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Seit 60 Jahren dem Bühnenzauber verfallen

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Begeisterten 1983 mit dem Verlegenheitskind das Publikum (hinten von links): Volker Schweidler, Anni Kriechbaumer, Evi Schweidler, Hans Aschenbrenner, Maria Fellner, Antonie Feichtenschlager, Siegi Geierstanger und (vorne) Max Lindhuber, Gabi Geierstanger sowie Ehrenvorstand Jakob Schmaus.

Ruhpolding – Heuer ist es 60 Jahre her, dass die Ruhpoldinger Heimatbühne gegründet wurde. Obwohl sich im Miesenbacher Tal schon seit über 170 Jahren verschiedenste Theateraufführungen nachweisen lassen, gilt der 10. März 1956 als historisches Fundament für die Wiedergründung.


Das erste Geschenk für die Treue des Publikums brachte die Truppe um den neuen Vorstand Simon Geierstanger im Frühjahr mit der frivolen Dorfkomödie »Die ganz heiße Nummer«. Das zweite, »Eine Weihnachtsgeschichte« nach Charles Dickens, wird im Advent an sechs Terminen (2., 3., 9., 10., 16. und 17. Dezember jeweils um 20 Uhr im Pfarrzentrum) als vorgezogenes Weihnachtsguatl serviert und musikalisch von der Gruppe Söör begleitet. Beide Werke bekamen dafür von Regisseur Hermann Hipf einen bayerischen Anstrich mit Lokalkolorit.

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Erste Hirtenspiele bereits 1841 dokumentiert

Wie die Chronik berichtet, findet sich im ersten Ruhpoldinger Heimatbuch, das der damalige Kaplan Peter Bergmaier verfasste, im Kapitel »Hirtenspiele und andere Spiele« ein Hinweis von 1841, dass der alte Hörterer, Johann Auer, als Spielleiter und Hauptdarsteller in der Rolle des Propheten ein Hirtenstück aufführte.

In die Fußstapfen des alten Hörterer trat als Spielleiter der Gruberschneidermeister Johann Burghartswieser, der mit seinen Künstlern überall Beifall erntete. Bis zur Jahrhundertwende wurden viele Stücke, getragen vom tief verwurzelten Glauben, aufgeführt. Weiter heißt es: Mit den heraufziehenden politischen und sozialen Umbrüchen wurde es auch in Ruhpolding ruhig um die Schauspielerei. Nur ein altes Plakat, das bei Umbauarbeiten im Diechtler-Haus im Ortsteil Grashof (ehemals Stockklauser) gefunden wurde, gibt Hinweis auf einen bis zum Ersten Weltkrieg bestehenden Theaterclub der Feuerschützengesellschaft Ruhpolding.

Zwischen den Weltkriegen nahmen sich von 1927 bis 1933 Mitglieder des Gesellenvereins sowie des Trachtenvereins »D' Miesenbacher« der Schauspielkunst an. Spielleiter war Josef Weber, Pfarrer Josef Eder war Vorstand. Wiederum setzte der Krieg dem Laienschauspiel ein Ende, aber schon 1946 wurde unter dem Namen »Ruhpoldinger Heimatbühne« der Spielbetrieb unter Will Jäckel wieder aufgenommen. Sogar das alte Hirtenspiel kam unter Lois Freibuchner wieder auf die Bühne.

Jedoch stoppten Differenzen mit der Kurhausleitung 1953 den Spielbetrieb, ehe es drei Jahre später unter dem Protektorat von Monsignore Roman Friesinger und dem Ehrenvorsitz von Pfarrer Josef Eder zur Wiedergründung kam. Das erste Stück »Die Junggesellensteuer« mit Norbert Wagner als Spielleiter wurde 1957 ein überwältigender Erfolg. Mit dem Bau des katholischen Pfarrzentrums erhielt die Theaterbühne eine ständige Bleibe.

Mathias Huber (1964 bis 1971) und Josef Hechenbichler (Simandl-Sepp, von 1971 bis 1977) führten in der Folge Regie, danach hatte Jakob Schmaus 20 Jahre lang den Vorsitz inne. Eine Blütezeit erlebte die Theatergemeinschaft auch mit Konrad Fegg, der die Geschicke des Ensembles von 1997 bis 2015 leitete.

Mit weit mehr als hundert ländlichen Komödien, Lustspielen und Bauernschwänken spielten sich die Darsteller in die Herzen der Zuschauer, wobei die Auswahl der Stücke in erster Linie auf Urlauberunterhaltung abzielte. Damals gab es sogar pro Woche unterschiedliche Vorstellungen.

Doch die Zeit der urigen Schenkelklopfer ist vorbei, ist Vorstand Simon Geierstanger überzeugt. Er selbst stammt aus einer theaterverrückten Familie und steht seit 18 Jahren auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Erst im vergangenen Jahr hat er die Verantwortung für die Heimatbühne übernommen. »Proben, Vorbereitungen, Aufführungen in der geballten Intensität – dafür kannst du die Leute nicht mehr motivieren«, schätzt er die Situation ein. Rückläufige Zuschauerzahlen sind für ihn ein weiteres Indiz für überfällige Veränderungen. Darauf hat man seit Jahren reagiert, mit Erfolg.

Dass das Publikum anspruchsvoller geworden ist, zeigten die erfolgreichen Aufführungen »Birnbaum und Hollerstauden«, »Der heilige Rat« oder die »Gschicht' vom Geigenmacher«. Raffinierte Handlungen, Inhalte mit Tiefgang – das zieht die Leute aktuell an. Und so ist man ganz weggekommen von der touristischen Schiene; auch wenn das im Ort anfangs mit einigem Unverständnis aufgenommen wurde.

Auch Drehbuchautoren und Regisseure aus eigenen Reihen

Inzwischen besetzen die Theaterer nicht nur wichtige Rollen, auch die Drehbuchautoren und Regisseure Marianne Fritsch, Hermann Hipf und Christian Burghartswieser kommen aus ihren Reihen. Gefragt ist die Kreativität auch bei anderen Gelegenheiten, etwa Starkbierfesten oder der Reihe »Mythen und Sagen« im Märchenwald. Zwischendurch geht man auch schon mal auf Tournee wie mit dem »Bayerischen Faust« oder der Boulevard-Komödie »Taxi, Taxi«, die als Beitrag zum 30-jährigen Bestehen der Partnerschaft mit Ihringen galt. Den Erlös spendete man für das dortige Vereinsheim.

Derzeit tüftelt die 30-köpfige Truppe bereits am nächsten großen Coup, dem Jubiläum 60 Jahre Spielbetrieb bei der Heimatbühne im kommenden Jahr. ls