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Sitzenbleiben abzuschaffen wäre »ein Schmarrn«

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Was tun, wenn die Versetzung gefährdet ist? Das Sitzenbleiben generell abzuschaffen, ist sicher nicht der richtige Weg, finden Schulleiter und Schülersprecher, mit denen das Traunsteiner Tagblatt gestern gesprochen hat. (Foto: dpa)

Das Sitzenbleiben abschaffen – diese politische Forderung aus Nordrhein-Westfalen sorgt derzeit für heiße Diskussionen, nicht zuletzt anlässlich der gestrigen Übergabe der Zwischenzeugnisse. Das Traunsteiner Tagblatt wollte wissen, wie man das in Traunstein sieht.


Er kenne viele Fälle, wo das Wiederholen durchaus sinnvoll sei, »weil die Schüler in diesem Jahr meist einen Entwicklungsschub machen. Sie reifen gerade in der Pubertät in einem Jahr oft sehr, auch was ihre Haltung zur Schule anbelangt«, so der Leiter des Chiemgau-Gymnasiums, Klaus Kiesl.

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Nachprüfung oder Vorrücken auf Probe gibt es bereits

Ein Wiederholungsjahr gebe die Gelegenheit, Lücken zu schließen. Denn wenn Grundlagen fehlten, werde der Berg ja immer größer, »man denke nur an Fächer wie Mathematik, Chemie oder Latein.« Da könne eine Zäsur sinnvoll sein. In Einzelfällen, in denen es nur um ein oder zwei Fächer gehe, könne man sicher über eine Versetzung diskutieren. Aber dafür gebe es ja die Nachprüfung oder das Vorrücken auf Probe.

Die Abschaffung des Wiederholens politisch zu proklamieren, hält Kiesl nicht für sinnvoll. »Die Schüler würden das ja mitnehmen bei ihrer Einstellung zur Schule.« Kiesl fürchtet nachlassende Leistungen der Einzelnen, aber auch Qualitätseinbußen insgesamt: »Der Lehrer muss sich immer an den Schwächsten orientieren. Die begabteren und fleißigeren Schüler könnten dann nicht mehr so gut gefördert werden wie bisher. Langfristig würde das die Probleme potenzieren«.

»Spätestens beim Abitur braucht man das«

Schülersprecher David Norali-Ghasemi stimmt dem Leiter seiner Schule zu: »Das sollte nicht abgeschafft werden. Wiederholen ist einfach auch eine Chance, vor allem für Spätstarter.« Schlechte Schüler durchzuheben, sei nicht sinnvoll, denn gerade in der achten oder neunten Klasse werde das Grundwissen für die Oberstufe aufgebaut. »Und spätestens beim Abitur braucht man das.«

»Deswegen werden die Schüler nicht besser«, sagt der Leiter des Annette-Kolb-Gymnasiums, Bernd Amschler. Er halte die Diskussion ja oder nein über alle Schularten hinweg für problematisch. Denn natürlich gebe es Unterschiede zwischen Mittelschulen und Gymnasien. »Auf dieses Instrumentarium können wir nicht verzichten.« Auch er verweist auf das Vorrücken auf Probe, die Nachprüfung oder in der zehnten Klasse den Notenausgleich. Finnland könne man von den Gegebenheiten her mit Bayern nicht vergleichen, wie das in der öffentlichen Diskussion geschehen sei.

»Unser Auftrag als Gymnasium ist es, die jungen Leute studierfähig zu machen«, so Amschler gegenüber dem Traunsteiner Tagblatt. Als Lehrer, aber auch als Vater habe er auch die Universitäten im Blick: »Entweder du schaffst das dort oder du schaffst das nicht«. Von daher sei es pädagogisch nicht richtig, die Schüler bis zum Abitur durchzuschleusen. Nur Hindernisse abzuschaffen, sei problematisch.

Verbesserungen müssen langsam wachsen

Zu diskutieren sei eher die Durchlässigkeit des Systems. »Da muss es Bewegung geben von oben nach unten, aber auch von unten nach oben. Daran müssen wir arbeiten, sicher auch an der individuellen Förderung.« Das müsse aber wachsen, »von heute auf morgen ein ganzes System zu kippen, ist sicher nicht der richtige Weg.«

Julian Hille, Jahrgangsstufensprecher der Oberstufe am AKG, spricht aus Erfahrung: »Natürlich ist das nicht das Schönste, aus dem Bekanntenkreis gerissen zu werden. Aber für mich war's eine Chance, neu anzufangen.« Das Wiederholen prinzipiell abzuschaffen, sei nicht der richtige Weg. »Aber natürlich sollte man sich Gedanken machen, wo man was verbessern kann.«

Leistungsgedanke schlägt irgendwann im Leben zu

»Gar nix«, sagt Thomas Kaspar, Leiter der Staatlichen Reiffenstuel-Realschule, zu der Frage, was er von der Abschaffung des Sitzenbleibens hält. »Das wäre in meinen Augen ein Freibrief für diejenigen, die eh keine Leistungsbereitschaft zeigen.« Begrenzende Faktoren gebe es überall, »zum Beispiel bei der Führerscheinprüfung. Der Leistungsgedanke wird immer irgendwann im Leben zuschlagen.« Sehr viele Schüler seien durchaus leistungsbereit – für sie sei das Weiterkommen auch eine Bestätigung. Auch er verweist auf Nachprüfung und Vorrücken auf Probe. Das heißt, jeweils bis zum 15. Dezember hat der betreffende Schüler Zeit, seine Noten auf eine Vier zu verbessern.

Gegen die Abschaffung ist auch Philip Hechenbichler, Schülersprecher an der Reiffenstuel-Realschule, »weil dann die fleißigen Schüler keine Bestätigung haben und der Druck zu groß wird, wenn einem die Grundlage für die nächste Klasse fehlt.« In der Regel bleibe man ja auf derselben Schule, an der man nach wie vor seine Freunde habe. »Ich kenne einige, die durch das Wiederholen auch wirklich besser geworden sind.« Und mit der Integration in die neue Klasse gebe es seiner Erfahrung nach keine Probleme.

Das Vorrücken auf Probe gelingt nach der Erfahrung von Karl Wastlschmid, dem gerade verabschiedeten Leiter der Maria-Ward-Mädchenrealschule Sparz (siehe eigenen Bericht auf Seite 12), eher selten. »Unsere Erfahrung ist, dass die Schüler da auch nicht sehr viel mehr tun.« Wie seine Kollegen, ist auch er gegen die Abschaffung des Sitzenbleibens. Dieser Meinung schließt sich auch Schülersprecherin Anna-Lena Mayer an: »Dann hätte man ja gar keinen Ansporn mehr, etwas für die Schule zu tun. Außerdem wäre das ungerecht denen gegenüber, die lernen. Ich hab auch gerade mit meinen Freundinnen darüber gesprochen. Die sind alle der Meinung, das wäre ein Schmarrn«.

»Gleich Noten und Zeugnisse abschaffen«

Auch der CSU-Landtagsabgeordnete Klaus Steiner hat die Forderungen von SPD und Grünen nach Abschaffung des Sitzenbleibens gestern scharf kritisiert. »Dann können wir auch gleich die Noten und Zeugnisse abschaffen«, so Steiner, Mitglied des Bildungsausschusses im Landtag. coho

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