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Seit einer ganzen Woche ohne Strom

Dass es so weit kam, daran ist F. nicht ganz unschuldig, aber im Endeffekt war das – wie die Dame der Stromversorgung Seebruck auf Anfrage erklärte, unglücklich gelaufen. F., der bis zu seinem Umzug im September vier Jahre ihr Kunde war, meldete zwar seinen Umzug in einen anderen Ortsteil, füllte aber offensichtlich ein weiteres Formblatt nicht aus, das den Stromliefervertrag erst gültig gemacht hätte. So wurde er automatisch E.ON-Kunde, ohne es zu wissen, und überwies weiter Monat für Monat seinen Abschlag von 40 Euro an Seebruck. »Wir hatten leider keine aktuelle Adresse oder Telefonnummer von Herrn F.«, so die Seebrucker Stromversorgung, »aber wir haben das Geld zurückerstattet. Trotzdem lief der Dauerauftrag weiter.«

Im März erhielt F. ein Willkommens-Schreiben der E.ON. Sofort wies er per Mail auf das vermeintliche Missverständnis hin. »Nach vier Wochen kam die erste Mahnung, da hab ich wieder gemailt, dass das nicht sein kann, nach acht Wochen kam die zweite Mahnung, ich hab sofort wieder zurückgemailt und diesmal die Kontaktdaten der Stromversorgung Seebruck mitgeschickt, aber Reaktion gab es von E.ON keine« – auf mittlerweile drei E-Mails.

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Mails wurden offensichtlich gar nicht gelesen

Als der Strom weg war, rief F. sofort an. Auf die Frage nach seinen Mails habe die Dame nur gesagt »ach ja« – die Mails seien bis dahin nicht geöffnet worden, habe sie bestätigt. Sie werde sofort einen Techniker mit der Freischaltung beauftragen. Nach einer Einkaufsrunde mit der Frau hatte F. aber immer noch keinen Strom.

Sein zweiter Anruf – dank der heute üblichen Call-Center kam er bei einem anderen Mitarbeiter raus – erbrachte erst einmal Aufklärung über den Unterschied zwischen Stromlieferant und Netzbetreiber. »Und dann hat er mich gefragt, was ich denn bei der Stromversorgung Seebruck will, die E.ON sei für uns zuständig.«

Noch lagerten hochwertige Fleischgerichte in der Gefriertruhe, es war bereits 17.55 Uhr – da verwies ihn der Mitarbeiter an eine weitere Nummer, bei der nur der Anrufbeantworter dran ging. »Der sagte zwar was von 8 bis 20 Uhr, aber im Internet stand, dass diese Nummer nur von 8 bis 18 Uhr erreichbar ist. Also hab ich ihn nochmal angerufen, nur ging er nicht mehr dran.«

Am Donnerstag wandte er sich an die Stromversorgung Seebruck. Dort erklärte man ihm, selbst nur für die Zähler von Arlaching bis Gollenshausen zuständig zu sein. Den Strom könne man zwar grundsätzlich bis Berlin liefern, aber ihn im Ortsteil der neuen Wohnung von F. wieder anstellen, leider nicht, weil man keinen Zugriff habe. Auch habe sie keinen direkten Ansprechpartner bei der E.ON und müsse wie er über das Call-Center gehen. »Wenn sie das hätte, wäre das alles eine Sache von einer halben Stunde, hat die Dame gesagt. Am besten sollte ich das Geld sofort überweisen und den Beleg faxen, normal schalten s' das dann sofort frei.«

Überweisung mit drei Stempeln nachgewiesen

Also fuhr er nach Traunstein zu seiner Bank, ließ sich die Überweisung auch gleich bestätigen mit drei Stempeln für das Datum, die Filiale der Bank und den handschriftlichen Vermerk, dass das Geld auch wirklich rausgegangen und das Konto gedeckt sei. Er fotografierte die Belege mit dem iPad und mailte sie als Mail und als Fax an die E.ON. Auf erneute Nachfrage hieß es, das Mail sei an die Service-Abteilung geleitet worden, dorthin verbinden gehe aber nicht, weil man keine Nummer habe. »'Aber die schicken innerhalb von 48 Stunden einen Service-Techniker', hieß es. Dann war ich erstmal beruhigt.«

Doch weit gefehlt. Als am Samstag immer noch kein Strom da war – der Inhalt der Gefriertruhe war längst entsorgt, das Handy unterwegs aufgeladen, gekocht wird auf einem Camping-Gaskocher – rief er erneut an. »Um 13 Uhr hab ich endlich die erste kompetente Mitarbeiterin erwischt, und die saß in Berlin, dabei hatte ich in Landshut angerufen«, sagt F., der bis dahin jedes Mal einen anderen am Telefon hatte und immer die ganze Geschichte wiederholen musste. Immerhin konnte ihm die Dame erklären, dass derartige Belege nicht angenommen würden, sie könnten ja gefälscht sein. Und selbst, wenn das Geld schon auf dem E.ON-Konto sei, könne es noch etwa zwei Tage dauern, bis es in der EDV gebucht sei.

Um ganz sicher zu gehen, fuhr F. am Montag erneut nach Traunstein, hob den Betrag in bar ab, veranlasste für Kosten von 10 Euro eine Direkteinzahlung (zusätzlich zur Überweisung), fotografierte beide Belege einzeln und zusammen, schickte drei Mails und wartete den ganzen Dienstag erfolglos. Wieder hieß es, der Beleg könnte ja gefälscht sein, es fehle der Stempel, weshalb F. also am Mittwoch erneut bei seiner Bank die Belege abstempeln ließ, und das Traunsteiner Tagblatt besuchte.

Essen vom Campingkocher – Korrigieren bei Kerzenschein

Froh war er nur, dass er keine kleinen Kinder hat, die vielleicht auf abgekochtes Wasser und Flaschennahrung angewiesen wären. Aber seine Frau sei Lehrerin und müsse gerade jetzt am Schuljahresende viel korrigieren – zum Teil bei Kerzenschein. Nächster Schritt sei die Schlichtungsstelle. »Anders weiß ich mir keinen Rat mehr.« Er hoffe jetzt nur noch, dass er bis Freitag wieder Strom habe, denn »am Wochenende hat mein Schwiegervater seinen 60. Geburtstag, und da sollten wir groß aufkochen.«

Auf Nachfrage des Traunsteiner Tagblatts hieß es bei der E.ON: »Wir haben den Netzbetreiber mit der Entsperrung des Anschlusses beauftragt. Das heißt, ein Außendienstmitarbeiter wird heute noch zur Familie fahren und die Stromlieferung wiederherstellen«, versicherte Verena Huber von der E.ON gestern früh per Mail. Ein von der Bank bestätigter Beleg liege zwar vor, allerdings nur über knapp die Hälfte der Forderung. Der Kunde sei per Mail über den offenen Betrag informiert und um Zahlung gebeten worden.

E.ON: »Geld ist noch nicht da, entsperrt wird trotzdem«

Man weise mehrmals auf offene Beträge hin und gebe die Möglichkeit, etwa auch eine Ratenzahlungsvereinbarung zu treffen. »Wenn jedoch gesperrt ist, muss grundsätzlich die komplette Forderung beglichen werden, bevor wir die Anlage wieder in Betrieb nehmen.« Der Kunde habe am Montag einen Beleg geschickt, leider nicht von der Bank bestätigt, weshalb man auf den Eingang des Geldes warten müsste. »Der Betrag ist bei uns auch noch nicht angekommen, aber wir lassen den Anschluss heute trotzdem entsperren.«

Selbst wenn Rainer F. zunächst nur die Hälfte überwiesen hätte – auf erneute Nachfrage sagte er, er habe den gesamten Betrag überwiesen und auch noch einmal direkt eingezahlt – müsste ja mit der zweimaligen Zahlung inzwischen die ganze Schuld getilgt sein. Was bleibt, ist der fade Beigeschmack, dass man im Zweifelsfall nach der Endlos-Schleife in verschiedenen Call-Centern erst die Zeitung einschalten muss, um zum Ziel zu kommen. coho