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Tittmoninger »eine laufende Legende«

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Laufen – Mit zwei schweren Holzprügeln soll ein 34-jähriger Teisendorfer derart auf ihn eingeschlagen haben, dass drei Zähne fehlen. Zumindest behauptete das der 65-jährige Tittmoninger bei der Laufener Polizei und im Laufener Amtsgericht. Drei Vorderzähne fehlen dem Mann tatsächlich, das Drumherum allerdings erwies sich als »erstunken und erlogen«, wie es Staatsanwalt Florian Walter formulierte. Darüber hinaus hatte der Rentner seine angebliche Frau, seine »Tochter« und deren Kinder in ihrem Traunsteiner Haus lange terrorisiert. Weil es nun am Laufener Amtsgericht anstatt der bisherigen Geldstrafen eine Freiheitsstrafe auf Bewährung gab, kam der Tittmoninger zumindest finanziell ganz gut weg.


Über den Tag des Geschehens war man sich im Sitzungssaal 202 nicht ganz einig: War es der 14. Januar 2016, wie es in der Anklageschrift steht, oder war es der 9., wie es der Angeklagte behauptete. Gleich wie: Der 34-jährige Teisendorfer, der Freund der »Tochter«, soll in dem Traunsteiner Haus mit zwei Prügeln auf ihn losgegangen sein, worauf er die Treppe hinuntergestürzt und auf den Knien gelandet sei. Dabei habe er drei Schneidezähne verloren. Zunächst sei er nach Hause gefahren, schilderte der Tittmoninger. Bei der Laufener Polizei schilderte er den angeblichen Vorfall erst zwei Tage später.

Anzeige

Tatsächlich aber war der angebliche Täter, der 34-jährige Teisendorfer, zur fraglichen Stunde nachweislich an seiner Arbeitsstelle. Die »Tochter«, eine 43-jährige Masseurin, bestritt selbst verwandtschaftliche Beziehungen: »Von einer Ehe mit meiner Mutter weiß ich nichts.« Richtig sei, dass sich der Tittmoninger an diesem 14. Januar dem Haus in Traunstein genähert habe, worüber sie ein aufmerksamer Nachbar informiert habe.

»Der war verwirrt«

Vor dem Haus verabredet hatte sich der 65-Jährige mit einem Mitarbeiter des Landratsamts, weil er ihm die Immobilie als Flüchtlingsunterkunft anbieten wollte. »Weil das Haus bewohnt war, wollte ich die Sache erst klären«, erinnerte sich der 34-jährige Behördenvertreter an das Zusammentreffen. Frische Verletzungen seien ihm beim Angeklagten nicht aufgefallen. Weil der Tittmoninger dem Landratsamt auch in Traunwalchen ein Objekt angeboten hatte, war man anschließend dorthin gefahren.

»Der war verwirrt«, so der Eindruck des 34-Jährigen, »sein Auto hat er offen und mitten auf der Straße geparkt. Das betreffende Haus musste er eine halbe Stunde suchen.« Worauf der Landratsamts-Mitarbeiter die Sache abgebrochen hatte.

»Mit ihm ist zu jeder Tages- und Nachtzeit zu rechnen«, klagte der Teisendorfer über den Tittmoninger. »Er kommt auf das Grundstück und macht Sachen kaputt«, erzählte die Masseurin, ihrer Tochter habe der Angeklagte bereits mit einem Deko-Schöpfer aus dem Garten auf den Kopf geschlagen, der Bub fürchte sich. Eines stellte die 43-Jährige klar: »Haus und Grund gehören mir.« – »Er bleibt, bis die Polizei kommt«, berichtete der Teisendorfer weiter, in Traunstein sei er vielfach aktenkundig und das gegenständliche Verfahren nicht die einzige Falschaussage. So soll der Tittmoniger behauptet haben, man habe ihm Auto und 4000 Euro gestohlen. Dabei habe die Polizei das Fahrzeug sichergestellt, weil es nicht fahrtüchtig gewesen sei.

»Der Mann ist bei uns eine laufende Legende«, sagte ein 23-jähriger Laufener Polizeibeamter über den Tittmoninger, »er ruft gerne an, auch mitten in der Nacht«. Einmal um fünf Uhr früh wegen Zahnschmerzen. Das aber sei lange nach den angeblichen Schlägen mit den Holzprügeln gewesen. Schon damals sei die Wunde im Mund nicht frisch gewesen, die Zähne fehlten bereits länger. »Ein schwieriger Mensch, weil er Sachen erfindet«, so der Polizist, »er hat nicht im Fokus, was er eigentlich macht.«

Mangelndes Gespür für Normen und Konventionen

Wegen Verstoßes gegen das Gewaltschutzgesetz war der Tittmoninger bereits zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Betrug, Urkundenfälschung und falsche Versicherung an Eidesstatt finden sich ebenso im Bundeszentralregister. Ein psychiatrischer Gutachter stellte zwar keine Hinweise auf eine akute psychische Störung fest, ging jedoch von einer schizoiden Persönlichkeitsstruktur aus. Dazu käme eine reduzierte Frustrationstoleranz, ein mangelndes Gespür für Normen und Konventionen und eine innere Zerrissenheit.

Staatsanwalt Florian Walter sah die Anklage wegen falscher Verdächtigung »sonnenklar bestätigt«. »Erstunken und erlogen« sei die Anzeige gewesen, allerdings mit einer gewissen Raffinesse, fehlten dem Angeklagten doch tatsächlich Zähne. Eine Geldstrafe erachtete Walter nicht mehr als ausreichend und kam unter Einbeziehung der vorangegangenen Urteile auf eine Freiheitsstrafe von elf Monaten, die – weil es die erste sei – zur Bewährung ausgesetzt werden könne. Als »spürbare« Geldauflage habe der Verurteilte 1500 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zu zahlen. Darüber hinaus dürfe er das Anwesen in Traunstein nicht mehr betreten.

»Menschlich gseng bin i äh froh, wenn i nimma mehr rauf muaß«, erklärte der Tittmoninger dazu, und entschuldigte gleichzeitig seinen Anwalt mit einem anderen Termin. Richterin Mona Peiß folgte dem Antrag des Staatsanwalts, die 1500 Euro für das Rote Kreuz dürfen in monatlichen Raten von 50 Euro gezahlt werden. Der Mann sei mit dieser Bewährungsstrafe einer hohen Geldstrafe entgangen, die sich auf 6300 Euro summiert hätte, so Peiß. Daher die Geldauflage, damit es sich für ihn nicht wie »ein kleiner Sieg« anfühle.

Der Tittmoninger meinte zum Abschied: »Da bin i eigentlich guat wegkemma.« – »Passen Sie auf ...«, warnte ihn Florian Walter. höf