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Spaziergang durch die Gewerkschaftsgeschichte

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Als Alternative zur traditionellen Maikundgebung am Tag der Arbeit organisierte der Kreisverband Traunstein des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) mit Altoberbürgermeister Fritz Stahl einen historischen Spaziergang durch Traunstein. (Foto: Effner)

Traunstein – Als originelle Alternative zur traditionellen Kundgebung am Maifeiertag bot der Kreisverband Traunstein des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) die Gelegenheit zu einem historischen Spaziergang mit Altoberbürgermeister Fritz Stahl an. Stahl, selbst ehemaliger Postgewerkschaftler und Personalratsvorsitzender, gab dabei Einblick in die Anfänge und lebendige Geschichte der Gewerkschaftsarbeit. Neben Oberbürgermeister Christian Kegel, Stadträten und Gewerkschaftsmitgliedern waren auch der ehemalige Landtagsabgeordnete Gustav Starzmann und der frühere Bundestagsabgeordnete Hermann Schätz unter den rund 50 Zuhörern.


»Zeit für mehr Solidarität«, das diesjährige Motto des DGB, zog sich wie ein roter Faden durch die Ausführungen Stahls beim DGB-Spaziergang. Der führte vom Stadtplatz zu einer kleinen Ausstellung von Plakaten und Dokumenten im Rathaus über eine Station am Kulturzentrum zum Sailer-Keller. Der frühere Stadtchef machte bei der Einführung am Lindlbrunnen deutlich, in welchem bewegten historischen Umfeld die Gründung des Gewerkschaftsvereins 1906 vor 110 Jahren gestanden habe. Ziel sei gewesen, das »Anliegen nach einer menschengerechten und mitbestimmten Arbeitswelt verstärkt selbst in die Hand zu nehmen«.

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Seinerzeit habe noch die Hälfte der Bevölkerung Bay-erns in der Land- und Forstwirtschaft gearbeitet. In Wackersdorf begann der Braunkohleabbau und Kaiser Wilhelm II. legte 1903 den Grundstein für das Deutsche Museum in München. Bereits seit 1901 gab es in Traunstein eine Dienststelle der Stadtverwaltung zur Arbeitsvermittlung – 1056 Personen kamen im ersten Jahr. Von 1918 bis 1927 wurden dort auch Arbeitslose im Auftrag des Deutschen Reichs mitbetreut.

Der Stadtplatz sei nicht nur Schauplatz von Kundgebungen, Demonstrationen und Fackelzügen der Gewerkschaften gewesen, sondern jahrzehntelang auch Sitz der Arbeitsverwaltung. Das erste Arbeitsamt lag von 1928 bis 1941 an der Güterhallenstraße 2 – dort, wo heute die Ärztehäuser stehen. Ab 1941 war die Behörde 54 Jahre lang im ehemaligen Hotel Wispauer am Stadtplatz untergebracht. 1995 zog die heutige Arbeitsagentur in das neue Gebäude an der Chiemseestraße um, die Sparkasse wurde neuer Besitzer des historischen Gebäudes am Stadtplatz.

Wie Stahl hervorhob, hätten in der Arbeitsverwaltung nicht nur die Arbeitslosen ihr »Stempelgeld« wöchentlich bar in Empfang genommen. Bei den Beratungen sei es auch darum gegangen, »in kritischer Gemeinschaft mit den Vertretern der Arbeitgeber auch lokal nach Lösungen für berufliche Information, Integration, Ausbildung und Arbeitsvermittlung zu suchen«.

Als Gewerkschaftshaus habe seit 1913 das ehemalige Gasthaus zum Löwen an der Ludwigstraße gegenüber der Klosterkirche fungiert, in dem heute ein Geschäft untergebracht ist. 1933 war das Gebäude Schauplatz der Verfolgung und Auflösung der Gewerkschaftsbewegung, für die Hans Braxenthaler und Valentin Großglettner engagiert eingestanden seien.

Bereits 1945 sei die Gewerkschaft in Traunstein wiedergegründet worden. Berühmt geworden sei der DGB-Slogan von 1956 »Samstags gehört Vati mir«, das Stahl auf einem Plakat zeigte. 1966 seien die Themen Rationalisierung, Zentralisierung, Automation und das niedrige Rentenniveau zentrale Themen gewesen.

1976 standen Bemühungen gegen Privatisierungsbestrebungen und Kritik an der Mehrwertsteuererhöhung auf dem Programm. »Arbeitslosigkeit überwinden« lautete 1986 das Motto. Die inhaltliche Auseinandersetzung um den Begriff Arbeit prägte 1996 die Gewerkschaftsarbeit. Zehn Jahre später standen die Bemühungen im Zentrum, die Würde des Menschen auch in der Arbeitswelt neu einzufordern.

»Mehr Zeit« laute heute der aktuelle Tenor. Dies gelte aber nicht nur für private Bedürfnisse, so Stahl. Gerade angesichts der sich stark verändernden Lebens- und Arbeitsformen sei es wichtig, sich weiter ehrenamtlich für mehr Solidarität zu engagieren. Entscheidend sei, »einen geistigen Wandel zu vollziehen weg von der Berechnungsmentalität und mehr Augenmerk auf ein menschenwürdiges Leben für alle zu richten«. eff