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Trotz hoher Einwohnerzahl droht Fachkräftemangel

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Seit mehreren Jahren sei die Zahl der Arbeitsplätze in Traunreut massiv angestiegen und liege derzeit mit über 13 000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten.

Traunreut – Von den sprunghaft gestiegenen Zuzügen von Menschen aus Osteuropa und Flüchtlingen sind vor allem Städte und Gemeinden mit großen Firmen betroffen, wie beispielsweise Traunreut.


Wie sich die Zuzüge auf den Arbeits- und Wohnungsmarkt, Schulen und Kindertagesstätten auswirken werden, darüber gibt jetzt ein Gutachten Aufschluss, das die Stadt Traunreut in Auftrag gegeben hat. Von der Analyse des Instituts Demosplan wurde auch der Stadtrat jüngst in Kenntnis gesetzt.

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Laut der aufschlussreichen und komplexen Analyse hat Traunreut im vergangenen Jahr bei den Wohnsitzen fast die Höchststände der 1990er Jahre erreicht. Im Oktober 2016 wohnten insgesamt 21 888 Einwohner mit Erstwohnsitz in Traunreut. Damit hat sich der Trend des deutlichen Bevölkerungsanstiegs der vergangenen Jahre weiter fortgesetzt.

Nach Angaben des Institutsleiters, Dr. Herbert Tekles, liege diese Entwicklung nicht nur in Traunreut vor, sondern auch im gesamten Landkreis Traunstein sowie in vielen nichtstädtischen Regionen in Bayern. Allein durch die natürliche Bevölkerungsentwicklung (Geburten und Sterbefälle) würde in Traunreut und in den anderen Gebieten ein klarer Einwohnerrückgang erfolgen. Dass die Einwohnerzahlen trotzdem so deutlich steigen, sei eine Folge der Wanderungsgewinne.

Hauptfaktoren seien die hohen Zahlen der Zuzüge von Flüchtlingen in den vergangenen zwei Jahren und vor allem die mehr als dreimal so hohen Zuzüge von Ausländern aus EU-Osteuropa, insbesondere aus Ungarn, Rumänien, Kroatien und Polen. Außerdem sei in Traunreut auch eine deutliche Zunahme bei den Arbeitsplätzen festzustellen.

Während bei den Flüchtlingen in den kommenden Jahren von weiteren, eher geringeren Zuzügen vor allem durch Familiennachzüge auszugehen sei, werden laut der Analyse die Zuzüge von EU-Osteuropa-Ausländern wahrscheinlich steigen. Der Grund für den anzunehmenden Anstieg der Zuzüge von EU-Osteuropa-Ausländern liege in der Demografie des Arbeitsmarkts: In 15 bis 20 Jahren werden enorm viele ältere Beschäftigte in den Ruhestand gehen, gleichzeitig wird sich die Zahl der neu in den Arbeitsmarkt kommenden, jüngeren Menschen halbieren.

In der Konsequenz würden ohne überregionale Zuzüge in den Arbeitsmarkt 25 bis 30 Prozent der vorhandenen Arbeitsplätze nicht mehr besetzt werden können. Diese Entwicklung sei mit den Begriffen »Fachkräftemangel« und »Lehrstellenüberangebot« bereits seit einigen Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt. Dr. Tekles warnt davor, diese Begriffe angesichts der noch kommenden Veränderungen zu verharmlosen: »Die lokalen Arbeitgeber werden zu einem erheblichen Teil entweder vermehrt auf überregionale Zuzüge setzen oder ihre Leistungen deutlich einschränken beziehungsweise ihren Standort in Gebiete mit einer besseren Demografie verlagern müssen.«

Aufgrund der europäischen Bestimmungen, dass EU-Bürger ohne Hürden sofort in Deutschland beruflich tätig werden können und die beruflichen Qualifikationen vor allen in den handwerklichen Berufen weit mehr den deutschen Standards entsprechen als die von Flüchtlingen aus dem außereuropäischen Raum, liegen in Traunreut aktuell mehr als dreimal so hohe Zahlen von EU-Osteuropa-Ausländern als von Flüchtlingen vor.

Im Mai dieses Jahres wurden in Traunreut 1736 EU-Ost-Ausländer gezählt und 485 Flüchtlinge. Die Zuzüge in den vergangenen Jahren beinhalten laut der Studie oft auch einen entweder zeitgleichen, oder häufiger noch einen zeitversetzten Mit- oder Nachzug von Familienangehörigen und damit auch von Kindern. In der Folge werden für die Kindertagesstätten und Schulen in Traunreut zusätzliche Besucherzahlen anstehen. Angesichts der guten Versorgung sieht Tekles bei den Kindertagesstätten kein großes Problem, während das Gutachten bei den Schulen eine detaillierte Analyse empfiehlt.

Eine bedeutende Folge der Zunahme der Einwohnerzahlen und der Arbeitsplätze in Traunreut ist auch die Verkehrssituation. Seit mehreren Jahren sei die Zahl der Arbeitsplätze massiv angestiegen und liege derzeit mit über 13 000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten auf einem historischen Höchststand, heißt es in dem Gutachten. Entsprechend der gestiegenen Arbeitsplatzzahlen habe sich auch die Zahl der Einpendler auf 8500 deutlich erhöht. Deshalb seien die geplanten Verkehrsmaßnahmen sehr sinnvoll und für die weitere Stadtentwicklung von großer Bedeutung.

Nicht weniger von Bedeutung durch die Zunahme der Einwohnerzahlen sei der Bedarf an Wohnungen. Grundsätzlich läge ein Neubedarf an Wohnungen in allen Größensegmenten vor. Schwerpunktmäßig aber in größeren Wohnungen mit mehr als drei Zimmern. Ein- und Zweizimmerwohnungen seien in Traunreut mehr als überdurchschnittlich vorhanden und sollten wegen den damit verbundenen sozialstrukturellen Wanderungsfolgen nur sehr begrenzt erweitert werden.

Traunreut liege bei den Ein- bis Zwei-Zimmerwohnungen an der Spitze im Landkreis Traunstein, gefolgt von der Stadt Traunstein und der Gemeinde Ruhpolding. ga

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