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Traunstein: Mutter und Tochter niedergestochen – 15 Jahre Haft

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Der wegen versuchten Mordes Angeklagte Gergely S. (l) steht zu Prozessbeginn im Landgericht in Traunstein neben seinem Verteidiger Benjamin Pethö (Mitte) und verbirgt sein Gesicht mit einem Briefumschlag. Foto: dpa/Uwe Lein

Schulden, und dann auch noch die Freundin weg – für 15 Jahre hinter Gitter muss ein 24-jähriger Ungar, der eine 20-jährige Studentin und deren 52-jährige Mutter im Juni 2016 in deren Anwesen in Neumarkt-St. Veit durch tiefe Schnitte in den Hals lebensgefährlich verletzt hatte.


Traunstein (kd) – Das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Erich Fuchs verhängte am Donnerstag für zwei Fälle des versuchten Mords, für versuchten besonders schweren Raub und gefährliche Körperverletzung jeweils zwölf Jahre Freiheitsstrafe und bildete daraus die laut Gesetz höchstmögliche Gesamtstrafe von 15 Jahren. Der Leiharbeiter verfolgte die Urteilsbegründung blass und reglos auf die Anklagebank starrend.

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Erschreckend, skrupellos und ohne Hemmungen

Der Richter betonte, das Schwurgericht habe noch kein vergleichbares Tötungsdelikt verhandelt: „Die Tat ist erschreckend. Der Angeklagte ist ein gesunder junger Mann, der alltägliche Probleme hat, der seine Mutter in Ungarn unterstützt, nicht vorbestraft ist und ein vollkommen normales Leben führt. Er geht am helllichten Tag in aller Öffentlichkeit in das Anwesen einer Familie, attackiert zwei ihm unbekannte Frauen und bringt sie fast zu Tode – ohne jegliche Hemmungen. Man fragt sich, was in unserer Gesellschaft los ist, dass so etwas passieren kann.“

Zur Vorgeschichte schilderte der Richter, dass der in Neumarkt-St. Veit bei seiner Tante lebende 24-Jährige fast durchgängig gearbeitet habe. Das Geld reichte nicht aus, Schulden häuften sich an, Rechnungen blieben offen. Weil die Autoversicherung nicht bezahlt war, drohte die Zwangsentstempelung der Kennzeichen durch die Polizei. Außerdem verschlechterte sich die Beziehung zu seiner Freundin. Die Trennung stand bevor.

Der Tathergang

Nach Rückkehr von der Frühschicht am 27. Juni 2016 sah der Ungar wieder Rechnungen und Mahnungen im Briefkasten. Wütend verließ er die Wohnung mit fünf scharfen Messern, darunter das klappbare Rasiermesser. Etwa 20 Minuten radelte er im Ort herum. Gegen 16.30 Uhr kam er an dem besagten Haus vorbei. Der Ungar sah die 20-jährige Studentin, die ihm mit dem Rücken zugewandt auf der Terrasse saß. Von hinten schlich er sich heran, packte die junge Frau an den Haaren und hielt ihr das Messer an den Hals: „Nicht bewegen, nichts sagen.“

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Foto: dpa

Er zerrte die sich Wehrende rückwärts an den Haaren über die Terrasse und fügte ihr mit der Klinge massive Schnitte an Schläfe, Brust und durch die rechte Halsseite zu. Durch Geräusche alarmiert, stürzte die Mutter aus dem Haus. Sie schaffte es, den Täter wegzuziehen von der Tochter und geriet dabei selbst in seine Fänge. Die 52-Jährige trug Schnitte in ein Handgelenk und zweimal in die rechte Halsseite davon. Die blutenden Frauen flüchteten ins Haus, der Täter stürmte hinter her und drückte mit aller Kraft gegen die Türe. Die Frauen leisteten von innen Widerstand. Schließlich konnten sie die Tür doch schließen. Der Täter verschwand und konnte am gleichen Tag widerstandslos im Dachboden eines leerstehenden Hofs festgenommen werden.

Die Geschädigten erlitten lebensgefährliche Verletzungen mit durchtrennten Blutgefäßen, Sehnen und Muskeln. Eine Nachbarin, Krankenschwester von Beruf, leistete lebensrettende Hilfe. Fuchs wörtlich: „Ohne notfallmedizinische Versorgung wären die Opfer verstorben.“ Die 52-Jährige wurde mit dem Hubschrauber nach München geflogen. Nur Dank mehrerer Blutkonserven und sofortiger Operation überlebte sie. Die Narben beider Frauen sind bis heute sichtbar und beeinträchtigen stark.

Habgier und Heimtücke

Die Kammer hatte „keinen Zweifel an einem direkten Tötungsvorsatz“ des Angeklagten. Er habe gewusst, dass der Halsbereich eine sehr empfindliche Körperregion ist und den Tod der Frauen in Kauf genommen. Fuchs wörtlich: „Er wollte die Opfer töten, um sich ohne deren Gegenwehr im Haus Geld beschaffen zu können.“

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Foto: dpa

Zum Motiv betonte der Vorsitzende Richter gestern: „Federführend war für den Angeklagten das Beschaffen von Geld – um die Schulden zu begleichen, seiner Freundin etwas bieten und die Mutter unterstützen zu können.“ Grundsätzlich laute die Strafe bei Mord „lebenslänglich“. Die Kammer habe den Strafrahmen gemildert, auch wegen der Versuchstaten. Der 24-Jährige habe sich relativ kurzfristig zu den Taten entschlossen, habe nichts Wertvolles erbeutet. Nicht ausschließbar sei ein „Ausnahmezustand“.

Weitere positive Aspekte seien Sorgen um die Mutter, das Geständnis bei der Polizei, ein Entschuldigungsbrief. Dem stünden die Brutalität und die kriminelle Energie entgegen. Er habe zwei Menschen in die Nähe des Todes gebracht – durch einen Angriff am helllichten Tag im geschützten persönlichen Bereich: „Durch derartige Straftaten wird das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung beeinträchtigt.“

"Wir werden das Urteil prüfen"

Die Entscheidung wurde gestern nicht rechtskräftig. Der Verteidiger, Benjamin Pethö aus Hannover, kündigte an, er werde das Urteil intensiv mit seinem Mandanten prüfen. Der Anwalt hatte auf eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren plädiert. Staatsanwalt Björn Pfeifer und Nebenklagevertreter Jörg Zürner aus Mühldorf hatten jeweils lebenslange Haft gefordert. kd/dpa