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»So gut wie alle in ihrem Wesen anständig und gutgeartet«

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Na, welcher der honorigen Herren mag wohl der frühere Lehrer Josef Breitsameter sein? Man kennt ihn wirklich nur schwer von seinen früheren Schülern weg. Es ist in der vordersten Reihe der Zweite von rechts.

Traunstein. »Es kann mit Befriedigung festgestellt werden, daß die Schüler so gut wie alle in ihrem Wesen anständig und gutgeartet waren. Das hinderte natürlich nicht, daß immer wieder Verstöße gegen Hausordnung und Schulzucht, Störungen im Unterricht und Lässigkeit in der Pflichterfüllung vorkamen, es war aber offenbar, dass diese Verfehlungen nicht wirklicher Aufsässigkeit, sondern dem Übermut und der Unbedenklichkeit der Jugend entsprangen, die die notwendigen Grenzen öfter als früher verkennt«.


So beurteilte der Schulleiter damals seine Schüler

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Amüsiert nahmen die Abiturienten des Gymnasiums mit Oberrealschule (heute Chiemgau-Gymnasium) von 1963 diesen Bericht des früheren Schulleiters Maximilian Engelhard zur Kenntnis. 50 Jahre nach dem Abitur trafen sich die Ehemaligen der Klasse 9c im CHG und erhielten dort im Rahmen einer Schulführung mit Sektempfang Einblicke in die Beurteilung, die der Schulleiter damals zum Thema Schulzucht ans Kultusministerium schrieb.

Einer, der mit Schulleiter Engelhard noch eng zusammenarbeitete, ist der damalige Mathematik- und Physiklehrer Josef Breitsameter. »Er ist inzwischen 89 Jahre alt und sieht immer noch so gut aus, den kennen sie auf dem Klassenfoto nicht von den Schülern weg. Und er kennt jetzt noch alle früheren Schüler mit Namen«, so Dr. Franz Hechenbichler im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Das mag wohl an seiner heute noch erstaunlich geraden Haltung und dem Umstand liegen, dass ihn seine Schüler als unglaublich sportlich in Erinnerung haben.

Josef Breitsameter war nach Aussagen von Hechenbichlers einstigem Banknachbarn Dr. Manfred Peuser »damals mit der Physik verheiratet. Das war noch, bevor er seine Frau kennenlernte«. Der »Mann mit dem weißen Kittel« hielt einen für damalige Verhältnisse äußerst modernen Physikunterricht mit vielen Experimenten. Sein Verdienst war es, dass die Schüler nicht nur im Physik-Unterricht bereits Versuchsanordnungen der Universität München zu sehen bekamen, er führte auch das Wahlfach »Kernphysik« ein, das ein Großteil der Klasse besuchte, so Peuser.

»Das war damals einmalig an einer bayerischen Schule«, sagt Hechenbichler. »Die Folge von seiner Begeisterungsfähigkeit und seinem enormen didaktischen und pädagogischen Einsatz war, dass es in unseren Reihen eine ganze Menge Naturwissenschaftler gibt, Diplomingenieure, Ärzte, aber auch Lehrer und höhere Beamte.«

»Wir waren übrigens der erste Gymnasial-Jahrgang, in dem es sechs Notenstufen gab (vorher fünf)«, erklärt Hechenbichler. »Ein Einser war nur sehr schwer zu erreichen, und kam nicht oft vor. Trotzdem hatten beim Abitur fünf Schüler der Klasse bei einem Notenschnitt eine eins vor dem Komma. Unser Primus Dr. Jürgen Kraus – ein sehr angenehmer Zeitgenosse – war mit 1,1 einer der fünf Besten in Bayern.« Rechtschreibung und Grammatik hatten noch eine große Bedeutung in der Benotung. Im Mathematik-Unterricht hatte Kopfrechnen noch einen hohen Stellenwert.

Hechenbichler selbst war Physiker an der TU München, als Breitsameter ihn als Lehrer für das Chiemgau-Gymnasium warb. »Damals herrschte wie heute großer Mangel an Mathematik- und Physiklehrern. Und für mich war es die Chance, nach Traunstein zurückzukehren.« An seiner früheren Schule führte er als Lehrer den Unterricht im Fach Astronomie ein Zu Zeiten des G 9 war es sogar möglich, in Astronomie Abitur zu machen. Peuser war zwölf Jahre bei der Luftwaffe als Maschinenbau-Ingenieur, studierte dann Mathematik und Physik, und wechselte letzten Endes zur Zahnmedizin. Auch er kehrte heim nach Traunstein. »Ein großer Teil von uns ist hier geblieben oder wieder hier, zumindest in Oberbayern.«

Die weiteste Anreise hatte Karl-Heinz Härtel aus Kiel. Er war einer von 16 Teilnehmern beim Klassentreffen der ehemals 26 Schüler. Drei sind verstorben, die anderen waren verhindert. Die Übrigen wurden herzlich empfangen von Schulleiter Klaus Kiesl und einem seiner Stellvertreter, Werner Wennesz, der heute Physik unterrichtet. Er führte bei dem Treffen zwei Experimente vor, die einer der Ehemaligen erklären musste – für die »alten Hasen« natürlich kein Problem. Breitsameter dozierte wie in alten Zeiten an der Tafel, selbstverständlich gekleidet in den obligatorischen weißen Kittel.

Sehr amüsiert nahmen die Schulspezln die Äußerung ihres Freundes Dr. Helmut Wittmann zur Kenntnis, der es zum Ministerialdirigent im Kultusministerium gebracht hatte. Als er die sichtliche Ehrfurcht der heutigen CHG-Lehrer bemerkte, sagte er: »Bei mir brauchts euch nix mehr denken, ich bin in Pension.« Den guten Kontakt haben die früheren Schüler seit dem Abitur bis heute gepflegt. So gibt es seit ein paar Jahren auch einen Stammtisch ein- bis zweimal im Jahr. Nur einer von ihnen ist irgendwo in Amerika verschollen, zu ihm hat leider niemand mehr Kontakt.

Hüttenabende sind bis heute unvergessen

»Ein wesentliches Element für den guten Zusammenhalt war die Skihütte, die Dr.-Willy-Beeker-Hütte am Roßfeld«, sagt Peuser. »Da haben wir alles selbst erbringen müssen, Holz machen, Küchen- und Reinigungsdienst.« Unvergessen sind bis heute die fröhlichen Hüttenabende mit Musik, Liedern und lustigen Sketchen mit den Sportlehrern »Steps« Engler und Karl Voit. »Der Voit war direkt eine Vaterfigur. Seine Frau ist erst vor kurzem 101 geworden«, erinnert sich Hechenbichler.

In den höheren Klassen wurden zum Teil durchaus anspruchsvolle Bergtouren, etwa auf den Schneibstein, unternommen. Etliche aktive Sportler, Leichtathleten, Skifahrer und Spieler von Ballsportarten waren in der Klasse. Und ein bisschen stolz ist Hechenbichler schon, dass er bis heute den Schulrekord im 1000-Meter-Lauf hält. Und darauf, dass auch er unter seinen Schülern einige Naturwissenschaftler herausgebracht hat, nicht zuletzt die beiden begabten Töchter von Josef Breitsameter. coho