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Seit dem 17. Jahrhundert Sitz mehrerer Handwerkszünfte

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Diese drei Autoren verfassten gemeinsam den neunten Band der Grassauer Ortschronik mit dem Titel »Handwerk und Gewerbe« in Grassau und Rottau (von links): Fritz Seibold, Stefan Kattari und Dr. Hans Grabmüller. (Foto: T. Eder)

Grassau – Im Rahmen der Ausstellung im Hefterstadel wurde auch der mittlerweile neunte Chronikband der Gemeinde mit dem Titel »Handwerk und Gewerbe in Grassau und Rottau« vorgestellt. Dr. Christoph Bachmann, Leiter des Staatsarchivs, widmete sich in seiner Rede der Bedeutung der Mikrohistorie und Dr. Hans Grabmüller erläuterte die Inhalte des neuen Buches.


Aufarbeitung des Themas ist mit Bravour gelungen

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»Unser großes Ziel war, diesen Themenband im Jubiläumsjahr 2015 präsentieren zu können«, betonte Bürgermeister Rudi Jantke. Heuer jährt sich die Erhebung Grassaus zur Marktgemeinde zum 50. Mal. Dieses Jubiläum sei willkommener Anlass für das Erscheinen des Themenbands, auch wenn die Geschichte des Handels, Gewerbes und Handwerks viel weiter zurückreichen. Den Autoren Dr. Hans Grabmüller, Stefan Kattari sen. und Kulturbeauftragter Fritz Seibold sei, so Jantke, die historische Aufarbeitung des Themas mit Bravour gelungen. Jantke lobte zudem den großartigen, ehrenamtlichen Einsatz im Chronik Kreis, darunter besonders Hans Grabmüller, Erich Kamm, Fritz Seibold und Robert Höpfner.

Der Leiter des Staatsarchivs, Dr. Christoph Bachmann, ging auf die unterschiedlichen Quellen, die archivarischen Traditionsquellen, Quellen über die die Staatsarchive verfügen, und auf die Quellen, die in Markt- und Stadtarchiven aufbewahrt werden, ein. Geschichte werde aber erst interessant, wenn Zusammenhänge erklärt werden. In diesem Band seien viele Forderungen erfüllt. Jedes Individuum durchlebt den Alltag anders und die Aufgabe des Chronisten sei es, unterschiedliche Strömungen zu bündeln. Abschließend bot sich Dr. Bachmann als Autor für die Geschichte der Landwirtschaft an.

Dieses Angebot griff Dr. Hans Grabmüller sofort auf und meinte, dass er seit Jahren verzweifelt jemanden suche, der diese Aufgabe übernehme. Das Erscheinungsdatum des Buches falle nicht von ungefähr auf die 50. Wiederkehr der Grassauer Markterhebung. Der Geburtstag biete Anlass, auf ein halbes Jahrhundert Orts- und Wirtschaftsentwicklung zurückzublicken und sich zu fragen, wo Grassau 1965 stand. Grabmüller wusste, dass sich das Ortsbild in den vergangenen 50 Jahren stark verändert habe, neue Ortsteile entstanden sind und historische Bauten eine neue Nutzung erhalten haben. Auch die Struktur von Handel, Gewerbe und Industrie sei nicht mehr mit der vor 50 Jahren zu vergleichen.

Zunftkultur im Grassauer Raum mehrfach belegt

Der Blick des neuesten Chronikbandes reicht noch weiter in die Vergangenheit zurück. Grassau war seit dem 17. Jahrhundert zentraler Sitz mehrerer großer Handwerkszünfte. Das historische Handwerk, das sich traditionell meist nur in Städten oder größeren Märkten in Zünften organisiert hatte, so Grabmüller, hatte auch ganz untypisch hier seine Spuren hinterlassen. Die Gründe für die Handwerksorganisationen in Grassau wurden im ersten Teil des Buches von ihm untersucht. Zunftstangen, mehrere kunstvoll geschreinerte Zunfttruhen und reiches Schriftmaterial aus mehreren Jahrhunderten zeugen von der Zunftkultur im Grassauer Raum.

Auch auf die Gründe dafür ging der Wissenschaftler ein. Um 1650 entstand die Zunft der Schuhmacher, ab 1638 die der Schneider und zwischen 1690 und 1692 die der Zimmerer. Grabmüller beschäftigte sich mit der Zeit über das Ende der Zünfte im 19. Jahrhundert hinaus bis zu den Handwerksvereinen und Innungen. Der Zunftgedanke wurde beim »Deutschen Handwerkertag« 1933 belebt.

Im zweiten Teil des Bandes gebe Stefan Kattari sen., der bereits die Grassauer und Rottauer Schulgeschichte verfasst hat, einen Überblick über die Geschichte von Handwerksbetrieben, die in Grassau und Rottau in den vergangenen 150 Jahren existiert haben. Die erste systematische Auflistung von Gewerbebetrieben stammt aus dem Jahr 1823 und enthält 57 Betriebe. Um 1880 gab es bereits fast 100 Gewerbebetriebe. Grabmüller berichtete von der Grassauer Molkerei, die 1920 ins Gerede kam, da auffallend viele Säuglinge an Durchfall erkrankten und schließlich der Inhaber wegen Milchpanscherei angezeigt wurde. Gleichwohl ging Grabmüller stellvertretend für Kattari auf die Geschichte der Körting Radio- Werke ein.

Eigener Steinmetzbetrieb diente als Beispiel

Im letzten Teil des über 500 Seiten umfassenden Buchs beschreibt Fritz Seibold anhand seines Steinmetzbetriebes, der seit mehr als hundert Jahren besteht, beispielhaft, wie Betriebsgründungen auf dem Land um 1900 vor sich gingen. Er geht auch auf die Probleme ein, mit denen die Firma in Kriegs- und Friedenszeiten zu kämpfen hatte. Im Mittelpunkt dieses Teils stehen die Biographien, die Menschen, Familien und Mitarbeiter.

Den neuen Band der Ortschronik von Grassau, »Handwerk und Gewerbe«, gibt es Grassauer Geschäften, der Tourist-Information und im Rathaus. Abschließend hatte der Hauptgeschäftsstellenführer der Volks- und Raiffeisenbank Grassau, Franz Schlechter, noch eine kleine Überraschung parat. Von der Bürgerstiftung Rosenheimer Land, Volksbank-Raiffeisenbank Rosenheim-Chiemsee überreichte er eine Spende in Höhe von 1000 Euro für das Chronikprojekt. tb