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Täter-Opfer-Ausgleich: »Die wichtigste Technologie ist das Zuhören«

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Fast 20 Jahre hat Heidi Heise die Fachstelle für Täter-Opfer-Ausgleich unter dem Dach des Diakonischen Werks Traunstein geleitet. Jetzt geht sie in Rente. (Foto: Artes)

Traunstein – Die ersten Schubladen in ihrem Büro hat Heidi Heise bereits ausgeräumt und die vielen Sprüchekarten über ihrem Schreibtisch abgehängt. Auf einer steht zum Beispiel »Die wichtigste Technologie ist das Zuhören«, auf einer anderen »Wer nicht will, findet Gründe. Wer will, findet Wege«. Alle Sprüche passen zu ihrer Arbeit.


Nur noch wenige Tage wird die 65-Jährige in der Fachstelle für Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) unter dem Dach des Diakonischen Werks in Traunstein tätig sein, dann geht sie in den Ruhestand.

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Fast 20 Jahre war die 65-Jährige in der Fachstelle, die sie aufgebaut hat, tätig. »Ziel eines Täter-Opfer-Ausgleichs ist es, die Folgen einer Straftat außergerichtlich zu regeln«, erklärt Heidi Heise. »Mit Hilfe eines neutralen Mediators wird dann versucht, gemeinschaftlich eine Lösung zu finden.« Ein TOA ist immer dann möglich, wenn es zwischen Menschen zu einem Streit kommt mit zum Beispiel Körperverletzung, Beleidigung, Bedrohung, Hausfriedensbruch und das dann zur Anzeige gebracht wird.

Vor der Arbeit als Mediatorin in der Fachstelle für TOA war Heidi Heise fünf Jahre lang mit großer Begeisterung pädagogische Leiterin im Haus der Jugend in Traunstein. »Diese Arbeit hat unglaublich viel Spaß gemacht. Ich war begeistert von der Kreativität der Traunsteiner Jugendlichen. Aber nach einigen Jahren suchte sie eine neue berufliche Herausforderung. Von einer befreundeten Richterin erfuhr Heidi Heise davon, dass man sich zur Mediatorin im Strafrecht ausbilden lassen kann, und entschied sich dafür. Einen TOA gab es damals in Traunstein oder der Umgebung noch nicht. »Ich bin daher sehr froh, dass die Staatsanwaltschaft, das Jugendamt und die Diakonie den Mut gehabt haben, hier in Traunstein eine Stelle einzurichten«, sagt die 65-Jährige. Das war im Jahr 1999.

Wie funktioniert der Täter-Opfer-Ausgleich?

Bei einem Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) haben Beschuldigter und Geschädigter die Möglichkeit, in direktem Kontakt mit Unterstützung eines neutralen Vermittlers den Konflikt fair zu lösen und eine schnelle Wiedergutmachung des Schadens zu erreichen.

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Seit dem hat Heidi Heise die Fachstelle geleitet und mehr als 3500 Verfahren zusammen mit ihrer Kollegin Gabi Graf bearbeitet. Einige Fälle sind ihr besonders in Erinnerung geblieben – auch dieser. »Es ging um einen Nachbarschaftsstreit zwischen zwei Familien«, erzählt die 65-Jährige. Der Mann der einen Familie, ein Schichtarbeiter, musste und wollte tagsüber schlafen. Die drei Buben der anderen Familie spielten im Hof vor seinem Schlafzimmer lautstark Fußball. Erbost über den Lärm beleidigte und beschimpfte er zunächst die Kinder. Als das nicht half, gab er jedem eine kräftige Ohrfeige und nahm ihnen den Ball weg. Der Vater der Kinder war sehr aufgebracht und erstattete Anzeige wegen Beleidigung, Körperverletzung und Diebstahl. Die Staatsanwaltschaft hat den Fall dann an die Fachstelle TOA übergeben.

Rückblickend sagt sie: »Es war ein runder Täter-Opfer-Ausgleich. Ich habe mit den Betroffenen intensive lösungsorientierte Gespräche geführt.« Durch das gemeinsame Gespräch der beiden Männer ist gegenseitiges Verständnis entstanden, der Schichtarbeiter hat sich für seine Übergriffigkeit entschuldigt und die Kinder mit Vater zu einem überregionalen Fußball-Spiel eingeladen.

Aber nicht immer lief alles so reibungslos. »Ich hatte oft mit Nachbarschaftsstreitigkeiten zu tun, da war die angezeigte Straftat nur die Spitze des Eisbergs. Erst, als alle Beteiligten gemeinsam an einem Tisch saßen, habe man sich einigen können.« In manchen Fällen sei auch nicht auf Anhieb erkennbar gewesen, wer der Täter und wer das Opfer ist, »zum Beispiel, bei einer Schlägerei mit mehreren Jugendlichen«, so Heise. 

Für ihr Engagement um den Täter-Opfer-Ausgleich wurde Heidi Heise im Jahr 2014 mit der »Medaille für Verdienste um die Bayerische Justiz« ausgezeichnet. Jetzt geht sie in den Ruhestand. Spezielle Pläne hat die 65-Jährige für die kommende Zeit nicht. »Ich wünsche mir nur, dass ich meine Ansprüche an mich und das Leben reduzieren kann und mit Gelassenheit das annehme, was noch so kommt.« Außerdem freut sie sich darauf, zu lesen, Zeit im Garten oder mit ihrem sechsjährigen Enkel zu verbringen.

Dennoch wird Heidi Heise die Arbeiten auch vermissen, vor allem die Kollegen, wie sie betont. »Die Diakonie ist ein sehr loyaler Arbeitgeber. Ich hatte viel Freiraum und bei Bedarf die nötige Unterstützung.« Außerdem hofft sie, auch weiterhin viel Kontakt mit Menschen zu haben. »Das war das Spannende an der Arbeit, diese unterschiedlichen Menschen und die Vielfalt ihrer Geschichten.« jar