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Sennerin auf der Alm: Zum Verschnaufen bleibt kaum Zeit

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Die Vielfalt an Tieren auf der Hefteralm lockt gerade Familien mit Kindern zu Irmi Guggenbichler auf die Hefteralm. (Foto: Mix)

Grassau. Eigentlich wollte sie es nur für ein Jahr machen, aber jetzt verbringt Irmi Guggenbichler heuer schon den 24. Sommer auf der Hefteralm bei Grassau im Achental. Die Sennerin mit Leib und Seele versorgt zusammen mit ihrem Mann Sepp auf dem Almgebiet, das im Besitz der Pferdezuchtgenossenschaft für Kaltblutpferde Traunstein ist, jedes Jahr das Vieh der Bauern und bewirtet auch noch die Gäste mit almtypischen Brotzeiten. Der Tag beginnt bei ihr um 5 Uhr früh – und meist hat sie bis zum Abend kaum Zeit zum Verschnaufen. Und doch kann Irmi Guggenbichler es jedes Jahr im Frühjahr gar nicht erwarten, bis es wieder hinaufgeht auf die Hefteralm.


Ganz spontan hat sie sich im Frühjahr 1990 dazu entschieden, als Sennerin auf die Alm zu gehen. Eigentlich waren andere dafür vorgesehen, die kurzfristig absagten. Aber bei ihrem erst Besuch auf der Hefteralm sprang gleich der Funken über. »Dann mach i des«, erklärte sie. Mit ihrem Mann, der Waldarbeiter beim Forst ist, kam sie überein, es für ein Jahr zu versuchen. Inzwischen sind über 20 Jahre vergangen, die beiden haben aus der Hütte ein richtiges Schmuckstück gemacht und können sich ein Leben ohne Alm gar nicht mehr vorstellen.

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Die Hefteralm im weitläufigen Gebiet der Grassauer Almen unterhalb der Hochplatte weist eine lange Geschichte auf. Sie gehörte einmal als »Lehen« zum Erzbistum Salzburg. Der Hefterbauer aus Grassau kaufte die Alm im Jahr 1900, wodurch sie ihren Namen erhielt.

1946 erwarb die Kaltblutzuchtgenossenschaft Traunstein die Alm. Auf einer Weidefläche von 53 Hektar verbringen die Tiere der 16 Genossenschaftsbauern den Sommer. Jedes Jahr Mitte Mai werden rund 50 Kalbinnen aufgetrieben, dazu eine Handvoll Milchkühe, einige ein- und zweijährige Kaltblutzuchtstuten und noch jede Menge andere Tiere, die Irmi Guggenbichler von daheim mitbringt.

Hühner, Hasen, Hunde – und vieles mehr

Rund 20 Hühner sorgen auf der Alm für frische Eier und Gockel Franz-Josef passt auf die Hühner auf. Dazu kommen Gänse, Meerschweinchen, ein Hase, der zwölfjährige Kater Flori, Jagdhund Lisa und Mini-Shetlandponys, die die Sennerin zu Hause züchtet. Gerade diese Vielfalt an Tieren, auch sehr zutrauliche und kleine, die man streicheln kann, locken immer wieder Familien mit Kindern auf die Hefteralm.

Für die Sennerin und ihren Mann bedeuten die Tiere aber nicht nur Spaß, sondern auch viel Arbeit. Im Frühjahr ist es oft nicht einfach, das Vieh an das Leben auf der Alm zu gewöhnen. Aus einem Laufstall kommend, müssen die Tiere erst lernen, auf der Weide zu grasen, aus dem Granter zu saufen und sich nicht bei jedem Geräusch zu fürchten. »Da gehört viel Geduld dazu und übers Fressen gewöhnen wir die Viecher an uns«, erzählt Irmi Guggenbichler.

Ihr Mann Sepp kümmert sich um die Kalbinnen und die Pferde, er bringt sie immer wieder zu den wechselnden Weidegebieten und achtet darauf, dass sie gesund sind und kräftig werden. Seine über 50 »Weiber« folgen dem Senner aufs Wort und kommen sofort, wenn er seine Goaßl schnalzen lässt. Die gemeinsame Beweidung von Kälbern und Rössern auf einer Fläche hat sich nach seiner Erfahrung bestens bewährt, die Wiesen werden sauber abgegrast und es gibt kaum Unkraut.

In Irmis Bereich fallen die Milchkühe und die übrigen Tiere. Die frische Milch, die die Kühe jeden Tag geben, verarbeitet die Sennerin zu Käse. Sie hat eigens eine Ausbildung zur Käsereifachfrau gemacht und versteht es bestens, die unterschiedlichsten Käsesorten herzustellen, die im Keller der Alm reifen können.

So gerne sie Gäste auf der Alm bewirtet, ist es für die Sennerin doch auch manchmal eine Last, wenn sie beispielsweise in der Frühe im Stall schon von den ersten Besuchern nach einer Brotzeit gefragt wird. »Do hob i selber no koa Frühstück ghabt.« Es kann dann schon vorkommen, dass sie in ihrer geraden und unverblümten Art den Leuten rät, sie sollen erst noch ein oder zwei Stunden den Berg raufgehen, sodass sie richtigen Hunger kriegen, und dann wiederkommen. »Heid rennt ja jeder an Berg aufi«, beklagt sie und meint damit vor allem Touristen, die keine Ahnung vom Leben auf der Alm haben, diese eher für eine Art Museum halten und nicht verstehen, dass das Vieh auf den Wiesen seine Ruhe haben will und kein Streichelzoo ist. »Wer koa Zeit hod zum Warten, der soi besser weitergeh´«, lautet eine Devise der Sennerin.

Jedes Jahr packt sie das Almfieber aufs Neue

Im Herbst, wenn die Arbeit langsam weniger wird und die Nebel vom Tal hochkriechen, während oben auf dem Berg noch die Sonne scheint, haben auch Irmi und Sepp mehr Zeit und genießen die Ruhe auf der Alm. »Das entschädigt für die viele Arbeit während der Sommermonate«, betont sie.

Wenn die Tiere wieder im Tal sind, bleiben Irmi und Sepp noch eine Weile, machen alles winterfest. Und dann überlegt Irmi jedes Mal aufs Neue: »Soll ich nächstes Jahr wieder herkommen?« Aber die Frage stellt sich nicht wirklich. »Wenn es Frühjahr wird, dann juckt es mich schon wieder ganz gewaltig und das Almfieber packt mich wie jedes Jahr.« mix