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Tierschützer von PETA fordern Pferdekutschenverbot

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Die Kutschpferde gehören zur Herreninsel wie der Georgiritt zu Traunstein und die Leonhardiritte und -fahrten zu Bayern. Zum Schutz von Mensch und Tier will die Tierschutzorganisation PETA nun ein Pferdekutschenverbot erreichen. (Foto: Archiv Hohler)

PETA hatte Landrat Siegfried Walch gebeten, ein Verbot von Pferdekutschen im Landkreis Traunstein zu prüfen – zum Schutz von Mensch und Tier. Ein 55-jähriger Kutschenführer und drei Mitfahrer waren vierspännig durch den Wald gefahren, als die Tiere plötzlich aus ungeklärter Ursache durchgingen. Die Mitfahrer stürzten von der Kutsche, zwei von ihnen mussten vom Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht werden.


Vier Menschen bei Unfällen mit Kutschen getötet

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PETA veröffentlichte Anfang 2016 das fünfte Jahr in Folge einen Pferdekutschen-Unfallrekord und warnt eindringlich: Bei mindestens 51 Kutschunfällen wurden im vergangenen Jahr bundesweit vier Menschen getötet und 114 Fahrgäste zum Teil schwer verletzt. »Die Risiken bei Kutschfahrten sind unkontrollierbar, denn Pferde sind Fluchttiere und können selbst bei geringen Störungen leicht in Panik geraten«, so Peter Höffken, Fachreferent bei PETA. »Die Gefährte verfügen zudem weder über sichere Bremssysteme, Airbags, noch über eine Knautschzone. Schwere Unfälle sind daher vorprogrammiert.«

»Würde man diese mehr als absonderliche Forderung erfüllen, würde man damit jegliches Brauchtum und jegliche Tradition wie zum Beispiel die herrlichen Umritte, Trachten- und Schützenumzüge abwürgen«, so der Pressesprecher des Landratsamts Traunstein, Roman Schneider, auf Anfrage des Traunsteiner Tagblatts. »Deshalb erübrigt es sich aus unserer Sicht, weiter darüber zu diskutieren.«

Nach Informationen des Traunsteiner Tagblatts blieben die Pferde   bei   dem  Unfall  in Abstreit übrigens völlig unverletzt. Einer der Verletzten hat das Krankenhaus demnach bereits verlassen, der andere war zuletzt noch in Behandlung. Aber auch das sei nicht lebensbedrohlich, hieß es.

Pferde haben Spaß an der Arbeit

»Da passiert ja beim Reiten viel mehr und erst recht beim Autofahren«, sagt dazu der »oberste Kutscher« der Herreninsel, Helmut Meidert. Natürlich gehe von einem Pferd immer eine Tiergefahr aus, und »weniger passiert sicher dem, der gar nicht mit Pferden umgeht«. Aber Bewegung und normale Arbeit gehörten für ein Pferd doch dazu. »Kaum ein Tier arbeitet so aktiv und vertrauensvoll mit, wie ein Pferd. Dazu könnte man es keinesfalls mit Gewalt bringen. Sie müssen die Pferde mal beobachten, denen macht die Arbeit und auch der Umgang mit den Menschen Spaß.«

In seinen 30 Jahren auf der Herreninsel hat Meidert rund 600 Kutscher auf die Fahrprüfung vorbereitet und mit seinen Mitarbeitern unzählige Pferde ausgebildet. Knapp 30 Pferde hat die Staatliche Schlösserverwaltung von Ostern bis Oktober auf der Insel im Einsatz, um Gäste von der Schiffsanlegestelle zum Königsschloss zu bringen.

Die Pferde kommen als Fohlen auf die Insel

Die Tiere kommen als Fohlen auf die Insel, wachsen dort auf, werden dreijährig alle zwei Tage zur Übung angespannt und dürfen dann über den Winter nochmals auf die Weide, ehe sie vierjährig in den Einsatz gehen. Dabei sind immer acht bis zehn Kutschen im Wechsel im Einsatz. Die Pferde sind gepflegt, wie auch ihre Hufbeschläge und die Ausrüstung, die Kutschen müssen regelmäßig zum TÜV, die Fahrer sind hervorragend ausgebildet.

Von einem generellen Kutschenverbot hält Meidert nichts. »Ohne das Pferd gäbe es die Menschheit so nicht«, sagt er und erinnert an seinen Einsatz im Militär, in der Land- und Forstwirtschaft, in Sport und Freizeit als viel geliebter und gut umsorgter Freund des Menschen. Und: »Sollen wir auf der Insel vielleicht Autos einsetzen? Dann wäre das ganze Flair kaputt. Dem Pferd geben wir vorne sein Futter hinein und das, was hinten raus kommt, ist wiederverwertbar. Ökologischer geht's nicht.«

Kaum vorstellbar sei auch das Ende von Georgiritt und Leonhardifahrten. Und nicht zuletzt sei das Pferd heutzutage ein ernst zu nehmender Wirtschaftsfaktor für Landwirtschaft, Futtermittel- und Zubehörhandel, Tierärzte, Tierheilpraktiker, Ausbilder, Sattler, Hufschmiede und viele andere mehr.

Haflingerzuchtvereinigung sammelt Unterschriften

Auch die Haflingerzuchtvereinigung Chiemgau hält gar nichts von den PETA-Plänen. Sie startete sogar eine eigene Unterschriftensammlung gegen die Forderung. »Wenn ich heute Kutsche fahre, Mensch und Tier sind sehr gut ausgebildet und das Werkzeug passt, dann ist die Gefahr relativ gering, dass etwas passiert«, sagt der zweite Vorsitzende der Haflinger-Zuchtvereinigung Chiemgau, Bernhard Heistinger, selbst erfahrener Fahrausbilder. »Aber natürlich bleibt ein Restrisiko, das ich auch habe, wenn ich mit einem Hund spazieren gehe, oder eine Kuh aus der Weide springt und mich angreift. Aber dann dürfte ich ja gar nichts mehr machen, mich könnte auch wer überfahren, sobald ich das Haus verlasse.«

Dass ein generelles Pferdekutschenverbot kommt, glaubt Heistinger »nie und nimmer – Kutschenfahren ist ja ein Kulturgut«. Natürlich sei es richtig und wichtig, dass es den Tierschutz gebe und man in schwierigen Fällen einschreite. Aber per Verbot alle Pferdehalter und Kutschenfahrer unter Generalverdacht zu stellen, findet er mehr als unangemessen.

Da würd' sich doch keiner mehr ein Kaltblut kaufen

Der Vorsitzende der Kaltblutpferde-Zuchtgenossenschaft Traunstein, Herbert Bischof, sieht gar das Ende des Kaltblutpferds heraufziehen, sollte sich PETA mit der Forderung durchsetzen. »Da würd' sich doch keiner mehr ein Kaltblut kaufen, wenn er es nur noch rumstehen lassen dürfte als Rasenmäher.« Auch er fürchtet – sollte das Verbot kommen – das Ende jeglichen Brauchtums. So beteiligt sich die Genossenschaft auf ihrer Facebook-Seite schon an einer Online-Petition zum Erhalt der Wiesn-Pferdegespanne in München. Weitergehende Schritte würden noch diskutiert, so Beisitzerin Rosemarie Schröder auf Anfrage. coho