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Selbst das Ibuprofen wird immer wieder zur Mangelware

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Die Ärzte, die Apotheker und vor allem die Patienten freuen sich, wenn die Medikamente, die sie brauchen, vorrätig sind und über die Ladentheke gehen. Doch dem ist nicht immer so. Lorenz Fakler (links), der Sprecher der Apotheker im Landkreis Traunstein, sagt, dass die Lieferengpässe zunehmen. (Foto: Pültz)

Der Arzt verordnet dem Patienten ein Medikament, das er schon jahrelang einnimmt. In der Apotheke erhält er dann aber die Auskunft, dass dieser Wirkstoff nicht mehr lieferbar ist. Der Apotheker ruft dann den Arzt an und teilt ihm mit, welcher Wirkstoff vorhanden ist. Der Patient bekommt ein anderes Arzneimittel – der Wechsel kann, muss aber nicht funktionieren.


Solche Fälle ereignen sich nicht nur in medizinisch chronisch unterversorgten Gebieten in fernen Ländern, sondern auch in Deutschland. So macht Dr. Melanie Kretschmar, die Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands (ÄKV) Traunstein, kein Hehl daraus, dass sich im Landkreis Traunstein immer wieder Engpässe bei der Lieferung von Medikamenten ergeben – mit all ihren unangenehmen Folgen für die Patienten.

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»Einige Medikamente lassen sich nicht so ganz ungefährlich austauschen«, sagt die Kreisvorsitzende. In diesem Zusammenhang verweist sie insbesondere auf die Antiepileptika, »die im Moment wohl oft nicht verfügbar sind«. Wenn Arzneimittel nicht vorhanden sind, ergeben sich ihren Angaben zufolge immer wieder Rück- und Nachfragen wie auch Unsicherheiten. Und falls dann eine Umstellung erforderlich wird, könnten sich möglicherweise auch gefährliche Situationen für den Patienten ergeben: etwa Nebenwirkungen, die eventuell unterschätzt werden.

Der Ansatz in der Pharmaindustrie sei, so Kretschmar, »dass alles möglichst billig produziert werden muss« – womit man dann dazu übergehe, die Medikamente »überwiegend in Fernost« herzustellen. Laut der Vorsitzenden des Ärztlichen Kreisverbands ergeben sich dort »gelegentlich Lieferengpässe für die Rohstoffe und andere Unwägbarkeiten, die wir in Europa nicht immer einschätzen können«. Da in diesen Ländern die Produktion nicht nur für Deutschland, sondern für viele Länder der Welt mit einem hohen Bedarf erfolge, breche das System dann schnell zusammen.

Die Kreisvorsitzende forderte daher, dass die Medikamentenproduktion wieder in Europa für den hiesigen Markt stattfinden müsse. »Der Unfug mit undurchsichtigen Rabattverträgen und der Forderung, dass Medikamente bald nichts mehr kosten dürfen, muss beendet werden.«

»'Geiz ist geil' ist ein zu gefährliches Spiel«

Lorenz Fakler, der Sprecher der Apotheker im Landkreis Traunstein, stößt ins gleiche Horn. »Die Problematik der Lieferengpässe nimmt permanent zu. Wir hatten in letzter Zeit immer wieder Probleme, selbst ein gängiges schmerzstillendes und fiebersenkendes Mittel wie Ibuprofen zu bekommen. Und das in der Grippesaison.« Auch Blutdrucksenker, Schilddrüsenpräparat und Antidepressiva fehlen laut Fakler immer häufiger in den Regalen.

Die Suche nach verfügbaren Alternativen und das Umstellen der Patienten von einem alten auf ein neues Medikament seien für alle Beteiligten sehr aufwendig und teilweise nervenaufreibend. Außerdem ergebe sich in diesen Fällen für die Mediziner wie auch für die Apotheker ein »erheblicher, zeitlicher Mehraufwand, der besser in eine gute Betreuung fließen sollte«.

Fakler hält ganz und gar nichts von dieser »Lückenschließerei«, die von den Kassen mit keinem Cent bezahlt wird. Und der Apotheker betont: »'Geiz ist geil' ist im Gesundheitssystem ein zu gefährliches Spiel.«

Auch der Apotheker führt aus, dass die Wirkstoffproduktion für den Weltmarkt aus Kostengründen oft in wenigen Betrieben in Fernost stattfinde. Antibiotika zum Beispiel werden seinen Angaben zufolge in China und Indien produziert. Wenn die Herstellung zeitweilig stillsteht – was der Coronavirus in diesem Zusammenhang noch an Auswirkungen mit sich bringt, ist völlig offen – oder wenn eine Charge aus Qualitätsgründen nicht freigegeben wird, dann können seinen Angaben zufolge auch große Hersteller in Europa ihre Fertigarzneimittel nicht mehr liefern. »Und wenn China die in ihrem Land produzierten Wirkstoffe lieber für die eigene Bevölkerung zurückhält, anstatt sie zu exportieren, was dann?«

Aus diesem Grund haben die Apotheker laut Fakler einen Acht-Punkte-Katalog aufgestellt. Unter anderem fordern sie seinen Angaben zufolge, dass Lieferengpässe vom pharmazeutischen Unternehmen und vom Großhandel verpflichtend bekannt gegeben werden müssen.

Sämtliche Akteure müssten in ein zentrales Informationssystem eingebunden werden, die Mehrfachvergabe von Rabattverträgen mit mehreren Wirkstoffherstellern sei vorzuschreiben. »Die Produktion von Wirkstoffen und Arzneimitteln soll unter hohen Umwelt- und Sozialstandards wieder verstärkt in der EU stattfinden.« Und für Patienten dürften durch Lieferengpässe keine höheren Aufzahlungen wegen Festbeträgen und Zuzahlungen entstehen.

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