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Sexfantasien an gefesseltem Opfer ausgelebt

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Traunstein. In fast unvorstellbarer Weise quälte ein alkoholsüchtiger Arbeitsloser aus dem Berchtesgadener Land, der sich gestern am Landgericht Traunstein verantworten musste, eine frühere Gelegenheitsprostituierte aus dem Chiemgau in seiner Wohnung. Die Kammer verurteilte den fünffach vorbestraften 53-Jährigen wegen schwerer Vergewaltigung, schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung zu elf Jahren Freiheitsstrafe und Unterbringung in der Psychiatrie. Das bedeutet: Er verbüßt die Strafe in einem Bezirksklinikum.


Der Angeklagte äußerte sich weder zur Tat noch zum Motiv. Über seine Pflichtverteidigerin bedauert er seine Tat und räumte wesentliche Teile der Anklage ein, jedoch nicht die schlimmsten Details. Der 53-Jährige hatte sein Opfer über eine Kleinanzeige in einer Zeitung kennengelernt. Die 58-Jährige bot darin Sex und Hausbesuche an. Wochen vor der Tat bestellte der Angeklagte die Frau erstmals zu sich. Sex verweigerte sie, nachdem er nicht genügend Geld hatte.

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Bei einem erneuten Anruf am Vormittag des 21. September 2013 fragte sie ausdrücklich, ob er genügend Geld habe, was der Mann bejahte. Nach ihrer Ankunft gab er vor, den vereinbarten Liebeslohn in der Wohnung zu haben. Als sie das Geld vorab forderte, schubste sie der Freier – er hatte über drei Promille Alkohol im Blut – auf sein Bett, fesselte sie mit schon griffbereit am Bett fixierten Mullbinden und knebelte sie mit Socken. Dabei sagte er mehrfach: »Jetzt bist du fällig.«

Er folterte sie eineinhalb Stunden

Die 58-Jährige bekam kaum Luft. Er vergewaltigte und folterte sie eineinhalb Stunden in schlimmster Weise, unter anderem mit Messern in der Scheide, durch Schnitte in die Brust und Abschneiden einer Brustwarze. Die Frau wurde zwischendurch kurz bewusstlos. Aus dem Portemonnaie der Gefesselten stahl der 53-Jährige noch 60 Euro. Als er mehr Geld mit der EC-Karte wollte, antwortete die Frau, dass ihr Konto leer sei. Schlagartig ließ der Täter dann von seinem Opfer ab, löste die Fesseln und schickte die 58-Jährige ins Bad, befahl ihr zu duschen und »sich sauber zu machen«. Unter Vorhalt eines Messers drohte: »Du machst keinen Muckser. Ich weiß, wo du wohnst.«

Die unter Schock stehende Verletzte fuhr heim zu ihrem Mann, der für Hilfe sorgte. Sie kam ins Klinikum Rosenheim und später in eine Frauenklinik in München. Die Kripo Traunstein traf damals zeitgleich mit dem SEK an der Wohnung des Angeklagten ein. Als die Wohnung gestürmt wurde, erlitt der 53-Jährige einen epileptischen Anfall. Nach notärztlicher Erstversorgung kam er bewacht von Polizisten in eine Klinik.

Die Kripo fand in der Wohnung das Fesselwerkzeug, Blut an Bettzeug und an der Matratze, frisch gewaschene Wäsche, die noch Blutreste aufwies, und vieles mehr. Der Angeklagte war für die Polizei kein Unbekannter: Er hatte bereits freiwillig an einem Präventionsprogramm für Sextäter teilgenommen. Der Grund: Ein ähnlicher Vorfall mit einem Klappmesser vor 20 Jahren. Allerdings hatte das Opfer damals das Fesselmaterial entdeckt und die Falle rechtzeitig erkannt.

Im Hinblick auf das Motiv habe der 53-Jährige laut einer Polizistin in einer Vernehmung von »Fantasien mit Fesselspielen und Ritzen« gesprochen. Mit seiner Ex-Ehefrau habe er nur »Blümchensex« gehabt.

Die 58-Jährige schilderte gestern – abgeschottet durch Paravents vom Angeklagten, begleitet von ihrem Anwalt und Vertretern des »Weißen Rings« – ihr Martyrium: »Ich war hundertprozentig überzeugt, der Mann bringt mich um. Ich hatte Todesangst.« Sie habe drei Operationen mit Komplikationen und künstlichem Koma hinter sich.

58-Jährige wacht nachts oft weinend auf

In den ersten Monaten habe sie sich daheim verkrochen. Inzwischen sei sie bei einer Traumatherapeutin, nehme Medikamente und wache nachts oft weinend auf. Sie könne wegen der Narben und der Verstümmelung »nicht mehr in den Spiegel schauen«.

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, bescheinigte dem 53-Jährigen neben einer Alkoholsucht ein abweichendes Sexualverhalten mit sadistischer Färbung, erheblich verminderte Schuldfähigkeit zur Tatzeit und unbehandelt hohe Wiederholungsgefahr. Eine Unterbringung in eine Psychiatrie sei aufgrund der seelischen Störung erforderlich.

Im Plädoyer sah Staatsanwältin Monika Veiglhuber den Sachverhalt der Anklage voll bestätigt. Das Opfer habe sich in konkreter Lebensgefahr befunden. Erforderlich seien eine Freiheitsstrafe von elf Jahren und Unterbringung in der Psychiatrie. Nebenklagevertreter Alexander Stephens aus München forderte namens der 58-Jährigen eine Strafe von 14 Jahren plus Unterbringung. Die Pflichtverteidigerin, Katharina Pilsel aus Berchtesgaden, verwies auf das Geständnis des 53-Jährigen und bat um »eine milde Strafe«. »Es tut mir wirklich sehr Leid, was ich getan habe«, beteuerte der Angeklagte im »letzten Wort«. Das war der einzige Satz, der überhaupt gestern von ihm zu hören war.

In der Urteilsbegründung schloss sich Vorsitzender Richter Dr. Jürgen Zenkel voll der Staatsanwältin an. »Ihr Verhalten war unmenschlich, menschenverachtend, sadistisch und grausam. Sie sind für die Allgemeinheit gefährlich«, so Dr. Zenkel. Deshalb wurde die Unterbringung angeordnet. kd