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»Sprayen ist für mich Entspannung«

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Ein Motiv, das zur Unterführung und dem 40-jährigen Sprayer passt: Radfahrer. Blumen oder Herzen sind eher nichts für ihn. (Fotos: Reiter)
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Andreas Brüchert ist einer von sechs Sprayern, die in der Unterführung bei Seiboldsdorf mit Erlaubnis der Bahn sprühen dürfen. Sein Wunsch: Mehr legale Wände in Traunstein.
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Viel Arbeit mit Botschaft: Respektiere die Natur, sonst schlägt sie zurück.

Traunstein – Andreas Brüchert fixiert die Wand vor sich. Er geht leicht in die Knie und sprüht mit roter Farbe eine Linie. Es riecht nach Lösungsmittel, doch das stört den Graffiti-Sprayer nicht. Der 40-Jährige ist in seiner Welt. Er hält nur kurz inne, wenn Radfahrer durch die Bahnunterführung fahren – dann sprüht er weiter, meistens mit Musik. »Fetten Beats«, wie er es nennt. Gerade arbeitet er an einem neuen Schriftzug in der Bahnunterführung in Seiboldsdorf.


Angefangen zu sprayen hat Andreas Brüchert in Berlin, wo er aufgewachsen ist. »Da wollte ich einfach nur cool sein«, sagt er über seine Anfänge und lacht. Mit seiner Clique zog der damals 13-Jährige durch die Stadt. »Graffiti waren und sind dort allgegenwärtig.« Er gibt zu, dass er in dieser Zeit auch viele Wände oder Waggons von Zügen oder S-Bahnen illegal besprüht hat. »Da ging es nicht um besonders schön, sondern um schnell hin und gleich wieder weg. Der Reiz war der Nervenkitzel, den ich auch büßen musste mit Geldstrafen und Reinigungsarbeiten.«

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Heute nimmt sich der Notfallsanitäter in der Regel viel Zeit für ein Graffiti. Für ihn bedeutet Sprayen Entspannung und Ausgleich zur oft stressigen Arbeit. Für seinen Yeti etwa (siehe Bild) hat er über zwölf Stunden gebraucht. Als Vorlage diente ein T-Shirt. »Nicht jedes Werk hat eine Botschaft. Aber bei diesem geht es um die Natur, also respektiere die Natur. Denn sie schlägt irgendwann zurück.«

»Motiv muss zu mir passen«

Oft wird er von Passanten gefragt, warum er nicht Blumen oder Herzen spraye. Solche Wünsche kann der 40-Jährige durchaus nachvollziehen, »aber es muss halt auch zu mir passen«, betont er. Andreas Brüchert kommt beim Sprayen in der Bahnunterführung mit vielen Leuten ins Gespräch, vor allem Radfahrern, die an die Traun Richtung Siegsdorf wollen. Deshalb hat der 40-Jährige bei einem Werk auch ein Motiv gewählt, das zu ihm und der Unterführung passt: Radfahrer (siehe Bild).

Die Idee war, »die triste und graue Unterführung mit ansprechenden Motiven« zu verschönern, sagt Manfred Kleinschwärzer von der Deutschen Bahn, die das Sprayen dort erlaubt hat. »Dadurch sind auf beiden Seiten positive Ergebnisse entstanden«, freut er sich.

Organisiert wird das Ganze von Angelika Waurig-Schulz. »Für mich war klar: Die Sprayer brauchen einen Platz in Traunstein«, betont die ehemalige Kunstlehrerin am Annette-Kolb-Gymnasium. So ist in Zusammenarbeit mit der Stadt eine 20 Meter lange und zwei Meter hohe Wand am Skaterplatz aufgestellt worden, an der sich Sprayer ausprobieren können. Doch Angelika Waurig-Schulz wollte mehr. »Ich sehe da eindeutig den künstlerischen Aspekt«, betont sie. Deshalb war sie froh, dass die Bahn – »anders als die Stadt«, wie die Traunsteinerin sagt – Interesse zeigte. »Sollte eine ähnliche Unterführung wie in Seiboldsdorf existieren, sind wir gerne wieder Ansprechpartner«, betont Manfred Kleinschwärzer.

Das wäre ein großer Wunsch von Graffiti-Künstler Andreas Brüchert – mehr legale Wände zum Sprayen in der Großen Kreisstadt. »In Traunstein steckt das Sprayen in den Kinderschuhen. Viele junge Leute probieren es gar nicht, weil sie nicht wissen, wo es erlaubt ist. Sie können sich nicht ausprobieren.« Im Vergleich zu Berlin sieht er in Traunstein einen großen Vorteil: »Es ist definitiv leichter, hier an die Wand zu gehen. Denn in Berlin ist die Dichte an guten Leuten sehr hoch. Da wirst Du schnell gedisst. Das kann unangenehm und peinlich sein für junge Leute. Hier in Traunstein können sie ihre Erfahrungen damit machen«. Und Graffiti könnten ja ohne Weiteres wieder übersprüht werden, »denn die Farben decken sehr gut«.

»Da würde es mich schon etwas ärgern«

Das ist in der Szene auch ganz üblich. Die Kunstwerke sind nicht für die Ewigkeit gedacht. Meist werden sie mit der Kamera festgehalten, dann dürfen die Graffiti auch wieder verändert oder ganz übersprüht werden. Andreas Brüchert hat damit kein Problem. Nur an seinem Yeti hängt er. »Da würde es mich schon etwas ärgern«, gibt er zu. Andreas Brüchert ist einer von sechs Sprayern, die derzeit in der Unterführung in Seiboldsdorf legal sprühen. KR