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Streben und Scheitern, Glück und Leid

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Die historische Panoramaaufnahme von Traunstein zeigt im Vordergrund die Hintermühle in der Brunnwiese um 1890. Um die Geschichte der Traunsteiner Mühlen geht es unter anderem im neuen Jahrbuch des Historischen Vereins.

Traunstein – Geschichte besteht nicht nur aus den »Großkopferten«, sprich Kurfürsten und Königen, deren Gebaren schlimmstenfalls ganze Völker in den Ruin stürzen konnten, wie die Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren auf erschreckende Art und Weise beweist. Das frisch herausgekommene Jahrbuch 2018 des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein streift das Thema Krieg zwar auch, doch im Mittelpunkt der Aufsätze stehen diesmal Biographien einfacher Bürger, ihr Streben und mitunter auch Scheitern in der Lebenswelt vergangener Jahrhunderte, die für heutige Generationen mindestens genauso prägend waren wie die große Historie.


Jolanda Englbrecht zeichnet die Geschichte der Traunsteiner Mühlen und ihrer Besitzer nach, deren Arbeit eine zentrale Rolle in der Versorgung der Bevölkerung spielte. Die Autorin erläutert in ihrer »Chronik der Vorder-, Mitter- und Hintermühle zu Traunstein« nicht nur anschaulich das vom Mittelalter bis in die Neuzeit in Bayern dominierende rechtliche Geflecht von Grundherren und Untertanen und die sich daraus ergebenden Reibungspunkten, sondern gibt auch einen Einblick in die familiären Verhältnisse der jeweiligen Müller. Wie alle Autoren des Jahrbuchs lockert Englbrecht die umfangreichen Informationen mit zahlreichen historischen Fotographien und Graphiken auf.

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In die Niederungen menschlicher Existenzen begibt sich Albert Rosenegger in seinem Aufsatz »Als der ehrsame Rat der Stadt Traunstein weinte«. Anhand der im Stadtarchiv Traunstein aufbewahrten Ratsprotokolle erweckt der Kreisarchivar etliche zwielichtige Herrschaften zum Leben, die zu ihrer Zeit für entsprechend Gesprächsstoff gesorgt haben dürften und dabei wiederholt auch die Obrigkeit auf den Plan riefen.

Ordnungshüter war selbst kein Vorbild

Einer jener Konsorten, die so gar nicht dem Bild des braven Bürgers entsprechen wollten, war, wie Rosenegger herausgefunden hat, ausgerechnet ein kommunaler Bediensteter: Der Stadtknecht Anton Enzensberger, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts in seiner Funktion als Ordnungshüter eigentlich dafür sorgen hätte sollen, dass seine Mitbürger nicht übermäßig zechten, dem verbotenen Glücksspiel frönten oder sonstige Verfehlungen begingen. Stattdessen beteiligte sich Enzensberger selbst an jeder Rauferei und jedem Saufgelage in der Stadt, genauso wie der Zinngießer Johann Michael Allmer und der Wagner Georg Stocker. Deren Liederlichkeit verstieß nicht nur gehörig gegen die öffentlichen Sitten, sondern sie sind darüber hinaus auch Musterbeispiele, wie damals ganze Familien durch das Fehlverhalten eines Mitglieds in den Abgrund gerissen wurden.

Abwechslung zu dieser aus menschlicher Sicht eher schwer verdaulichen Kost bietet ein Rückblick in den Kochtopf vergangener Tage, den Uta Grabmüller mit Hilfe eines handgeschriebenen Kochbuchs unternimmt, das aus dem Nachlass des früheren Pfarrers Johannes Hausladen im Grassauer Gemeindearchiv stammt. Die fast 400 Rezepte über »Allerley gute Suppen und gefüllte Semmeln, dann Allerhand gute Zuspeißen, sowohl an Fleisch- als Fasttagen« zu kochen, die über mehrere Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts gesammelt wurden, wie die unterschiedlichen Handschriften vermuten lassen, liefern aus historischer Sicht einen interessanten Einblick in die Speisegewohnheiten vergangener Tage. Krebse und Schnecken zum Beispiel gehörten damals offenbar zur normalen Alltagskost und auch fremdländische Gewürze wie Ingwer, Piment, Sultaninen und Zitronen fanden demnach auch in der ländlichen Küche regelmäßig Verwendung.

Mit dem leiblichen Wohlbefinden bzw. dem Wunsch, dieses wieder zu erlangen, befasst sich auch der Beitrag von Walter Brugger über Bad Adelholzen, von den Anfängen der Heilquelle bis in die moderne Zeit, wobei der Autor auch die religiösen Aspekte beleuchtet, zum einen mit einer Geschichte der Schutzpatrone für Heilbäder, Primus und Felicianus, zum anderen mit der Bedeutung der Kongregation der Barmherzigen Schwestern für Bad Adelholzen.

Den Grassauer Maler Theodor von Hötzendorff hat der Beitrag von Claus Dieter Hotz zum Thema. Der Künstler wirkte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in Grassau und ist dabei vor allem für seine farbenfrohen Motive aus dem Chiemgau und Italien bekannt.

Ein Soldatenschicksal aus dem Ersten Weltkrieg

In Grassau geboren ist auch der Soldat Anton Einerdinger, dessen tragisches Schicksal der Traunsteiner Stadtarchivar Franz Haselbeck ans Licht gebracht hat, der wie immer, zusammen mit seiner Mitarbeiterin Andrea Rist, auch für die Redaktion des Jahrbuchs verantwortlich zeichnet. Einerdinger hatte die zweifelhafte Ehre, fälschlicherweise als erster, im Weltkrieg gefallene Traunsteiner betrauert zu werden. Tatsächlich war der Bahnarbeiter Mitte August 1914 bei seinem Einsatz in der bayerischen Armee in Frankreich zwar durch einen Kopfschuss schwer verwundet worden, sollte seine Verletzung aber wie den Krieg insgesamt überleben. Sein weiterer Werdegang legt allerdings nahe, dass er zu jenen bedauernswerten Soldaten gehörte, die von den grauenhaften Erlebnissen an der Front nie mehr losgelassen werden sollten.

Auf die Spur des Traunsteiner Bildhauers Hans Prähofer und die mit ihm verwandte Schreinerfamilie Bernhard hat sich Christian Focke gemacht und lässt dabei das Bild eines typischen Handwerksmeisters im Bayern des 19. Jahrhunderts auferstehen, der sich in die Fremde begibt, um sich eine eigene Existenz aufzubauen.

Werner-Paul Hellmuth erinnert zum 100. Todestag an den Architekten Josef Angerer, dem Vorbesitzer des heutigen Heimathauses, das nach dem frühen Tod Angerers im Alter von nur 36 Jahren an die Stadt Traunstein ging, ebenso wie der Großteil seines Vermögens.

Die Geschichte der Stadtwerke Traunstein beleuchtet – im wahrsten Sinn des Wortes – zu deren 125-jährigem Jubiläum Stefan Will und Dieter Grosch hält eine reich bebilderte Nachschau auf die im Heimathaus abgehaltene Ausstellung »Politik im Kinderzimmer 1900 - 1950«.

Das Jahrbuch 2018 des Historischen Vereins für den   Chiemgau zu Traunstein ist im Traunsteiner Buchhandel, beim Traunsteiner Tagblatt sowie im Stadtarchiv erhältlich. sm