäste von durchschnittlich 4,1 Tagen bereite der nach wie ungebremste Rückgang an Betten Kopfzerbrechen. Dieser sei vor allem darin begründet, »dass die betreffenden Angebote nicht mehr der Zeit entsprechen«, so Semmelmayr. Als Anregung an die Vermieter, wie man Gäste als Stammgäste gewinnen kann, hat der Chiemgau-Tourismus zusammen mit den Lokalzeitungen, unter anderem dem Traunsteiner Tagblatt, im Sommer die Porträtserie »Gesichter der Gastfreundschaft« initiiert.

Die Beispiele belegen, wie in anregenden Gesprächen oder Unternehmungen, etwa zu den Themen Fliegenfischen, Römertag, Erlebnisaktionen, Rosengarten und Bauernhof-Ferien, Gäste und Einheimische zueinander finden und beide von den persönlichen Begegnungen profitieren. Einige dieser »Gesichter« stellten ihr Anliegen beim Tourismustag auf der Bühne vor.

Als wesentliche Säulen der neuen »Vision 2030« hob Semmelmayr vier Schwerpunkte hervor. So baue der Verband Netzwerke zu Experten und Unternehmen aus, um Kernzielgruppen besser zu erreichen. So geschehen etwa bei der Outdoor-Messe »Globeboot« in Übersee, die 6000 Besucher zu Produkttests genutzt haben. Ebenso seien fokussierte Weiterbildungsangebote für alle Betriebe bis hin zu einer Akademie, eine vertiefte Weiterentwicklung der Tourismusmarke und neue Mobilitätskonzepte gerade für jüngere Urlauber wichtige Bausteine.

Plattform Airbnb als neue Chance?

Dass der Tourismus im Chiemgau auch von neuen Buchungsplattformen wie dem 2008 in San Francisco gegründeten Airbnb profitieren kann, erläuterte Carola Klampt aus Berlin. Die Managerin ist für Süddeutschland zuständig. Das aus einer Studenten-WG entstandene Unternehmen vermittelt heute in 191 Ländern rund 260 Millionen Gästeankünfte. In 30 Orten im Chiemgau gebe es Angebote für junge, technikaffine und erlebnishungrige Urlauber, bei denen »Authentizität« hoch im Kurs stehe.

Klampt stellte als Beispiele ein Heu-Hotel in Inzell, ein »Bankversteck« in einem alten Tresor in Waging oder das »Haus am See« in Breitbrunn als gefragte Übernachtungsziele mit Mehrwert vor.

Wie man mit einer zukunftsfähigen Servicekultur Kunden binden und einen deutlichen Mehrwert für Gäste und sich selbst als Gastronom schaffen kann, darüber informierte Managementberaterin und Buchautorin Sabine Hübner mit einem detaillierten, praxisnahen und unterhaltsamen Vortrag. Ihre Kernaussage lautete, dass in einer zunehmend digitalisierten Welt künftig der Anspruch an persönliche Begegnungsqualität, Empathie und Servicekultur steigen und ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal sein wird.

Deren Wert rangiere noch vor den »harten Fakten« wie Gebäude und Infrastruktur oder Prozessstrukturen in Unternehmen. Als gegensätzliche Beispiele nannte Hübner ein nur von Robotern betriebenes »perfektes« Hotel in New York und ein bereits in die Jahre gekommenes Hotel einer Kette, das vor allem aufgrund der Charme- und Service-Offensive des Personals immer noch bestehe und ständig ausgebucht sei.

»Servicekultur ist die Summe der Geschichten, die sich Gäste über den Gastgeber erzählen«, erklärte Hübner. Kleine tägliche Trainings in der Wahrnehmung des Gasts für das Personal seien besser als drei Tage Fortbildung am Stück pro Jahr. Wem die Details im Umgang mit dem Kunden egal seien, der habe auf längere Sicht das Nachsehen: »Über 'Bast scho' spricht kein Mensch.« eff

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