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Schulterschluss für Flüchtlinge

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Viele Fragen und Anliegen wurden diskutiert und ausgetauscht beim Netzwerk der ehrenamtlichen Helfer im Landkreis Traunstein, die sich um Asylbewerber und Flüchtlinge in der Region bemühen. Unser Bild zeigt Landrat Siegfried Walch im Gespräch mit einer Helferin. (Foto: Wittenzellner)

Traunstein – Viele ehrenamtliche Helfer im Landkreis stellen sich gemeinsam mit Sozialverbänden, Kirchen und Behörden der Herausforderung der unkalkulierbaren Zahl neu ankommender Flüchtlinge und Asylbewerber im Landkreis Traunstein. Koordiniert von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Traunstein traf sich das »Netzwerk der ehrenamtlichen Helfer im Landkreis Traunstein« zu einem Gedanken- und Erfahrungsaustausch im Rathaus, zu dem rund 50 Teilnehmer gekommen waren.


Neben Oberbürgermeister Christian Kegel war auch Landrat Siegfried Walch dabei, um über aktuelle Fragen und Nöte rund um die Asylbewerber zu diskutieren. Manche Teilnehmer wollten sich im Netzwerk einfach Hilfe von Teilnehmern holen, die ihr Problem vielleicht schon einmal gelöst haben.

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Wichtige Vernetzung der Ehrenamtlichen

Dritte Bürgermeisterin Waltraud Wiesholler-Niederlöhner würdigte die AWO, die sich stark um die Administration des Netzwerks kümmerte. »Die Vernetzung der Ehrenamtlichen ist wichtig. Daneben ist es gut, Verständnis zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen zu fördern« betonte Moderator Peter Forster, Stadtratsreferent für Soziales, Migration und Asyl. Man strebe eine »Gedanken- und Wissensaustauschbörse« an.

Oberbürgermeister Christian Kegel stellte stellvertretend für viele andere Städte und Gemeinden im Landkreis eine »Welle der Hilfsbereitschaft« fest. »Großartig, was hier für Menschen passiert, die in Not sind«, sagte er und verwies exemplarisch auf das Café International.

»Wir wissen um unsere humanitäre Verpflichtung«, sagte Landrat Siegfried Walch. »Es ist wichtig und richtig Solidarität zu zeigen, damit die Flüchtlinge ordentlich und menschenwürdig unterkommen.« Gleichwohl beinhalte die Flüchtlings- und Asylarbeit auch vielfältige organisatorische Aufgaben. Gleichzeitig müsse man Verständnis für die Ängste der Bevölkerung aufbringen, obwohl die Situation Anfang der 1990-er Jahre schwieriger war und man auch diese gemeistert habe.

Im Landkreis lebten zum Stichtag 1. Februar 730 Asylbewerber. Für das laufende Jahr gehe man im Mittel verschiedener Prognoserechnungen von einer Verdoppelung der Zahl auf circa 1400 Menschen aus, was etwa einem Prozent der Landkreisbevölkerung entspricht. Es gäbe starke Konzentrationen in der Unterbringung in Engelsberg, Grassau, Inzell und Ruhpolding. Ziel sei die Verteilung auf den gesamten Landkreis, wenngleich er einschränkte: »Unsere Steuerungsmöglichkeiten sind hier begrenzt.«

Er forderte eine gesellschaftliche Debatte zu dem Thema, und machte deutlich, dass man von kommunaler Seite aus ohne ehrenamtliche Helfer die Probleme nicht in den Griff bekommen könne. Der Landrat forderte einen »realistischen Blick« auf das Thema und schränkte ein: »Wir sind nicht für jeden zuständig, der aus wirtschaftlichen Gründen zu uns kommt.« Es dürfe keine »blinde Sozialschwärmerei geben. Aber wir können auch die nicht im Regen stehen lassen, die unsere Hilfe brauchen«.

In der Diskussionsrunde zeigte sich schnell, dass viele Netzwerk-Teilnehmer ähnliche Probleme hatten. So ging es um Themen wie Wohnungs- und Arbeitssuche für anerkannte Asylbewerber ebenso wie um den Wunsch, mehr junge Flüchtlinge in den Berufsschulklassen an der BS I in Traunstein unterzubringen.

Fahrdienst zu den Ärzten gefordert

Dr. Melanie Kretschmar-Klein schilderte das Problem, dass Hausärzte zum Teil sehr weite Wege zu Hausbesuchen fahren müssten, da die Asylbewerber oft keine Möglichkeiten hätten, in die Arztpraxen zu kommen. »Das ist zeitlich für uns nicht zu schaffen, es muss ein Fahrdienst eingeführt werden.« Es sei auch Einheimischen zum Teil schwer vermittelbar, dass man Hausbesuche in der gleichen Form für sie nicht leisten könne.

Diskussionen gab es auch um die Frage, wieweit Asylbewerber selbst kochen könnten oder sich – oft in angemieteten Gaststätten – mit regionaler Küche bekochen lassen müssten, was ihnen zum Teil nicht bekömmlich sei. Kritisch äußerten einige Teilnehmer, dass Asylbewerber bei vereinzelten Kreditinstituten Probleme bei der Kontoeröffnung bekommen hätten, was deren Integration zusätzlich erschwere.

Hingewiesen wurde auch auf ein Programm der Erzdiözese München, das den Flüchtlingen und Asylsuchenden über die Pfarreien helfen solle. Viele weitere Fragen und Probleme wurden angesprochen. Manchmal war erkennbar, dass einfach auch das Schildern der Einzelnöte schon ein Schritt zur emotionalen Verarbeitung der Situationen war, denen Ehrenamtliche oft ausgesetzt sind.

Am Ende stand die Erkenntnis, dass es für Ehrenamtliche wie Behördenmitarbeiter sinnvoll war, sich auszutauschen und miteinander zu diskutieren. »Manche Probleme lassen sich hier bilateral am besten lösen – einfach im Gespräch untereinander«, betonte Moderator Peter Forster. Landrat Siegfried Walch sagte im Schlusswort, dass er aus den Gesprächen viel mitgenommen habe: »Für mich war der Erkenntnisgewinn größer als für euch«, betonte er, nicht ohne die Anwesenden zur weiteren Zusammenarbeit zu ermutigen: »Lassen sie sich nicht entmutigen, wenn wir und die Anträge kompliziert sind. Wir brauchen ihr Engagement.« awi