Teilhabe und Vielfalt in der digitalen Welt: Wie exklusiv sind soziale Medien?

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Foto: Screenshot/Chiemgauer Medienwochen

Die Angst, etwas zu verpassen („Fear of missing out“, kurz: FOMO), ist auf sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook oft groß. Nicht umsonst zücken viele Menschen im Minutentakt ihr Smartphone auf der Suche nach Neuigkeiten. Menschen mit Behinderung „verpassen“ jedoch tatsächlich oft etwas, da sie in vielen Fällen nicht an sozialen Medien teilhaben können. In einem von einer Gebärdendolmetscherin übersetzten Vortrag im Rahmen der Chiemgauer Medienwochen stellte sich Medienpädagogin Sabina Schneider am Montagabend die Frage: Wie integrativ sind soziale Medien?


„Soziale Netzwerke sind momentan unser Fenster zur Welt. Jeder und jede hat gerade eine Meinung, die er gerne teilen möchte. Aber nicht jede und jeder kann das auch wirklich tun“, erklärte die Medienpädagogin zum Einstieg. Denn: Nicht alle Menschen haben Zugriff auf alle Plattformen. Bestes Beispiel ist die neue App „Clubhouse“, die, ähnlich wie Radio oder Podcast, Live-Veranstaltungen zum Anhören bietet. Vor allem während des zweiten Lockdowns hat „Clubhouse“ an Beliebtheit gewonnen. Schneider fragte sich und die Zuhörenden: „Will ich wirklich bei einem sozialen Medium mitmachen, das ganz bewusst Gehörlose ausschließt?“

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Andere Apps und Internetseiten werden zwar zunehmend barrierefreier, etwa indem Untertitel automatisch generiert werden oder sich die Schriftgröße mittels einer Lupenfunktion verändern lässt – doch auch hier ist es noch ein weiter Weg: Manche Bilder und Schriftfarben sind zum Beispiel für Menschen mit Sehbehinderung oft kaum erkenn- bzw. lesbar.

Damit sich etwas verändern kann, muss man verstehen: Soziale Medien und ihre Weiterentwicklung werden vor allem durch unser Nutzerverhalten geprägt. Sabina Schneider möchte dazu anregen, den eigenen Medienkonsum bewusst zu hinterfragen: Wem folge ich und warum? „Auf der Straße würde man jemanden vielleicht nicht einfach ansprechen, auf sozialen Medien aber schon – indem man ihm oder ihr folgt, seine oder ihre Inhalte konsumiert und daraus lernt“, erklärt Schneider. „So schaffen wir es, mehr Teilhabe und Vielfalt auf Instagram und Co. zu generieren.“

Zum Abschluss gibt die Medienpädagogin noch ein „Vokabelheft“ für gerechte Sprache an die Hand. Wird jemand etwa als „Mensch mit Behinderung“ bezeichnet, rückt dessen Menschsein in den Vordergrund. Der Begriff „Behinderter“ wird von vielen dagegen als Abwertung empfunden, weil sie sich damit zu sehr auf die Behinderung reduziert fühlen. „Doch sicher wissen, wie jemand angesprochen werden will, können wir nicht. Da hilft nur: höflich fragen.“ Ein weiteres Beispiel: Auch die Aussage, jemand sei an den Rollstuhl gefesselt, kann problematisch sein: „Denn für viele bedeutet ein Rollstuhl Freiheit.“

Sabina Schneider ist überzeugt: Wer sich traut, nachzufragen; wer lernen will, der sorgt für mehr Vielfalt und Teilhabe nicht nur in der digitalen, sondern auch in der wirklichen Welt.

JuC

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