weather-image

Seit 70 Jahren im Dienste des Verlags

4.9
4.9
Bildtext einblenden
Herr über Bleilettern, Bleisetzmaschinen und die Rotation von 1920: Hans Reindl – hier am Setzkasten – ist seit 70 Jahren im Zeitungsverlag Miller tätig. Seit 1996 kümmert er sich um das verlagseigene Druckereimuseum. Hier vermittelt er Besuchern den Wandel im Druckereiwesen sowie die Entwicklung von Gutenberg bis heute. (Foto: Wannisch)

Traunstein – Noch immer flitzen die Finger von Hans Reindl flink über die Holzkästen mit den kleinen und großen Fächern, in denen die Bleilettern liegen. Nach und nach werden aus den einzeln aneinandergereihten Buchstaben im Winkelhaken des 84-Jährigen Sätze. Vor 70 Jahren hat der Traunsteiner seine Ausbildung als Schriftsetzer beim A. Miller Zeitungsverlag begonnen. Und ist dem Verlag seither als Mitarbeiter – auch als Rentner – treu geblieben. Seit 1996 fungiert er als »Museumsdirektor« des verlagseigenen Druckereimuseums, wie er seine Position scherzhaft bezeichnet.


»Das waren damals andere Zeiten« ist ein Satz, den sich jüngere Generationen oft anhören dürfen. Doch bei Hans Reindl bekommt dieser Satz eine sehr reale Dimension. Schriftsetzer, die Ausbildung für diesen inzwischen im Zeitungswesen fast ausgestorbenen Beruf, hat Reindl am 1. September 1947 begonnen; beim Traunsteiner Wochenblatt, wie das Traunsteiner Tagblatt damals noch hieß.

Anzeige

Mithilfe seiner Eltern und seines Onkels hatte er die Lehrstelle gefunden – »nach dem Krieg war man froh, überhaupt eine Lehrstelle zu haben«. Ihm habe der Beruf immer Spaß gemacht, sagt Reindl, auch weil der den Wandel im Zeitungswesen in sieben Jahrzehnten hautnah miterleben durfte.

Hans Reindl ist eine der wenigen Konstanten in den zurückliegenden, schnelllebigen 70 Jahren im Verlag geblieben. Dabei hat der 84-Jährige viel erlebt. Eine klassische Lehre, wie man sie heute definiert, habe er so nie durchlaufen, »es war einfach die Zeit nach dem Krieg«. Es sei mehr Lernen durch Abschauen gewesen. Auch eine Berufsschule für den exotischen Beruf des Schriftsetzers habe es damals noch nicht gegeben; deshalb saß er im ersten Lehrjahr in Traunstein bei den Malern und Uhrmachern. »Erst 1948 gab es dann in Rosenheim eine Klasse für Schriftsetzer und zwang mich jede Woche zu einer kleinen 'Weltreise' mit dem Zug«, erinnert sich Reindl.

Geregelte Wochenarbeitszeiten, klar definierte Arbeitsbereiche – bei solchen Begriffen aus der heutigen Arbeitswelt kann Hans Reindl nur schmunzeln. »Wir haben gemacht, was zu machen war, auch samstags, da wurde zum Beispiel die Rotation gereinigt.« Da sei nicht gefragt worden, »das war selbstverständlich«.

Auch an manchen kuriosen Arbeitseinsatz erinnert sich der 84-Jährige. Der damalige Seniorchef Anton Miller – »der trug ganzjährig kurze Lederhosen« – habe Tabak angebaut. »Im Herbst ging ich zusammen mit dem Seniorchef zur Tabakernte und anschließend auf den Speicher eines Hauses an der Theresienstraße, um dort die Tabakblätter auf Schnüre aufzufädeln und zum Trocknen aufzuhängen«, beschreibt Reindl seinen etwas anderen Arbeitseinsatz.

Ende August 1950 war die Lehrzeit vorbei – die theoretischen und praktischen Prüfungen hatte er in Rosenheim sowie in der Druckerei Adlmaier an der Ludwigstraße absolviert – und Reindl bekam seinen Gehilfenbrief überreicht. »Bevor ich aber endgültig als vollwertiger Kollege in die 'schwarze Zunft' aufgenommen wurde, musste ich noch die Wassertaufe, das Gautschen, über mich ergehen lassen«, erinnert sich der Senior. Aber auch das habe er gut überstanden.

Danach prägten größere und kleinere Umbrüche das Arbeitsleben von Hans Reindl. Zunächst kam die Automatisierung des Setzens in den 1960er Jahren, die den Handsatz ablöste. Die größte Umstellung im Verlag war 1978, als der Bleisatz verschwand und der Computersatz eingeführt wurde. »Plötzlich gab es meinen Arbeitsplatz nicht mehr und wir sollten das Zehn-Finger-Schreiben lernen, um am PC zu arbeiten«, erinnert sich Reindl. Schließlich wurde er bis zu seiner Rente am 1. Januar 1996 zum »Mädchen für alles«, wie er seine Position selber beschreibt.

Doch mit Erreichen des Rentenalters war für Hans Reindl die »Ära Miller« nicht beendet, denn der Verlag hatte eine neue Stelle zu besetzen. Als ihn der damalige Verleger Anton Miller fragte, ob er weiterhin einige Stunden pro Woche als Betreuer des 1996 geschaffenen Druckereimuseums tätig sein wolle, sagte er sofort zu. Und so verwaltet er seit 1996 den Wandel im Zeitungswesen als »Museumsdirektor« des verlagseigenen Druckereimuseums, das sich im Keller des Redaktionsgebäudes an der Marienstraße befindet. Neben Setzkästen mit Bleilettern – »die aus Kunststoff haben sich nie durchgesetzt«, wie Reindl aus eigener Erfahrung weiß – stehen dort eine Nachbildung einer historischen Gutenberg-Buchdruckpresse, eine Senefelder-Presse, diverse Setzmaschinen, eine Rotationsmaschine (Baujahr 1920) sowie viele andere, heute durchaus kuriose Gegenstände aus der Geschichte des Druckereiwesens. Einmal pro Woche, jeden Mittwochnachmittag, sowie für Gruppen auch außertourlich führt Reindl Besucher durch das Museum.

Sein 70-Jahr-Jubiläum beging Hans Reindl gestern zusammen mit seiner Frau und der Verlegerfamilie bei einer Feierstunde in kleinem Kreis. vew