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Sonnenstrom von Pettings Dächern

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Das Dach der Lagerhalle bietet Platz für Paneelen. Der Nachteil: Der Eigenverbrauch ist dort gering. (Foto: Höfer)

Petting – Die Gemeinde musste in jüngster Zeit einige Kritik einstecken. Der Grund: Bürgermeister und Gemeinderäte befürworteten einerseits drei große Photovoltaik-Freiflächen-Anlagen auf landwirtschaftlichen Böden, kümmerten sich andererseits aber nicht um die Möglichkeit von Sonnenstrom-Erzeugung auf eigenen Dächern. Das wird nun anders. Der heimische Energiefachmann Tobias Gaisreiter hat die gemeindeeigenen Dächer unter die Lupe genommen; vier davon hält er für geeignet. Das reduziert nicht nur den CO2-Ausstoß, sondern bringt am Ende auch Geld.


Die Dächer der neuen Lagerhalle sowie von Kindergarten, Rathaus und Schule beurteilt Gaisreiter positiv. Für alle vier Objekte legte er den Gemeinderäten detaillierte Berechnungen und Präsentationen vor, »denn jedes Dach ist anders«. Dachaufbau, Neigung, Statik, Schneelast, Wind und Ausrichtung gelte es zu berücksichtigen. Allgemeine Grundlage seiner Berechnungen sind die durchschnittlichen Wetterdaten der vergangenen 25 Jahre. »Die letzten Jahre waren ziemlich gut«, fügte Gaisreiter hinzu. Dramatisch verringert hätten sich die Vergütungen für Sonnenstrom, aus den einst 50 Cent je Kilowattstunde seien inzwischen 12 Cent geworden. Andererseits hätten sich die Kosten für Anlagen je Kilowatt von rund 6000 Euro auf etwa 1000 Euro verringert, sodass die Amortisationszeit auch heute noch zwischen acht und zehn Jahren liege.

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Seiner Kalkulation zugrunde liegt eine Anlagenlaufzeit von 20 Jahren, was aber nicht das Ende bedeuten muss. Die Projektgarantie erstreckt sich auf 15 Jahre, die Leistungsgarantie auf 25. Auch wenn viele Anlagen-Anteile aus China und Asien kämen, so legt der Fachmann doch Wert auf einen »Ansprechpartner in Deutschland«. Ausführlich präsentierte er dem Gremium die größte mögliche Anlage auf dem Dach der Schule. Und zwar auf beiden Seiten sowie auf dem Verbindungsbau zur Turnhalle. Die Ost- und Westausrichtung des Schuldaches ist für ihn kein Nachteil: »Ich brauche nicht den mittäglichen Spitzenwert.« Mit der flachen Neigung von zehn Grad würden die Paneelen den Strom über den ganzen Tagesverlauf gleichmäßiger produzieren. Nicht nur wegen des abendlichen Betriebs in der Turnhalle rät Gaisreiter zu einem Batteriespeicher.

Keine PV-Anlage auf der neuen Turnhalle

Stichwort Turnhalle: Deren Dach entspricht zwar den nach dem Eishallenunglück in Bad Reichenhall erhöhten Anforderungen an die Schneelast, eine zusätzliche PV-Anlage aber ist nicht mehr möglich. Laut Gaisreiter ließen sich Schule und Halle zu 96 Prozent mit eigenem Strom versorgen, lediglich vier Prozent müssten übers Jahr gesehen zugekauft werden. Umgekehrt könnte eine große Menge des erzeugten Stromes ins Netz gespeist und verkauft werden. Bei Gesamtinvestitionskosten von rund 180 000 Euro für die vier Anlagen und zu erwarteten Einnahmen von rund 445 000 Euro ergäbe sich nach 20 Jahren unterm Strich ein »Kontostand« von rund 410 000 Euro, was einer Rendite von gut 4,8 Prozent entspräche.

Ewas verringert würde das Ergebnis durch den zu erwarteten notwendigen Austausch der Wechselrichter. Rechnerisch ergibt sich in dieser Zeit eine CO2-Einsparung von rund 1,9 Millionen Kilogramm. Voraussetzung ist in jedem Fall eine Netzverträglichkeitsprüfung durch das zuständige Energieversorgungsunternehmen.

Von einem Aufständern der Paneelen hält Gaisreiter nichts. Die Gefahr einer Blendwirkung sieht er eher bei bodennahen Anlagen, weniger auf Dächern. Die Speicherverluste taxiert er auf rund vier Prozent. »Elektro-Smog und Strahlung sind vieldiskutierte Themen«, warf Philipp Strohmeyer ein. Unter den Modulen entstehe keine Strahlung, beruhigte Gaisreiter, auch insgesamt sei praktisch nichts messbar. »Jeder läuft mit Handy rum«, relativierte er solche Bedenken, räumte jedoch ein, dass auch er sich keinen Wechselrichter ins Schlafzimmer stellen würde.

Franz-Martin Abfalter blickte auf das Ende der Lebensdauer und fragte nach der Entsorgung. »Die kostet fast nichts«, so Gaisreiter, denn die in Standardmodulen verarbeiteten »simplen Materialen« ließen sich gut trennen und wiederverwerten. Den von Martin Häusl geäußerten Bedenken für den Fall eines Brandes begegnet Gaisreiter pragmatisch: »Wenn die Hütte brennt, habe ich andere Probleme.«

»Wir reduzieren die Umweltbelastung«

Bürgermeister Karl Lanzinger betonte ausdrücklich, dass es der Gemeinde nicht vorrangig um Wirtschaftlichkeit gehe: »Dezentrale Erzeugung braucht weniger Leitungen, und wir reduzieren die Umweltbelastung.« Auch Josef Stippel erachtet die zu erzielende CO2-Einsparung als »nicht zu vernachlässigen.« Lanzinger widersprach insofern den Kritikern, als dass man sich in der Gemeinde sehr wohl mit dem Thema befasst habe. Allerdings sei eine Anlage auf der alten Schule ebenso wenig in Betracht gekommen wie auf dem Eternitdach der »alten« Turnhalle.

»Von den Freiflächen-Anlagen sind nicht alle begeistert«, erinnerte zweiter Bürgermeister Ludwig Prechtl, gerade deshalb sollte die Gemeinde ihren Beitrag leisten. »Und wenn was übrig bleibt, ist das auch nicht schlecht.« Eben, meinte Häusl dazu, denn dieses Geld komme der Gemeinde und damit den Bürgern zugute. Prechtl brachte mit dem ehemaligen Rathaus ein weiteres mögliches Objekt aufs Tapet. »Die Schindeln sind alt, da müsste erst das Dach gemacht werden«, verwarf Gaisreiter vorerst diese Möglichkeit. Lanzinger seinerseits bremste beim Kindergarten, denn hier stehe ein An- oder Umbau bevor.

»Es pressiert nicht«, beruhigte Gaisreiter, denn Preise und Vergütung seien relativ stabil. Der Fachmann verwies auf einen weiteren Aspekt: »Elektro-Tankstellen werden immer mehr. Warum nicht tagsüber Ladestrom produzieren?« Man werde die umfangreichen Informationen zunächst »verinnerlichen«, erklärte der Rathauschef abschließend, dem Gemeinderat die Sache jedoch zeitnah zur Entscheidung vorlegen. höf