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Todesfahrer erhält Bewährungsstrafe

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Traunstein – Jede Hilfe zu spät kam für einen 70-jährigen Radfahrer aus Kraiburg am 7. August 2014 gegen 22 Uhr. Der Rentner war an der Kreisstraße nahe Mayerhofen im Gemeindegebiet von Tittmoning von einem Auto von hinten erfasst und tödlich verletzt worden. Der Unfallverursacher, ein 62 Jahre alter Kaufmann aus Tittmoning, flüchtete und stellte sich erst eineinhalb Tage später der Polizei in Laufen.


Gestern verurteilte das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs den Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung, versuchten Totschlags durch Unterlassen und wegen Unfallflucht zu zwei Jahren mit dreijähriger Bewährungszeit und einer Fahrerlaubnissperre von noch zwei Jahren. Als Auflage muss er je 2500 Euro an den Verein für Krankenpflege Grabenstätt und an das Netzwerk Hospiz zahlen.

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Der 62-Jährige hatte beteuert, er habe einen »kräftigen Schlag« gehört und die herausgefallenen Seitenscheiben bemerkt. Warum er nicht angehalten habe, könne er nicht sagen: »Ich wollte einfach weg. Ich wusste ja nicht, was passiert ist.«

Der ganz rechts auf der Kreisstraße radelnde 70-Jährige war nach dem Erfassen von hinten mit Rücken und Kopf gegen die Windschutzscheibe des Wagens und dann etwa 22 Meter durch die Luft in eine Wiese geschleudert worden. Drei Ersthelfer versuchten bei Ankunft der Polizei wenige Minuten nach dem Unfall noch, dem 70-Jährigen zu helfen. Reanimationsmaßnahmen durch einen Notarzt blieben aber ohne Erfolg.

Der schreckliche Unfall löste damals eine große Fahndungsaktion der Polizei aus. Schnell konnten die Ermittler über die am Unfallort gefundenen Teile – darunter einen Nebelscheinwerfer und Teile des Grills – den Fahrzeugtyp feststellen. Rund 1400 Halter kamen in den Landkreisen Traunstein und Altötting in Frage, darunter der Angeklagte. Dieser hatte nach dem Crash unter anderem auch deswegen nicht gestoppt, weil er in der Dunkelheit das Ausmaß der Beschädigungen an seinem Wagen nicht erkannt hatte.

»Wie in einer Schocksituation« und »mit Blutleere im Kopf« – so Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim – machte sich der Angeklagte auf den Heimweg. Im Schein einer Straßenlampe sah er den Schadensumfang und umriss erstmals, dass er einen Menschen erfasst haben könnte. Zuhause beichtete er seiner Ehefrau: »Es ist ganz was Schlimmes passiert.« Mit einem anderen Wagen fuhr das Paar zurück zur Unfallstelle, sah das Blaulicht, die Polizei und »eine Person im Acker«. Die Beiden kehrten wieder um, ohne auszusteigen.

Der Verteidiger in seiner Erklärung namens des Angeklagten: »Das Ehepaar war so geschockt, dass keiner ein Wort sprach.« Wer das Unfallauto in die Garage gebracht und mit einer Plane abgedeckt hatte, wusste der Angeklagte vorgeblich nicht. Beim Besuch der Polizei am 8. August 2014 bei ihm zu Hause gab sich der 62-Jährige nicht als Unfallverursacher zu erkennen. Einen Tag später tauchte der Kaufmann aber samt beschädigtem Wagen morgens um 5 Uhr bei der Polizei in Laufen auf. Dass er gefahren war, verschwieg er noch. Seit fast einem halben Jahr sitzt er in Untersuchungshaft. Warum der 62-Jährige den Radfahrer übersehen hat – das stand gestern im Zentrum. Gestern meinte er: »Ich weiß es nicht.« Früher hatte er Ermittlern von einem »Bussard«, einer »Flasche« oder von »entgegen kommenden Lkws« erzählt.

Laut Gutachter Georg Thalhammer hatte sich der Radfahrer vorbildlich verhalten und sei aus mindestens 34 Metern Entfernung zu erkennen gewesen. Der Anstoß erfolgte dann mit etwa 70 Stundenkilometern. Und: Der Angeklagte hätte den Crash durch rechtzeitiges Bremsen oder Ausweichen verhindern können.

Professor Dr. Wolfgang Keil vom Rechtsmedizinischen Institut an der Universität München informierte unter anderem über zahlreiche Brüche und massivste innere Verletzungen des Getöteten. Der 70-Jährige sei »binnen Sekunden gestorben« und »nicht mehr zu retten« gewesen. Die Witwe des Opfers, die den ganzen Prozess verfolgte, akzeptierte gestern ein ihrem Anwalt von den Verteidigern überreichtes Schmerzensgeld von 5000 Euro. kd

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