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Spezialisten für schwere Skiunfälle

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Damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt, trainierten die Skiwachtler im Landkreis Traunstein am Unternberg bei Ruhpolding. (Foto: FDL/Lamminger)

Ruhpolding – Ein Mann liegt an einem Steilhang im Schnee. Er krümmt sich vor Schmerz, sein Atem geht schwer. Das rechte Bein ist taub. Was passiert ist? Der Mann hat keine Ahnung, totaler Blackout. Der Himmel hängt schwarz über ihm, Kälte kriecht in seinen Körper. Gefühlt liegt er schon ewig so da, die Sekunden dehnen sich ins Endlose. Und plötzlich: Stimmen am Ohr, grelles Licht am Auge, Hände rütteln ihn. Hilfe, endlich.


Die Stimmen, die Hände – das sind zwei Männer in roten Jacken. Der Mann, das ist ein gestürzter Skifahrer. Das ganze ist eine Übung der Skiwacht, dem Rettungsdienst auf deutschen Pisten. An diesem Abend sind die Retter aus dem Landkreis Traunstein am Unternberg in Ruhpolding, der Schlepplift läuft extra lang für sie. Bevor die Wintersaison jetzt in den Weihnachtsferien richtig startet, wiederholen sie die wichtigsten medizinischen Handgriffe.

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Die Skiwacht hat rund 300 MitarbeiterInnen in ganz Deutschland. Sie versorgen alle, die sich im Skigebiet verletzen – von der Gehirnerschütterung über die klassische Knieverletzung bis hin zum Schlaganfall in der Hütte. Verletzte transportiert die Skiwacht per Schneemobil oder Rettungsschlitten (Akja) ab, und falls schnell ein Notarzt benötigt wird, arbeitet sie mit den Rettungshubschraubern zusammen.

Am Unternberg ist der gestürzte Skifahrer mittlerweile in den Akja gelegt. Der spielt freilich nur verletzt, aber das Szenario soll echt wirken. Weiter geht es zur nächsten Station: Reanimation einer leblosen Person. 30 Herzdruckmassagen, dann zwei Mal beatmen mit der Maske. Parallel den Defibrillator anlegen und den Notarzt verständigen. Eine Stresssituation für die Retter. Notarzt Sebastian Bähr von der Bergwacht Ruhpolding beobachtet und korrigiert: »Schneller drücken! Kopf beim Beatmen überstrecken!«

Weiter unten lässt sich Ausbilder Tom Linke gerade in die »Chiemgauer Wärmepackung« einwickeln. Er mimt einen unterkühlten Skitourengeher. Schneeflocken wirbeln umher. Direkt auf das T-Shirt kommt eine Wärmeweste, die sich bei Aktivierung auf 50 Grad aufheizt. Anschließend wird er von zwei Skiwachtlern in spezielle Rettungsdecken eingepackt. Am Ende spitzt nur mehr seine Nase hervor. »Bei Unterkühlten sind für uns drei äußerliche Anzeichen entscheidend«, sagt Linke. »Zuerst ist den Leuten einfach saukalt, dann zittern sie stark und unkontrolliert und am Ende werden sie ganz schläfrig.« Die Wärmepackung der Bergwachten im Chiemgau ist ein schneller Lösungsansatz. Das Material dafür ist leicht und passt in jeden Rucksack.

Alle Mitglieder der Skiwachtler müssen fertig ausgebildete Bergretter sein. Sie durchlaufen eine mehrjährige Ausbildung in Sommer- und Winterrettung, Luftrettung, Naturschutz und Notfallmedizin. Während Bergrettung ehrenamtlich abläuft, ist die Skiwacht eine hauptamtliche Tätigkeit. Die Organisation dahinter ist die sogenannte Stiftung für Sicherheit im Skisport (SIS), die zum Deutschen Skiverband gehört. Sie bezahlt während des Winters Bergretter, um Vorsorgedienst im Skigebiet zu leisten. Im Landkreis Traunstein sind sie im Einsatz am Hochfelln, am Unternberg, in der Chiemgau Arena sowie auf der Winklmoosalm.

Neben der Rettung ist ihre Kernaufgabe auch die Unfallvermeidung auf der Piste, sprich: Absperrungen kontrollieren, Prallschutzmatten beurteilen oder die Beschilderung verbessern. Schaut man sich die Unfallzahlen an, dann funktioniert das Konzept der Prävention durchaus: Seit es die Skiwacht gibt, also seit 1975, hat sich die Anzahl der Unfälle pro 1000 Skifahrer nach Angaben der SIS halbiert.

Ein großer Vorteil der Skiwacht als zentraler Organisation sind gemeinsame Ausbildungen wie hier am Unternberg in Ruhpolding sowie ein reger Austausch darüber, wie es in den einzelnen Skigebieten abläuft. Daneben wertet die SIS die Unfallzahlen aus, um so Trends zu identifizieren. Zum Beispiel beim Thema Kollisionen: Sie verursachen derzeit 15 Prozent aller Verletzungen auf deutschen Skipisten. Viel zu viel, meint die SIS, weshalb die Aktiven der Skiwacht daran verstärkt arbeiten wollen. Damit so etwas wie der orientierungslose Skifahrer mit den schweren Kopfverletzungen künftig noch seltener vorkommt. Sebastian Nachbar

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