weather-image

Schusterwerkstatt aus dem Dornröschenschlaf erweckt

Traunstein. Eine komplette Schusterwerkstatt aus Grabenstätt, die 30 Jahre lang vollkommen unverändert geblieben ist, schenkten die Erben des Schuhmacher jetzt dem Traunsteiner Heimathaus. Der Großonkel von Josef Austermayer, Bartholomäus Gassner, genannt Bascht, hatte bis 1983 darin Schuhe repariert. Als die Kräfte und vor allem die Augen des 1906 geborenen Schustersohns nachließen, musste er seinen Schemel notgedrungen in die Ecke stellen. Bis dahin hatte er jahrzehntelang Tag für Tag unter dem Licht einer 25-Watt-Sparbirne Schuhe repariert.

Josef Austermayer (links) und seine Frau Marlene bei der Übergabe der Werkstatt an den Leiter des Traunsteiner Heimathauses, Dr. Jürgen Eminger (Mitte). (Foto: Mittermaier)

Gelernt hatte er die Herstellung von Schäften – damals ein eigenständiger Beruf – anschließend fertigte er bei einem ebenfalls in Grabenstätt ansässigen Schuhmacher Ski- und Barrasstiefel. 1949 übernahm er die väterliche Werkstatt, nachdem sein Bruder Andreas den Beruf nach dem Krieg nicht mehr ausüben wollte. Zwei weitere Brüder, Franz und Sepp, waren im Krieg ums Leben gekommen. Von den ursprünglich 15 Geschwistern sollten nur sieben ein höheres Alter erreichen.

Anzeige

Bartholomäus lebte mit seiner ebenfalls nicht verheirateten Schwester Anna, die sieben Jahre jünger war als er, bis zuletzt spartanisch in einem Haus aus den 1860er Jahren ohne Zentralheizung und fließend warmes Wasser. Einzige technische Errungenschaft war ein Radiogerät. Das mussten Josef Austermayer und seine Frau den beiden alten Herrschaften aber beinahe gewaltsam aufdrängen.

In seiner Arbeit war der Schuhmacher bis zuletzt akkurat: Über jeden Kunden machte er sich Notizen und auch seine Buchführung war tiptop, wie die Aufzeichnungen beweisen. Sogar Stenografie hatte sich der Bascht selbst beigebracht – sehr zum Erstaunen seiner Verwandtschaft: »Er hatte ja ziemlich große Handwerkerhände mit kräftigen Fingern. Dass er damit so feine Schreibsachen fertigen konnte, war für mich als Kind faszinierend«, erzählt Josef Austermayer, der den Onkel als verschmitzte Persönlichkeit kennengelernt hat, die sich erst im Alter etwas in sich zurückgezogen habe. Früher sei der Bascht dagegen ein begeisterter Theaterspieler gewesen. Davon abgesehen gönnte sich der Schuster nur am Sonntag nach dem Gottesdienst ein bisschen Freizeit, die er, in Begleitung seiner Schwester, mit Radtouren verbrachte.

Bartholomäus Gassner starb 1987 im Alter von 81 Jahren. Seine Schwester hat die Werkstatt nach Baschts Tod bis zu ihrem eigenen Ableben 2012 genau so belassen, wie sie der Schuhmacher an seinem letzten Arbeitstag vor nun 30 Jahren hinterlassen hat. Dass er irgendwann im Lauf des Jahres 1983 zum letzten Mal Schuhe repariert haben muss, ist am Jahreskalender des Traunsteiner Wochenblatts zu erkennen, der aus diesem Jahr stammt – und nun als »Beweisstück« im Heimathaus auf der Werkbank liegt. Dass es den Erben ein Bedürfnis war, die Einrichtung der Nachwelt zu erhalten, liegt wahrscheinlich auch am beruflichen Hintergrund Josef Austermayers, der Vorstand der Schloss- und Gartenverwaltung Herrenchiemsee ist. Damit liegt ihm das Bewahren historischen Erbes ja quasi im Blut. sm