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Sorge um den Fortbestand der Dorfläden in der Region

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Foto: pixabay/Symbolbild

Chieming – Die Kreisräte von Freien Wählern/Unabhänigen Wählern und der Bayernpartei erörterten bei einer Zusammenkunft in Chieming die Situation der Dorfläden im Landkreis Traunstein. Einmütig kritisierten sie die Überreglementierung durch die Behörden, die den Kleinstunternehmen das Leben unnötig erschwere.


Dorfläden seien vielerorts ein beliebter Treffpunkt, vor allem auch für ältere Mitbürger. Bau- und lebensmittelrechtliche Vorschriften, wie sie für Discounter und große Lebensmittelläden gelten, könnten Kleinstunternehmer oft nicht in der geforderten Art erfüllen, hieß es. Deshalb hätten sie öfters Ärger mit Behörden als professionell geführte größere Unternehmen.

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Kreisrat Heinz Wallner, der das Treffen organisiert hatte, wählte als Treffpunkt den Chieminger Dorfladen. Dessen Begründer und langjähriger Inhaber Fredi Heitauer schilderte die Entstehungsgeschichte des nur 70 Quadratmeter großen Ladens, der »schon früher immer ein Kramerladen gewesen ist«, wie er sagte. Als sich die Chance auftat, ihn zu neuem Leben zu erwecken, wandte er sich an seine zehn besten Spezl, die ihm jeweils 1000 Euro für zwei Jahre zinslos zur Verfügung stellten und anschließend für diesen Betrag im Dorfladen einkaufen konnten.

Nach den Vorstellungen Heitauers sollte auch eine kleine Kneipe als Treffpunkt für die Dorfbewohner zum Laden gehören. Man richtete dafür den Lagerraum her. Regelmäßig finden hier seither Altennachmittage statt; jeden Samstag treffen sich hier Chieminger zum Weißwurstfrühstück; Bergradler haben hier ihren Stammtisch und auch die Sänger treffen sich in dem kleinen Raum. Angeboten werden vorwiegend regionale Produkte, aber auch Bio-Lebensmittel.

Zum 1. Oktober hat die langjährige Mitarbeiterin Marille Nagelschmidt den Dorfladen übernommen. Unterstützt von ihrem Mann Norbert und ihren drei Töchtern wollte sie ihn in gewohnter Art und Weise weiter führen. Zwei Wochen später kam jedoch ein Brief von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, adressiert an den Vorbesitzer Fredi Heitauer. Es war eine Anzeige, weil man im Internet mit »Bio« geworben habe, was nicht zulässig sei. Natürlich brachte man schnellstens alles in Ordnung, was die Behörde reklamiert hatte.

Wieder zwei Wochen später, so erzählte Marille Naglschmidt den Kommunalpolitikern, sei eine Frau in den Laden gekommen – die Grünen-Landtagsabgeordnete Gisela Sengl, die in Sondermoning selbst einen Bioladen betreibt. Die Inhaberin sagte ihr auf den Kopf zu: »Ich weiß, dass Sie mich hingehängt haben.« Und: »Warum sind Sie nicht zu mir gekommen und haben mich darauf hingewiesen?« Eine schlüssige Antwort sei ausgeblieben. Stattdessen sei bei den Lieferanten der Bio-Schilder für die Preisauszeichnung ebenfalls eine Beschwerde eingegangen.

Sechs Wochen später, so erzählte Frau Naglschmidt, sei eine »verschärfte Anzeige« eingegangen mit der Androhung von bis zu 15 000 Euro Strafe. Bei einem Telefonat mit dem Landesamt für Landwirtschaft habe man ihr mitgeteilt, sie dürfe in keinem Fall mit Bio werben, auch wenn zum Beispiel der Käse, den sie verkauft, in einem Biobetrieb hergestellt wird. Nun hoffe sie, alles so weit bereinigt zu haben, dass es keine Beanstandungen mehr gibt.

Fredi Heitauer kritisierte, dass die Grünen-Abgeordnete überall darüber rede, wie wichtig Dorfläden seien; dann werde man aber angezeigt, statt dass man mit einem rede. »Wir reißen uns den A… auf und sind froh, wenn wir eine schwarze Null hinkriegen. Von denen, die sich vorne hinstellen, kriegen wir dann aber eins auf die Schnauze«, schimpfte er. Aus den Reihen der Kreisräte kamen ebenfalls kritische Töne mit dem Tenor, es grenze an Amtsmissbrauch gewählter Volksvertreter, wenn sie Beamte mobilisieren, um missliebigen Konkurrenten bzw. Mitbewerbern das Leben schwer zumachen.

Gisela Sengl, die wir gestern telefonisch von den Vorwürfen informierten, betonte, sie habe sich bei ihrem Hinweis an das Landesamt nicht als Landtagsabordnete zu erkennen gegeben. Sie wies den Vorwurf des Amtsmissbrauchs scharf zurück. »Ich betrachte es als Täuschung der Kunden, wenn der Laden Gemüse mit Bio beworben hat, das aus konventionellem Anbau stammt.« Sie selbst baue in ihrem Betrieb Gemüse biologisch an und betrachte jene als Trittbrettfahrer, die zu Unrecht mit Bio werben. »Ich bin für Dorfläden aber gegen Verbrauchertäuschung«, betonte sie. »Das grenzt an Betrug« und die Behörden seien dazu da, solche Missstände abzustellen, so Sengl.

Der Trostberger Stadtrat Franz Xaver Obermayer berichtete von ähnlichen Schwierigkeiten auf seinem Hof. Auch er habe ständig Ärger mit den Ämtern, weil die Eier, die er ab Hof verkaufe, nicht gestempelt seien. Seit 1936 würden die Kunden auf dem Hof seiner Familie auch Obst kaufen. Er habe jedoch kein Obstverkaufszertifikat. Obermayer forderte: »Man muss den Kunden mündig machen; er soll entscheiden, wo er einkauft.«

Chiemings Bürgermeister Benno Graf betonte, der kleine Laden an der Laimgruber Straße sei eine »gewaltige Bereicherung für die Gemeinde«. Heinz Wallner sprach die im Dorfladen stattfindenden Altentage an, die ebenso wie die anderen Treffen hier eine Bereicherung für das Dorfleben seien.

Christa Summerer, die seit sechs Jahren einen kleinen Dorfladen in Rottau betreibt, schilderte ebenfalls, »wie kräftig der Amtsschimmel wiehert« und wie häufig man Besuch von Behördenvertretern bekommt. Sie habe ihren gesicherten Beruf als Apothekenhelferin aufgegeben, um mit viel Idealismus den Rottauer Dorfladen zu betreiben.

Dr. Lothar Seissiger berichtete über die positive Entwicklung des Dorfladens in Hammer. Als nächstes werde wohl einer in Eisenärzt entstehen, wenn das dortige Edekageschäft seine Pforten schließt. Seissiger betont,  es gehe bei den Dorfläden primär um die regionale Versorgung und erst dann  darum, ob Bio oder nicht. -K.O.-