weather-image
29°

Schützenscheiben nicht mehr an den Wänden der Stände?

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Ein Stück gelebte Tradition: die Schützenscheiben an den Seitenwänden der Schießstände. Künftig müssen sie in mindestens zwei Meter Höhe aufgehängt werden, weil sonst die Gefahr bestehen könnte, dass versehentlich abgegebene Schüsse von den Scheiben abprallen könnten.

Traunstein. Eine neue Richtlinie des Bundesinnenministeriums verlangt, dass Schützenscheiben, welche die Seitenwände von Schießständen zieren, in mindestens zwei Meter Höhe aufgehängt sein müssen. Weil die Räume, in denen Schießstände installiert sind, meist nicht besonders hoch sind, bedeutet das faktisch das Aus für den traditionellen Wandschmuck. Das treibt die Schützen landauf landab auf die Barrikaden.


In den mehr als 170 Seiten umfassenden Schießstandrichtlinien heißt es unter dem Punkt 3.1.2.2: »Seitenwände sind so zu gestalten, dass bei zufälligen Treffern (z. B. durch unbeabsichtigte Schussauslösungen) keine gefährlichen Geschossrückpraller erzeugt werden... Schützenscheiben aus Holz dürfen an den Seitenwänden nur dann aufgehängt werden, wenn sich deren Unterkanten in einer Höhe mehr als 2,00 m über dem Niveau des Fußbodens in den Schützenständen befinden oder die sicherheitsrelevanten Flächen rückprallsicher bekleidet sind.«

Anzeige

Wie hoch ist die Gefahr von Rückprallern?

Die Schützenscheiben an der Wand sind bis zu fünf Zentimeter dick. Und wenn ein Schütze versehentlich die Kante einer solchen Scheibe treffen würde, dann könnte der Schuss abprallen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Scheibe aus sehr hartem Holz ist. Leben die Schützen also wegen der Scheiben an den Wänden ihrer Stände gefährlich?

Wir fragten Alexander Heidel, den Geschäftsführer des Bayerischen Sportschützenbundes (BSSB). Ihm sei noch kein einziger Fall bekannt geworden, bei dem es solche Rückpraller gegeben hätte. Er wüsste davon, betonte er in einem Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt, denn alle Schützen sind über den BSSB versichert. Und wäre jemals etwas passiert, dann wäre das zwangsläufig auf dem Schreibtisch des Geschäftsführers gelandet.

Es gibt in Bayern rund eine halbe Million Sportschützen; im Verband sind 127 000 Erwachsene und 133 000 Nachwuchsschützen organisiert. Wenn jeder von ihnen pro Jahr nur 200 Schüsse abgeben würde, wären das pro Jahr 52 000 000 = 52 Millionen Schüsse. Im überschaubaren Zeitraum der letzten 20 Jahre, in denen nichts passiert ist, wurden also weit mehr als eine Milliarde Schüsse abgegeben, ohne dass es jemals einen Rückpraller gegeben hätte, der Schaden angerichtet hat. Wie leicht ist es dazu im Vergleich, einen Sechser im Lotto zu haben!

Möglicherweise handelt es sich im Fall der Schützenscheiben um die typisch deutsche Regelungswut. Eine siebenköpfige »Expertenkommission«, zusammengestellt von der Deutschen Versuchs- und Prüfanstalt für Jagd- und Sportwaffen (DEVA) hat sich den »Schwachsinn« ausgedacht, wie einige heimische Schützen das Reglementierungswerk bezeichnen. Auftraggeber war das Bundesinnenministerium.

Zum Fürsprecher der Schützen hat sich der Münchner CSU-Bundestagsabgeordnete Hans Peter Uhl gemacht. Bestimmte Schießstandsachverständige hätten dem Ministerium seltsamerweise geraten, diesen Sachverhalt zu regeln, obwohl kein einziger Unfall bekannt ist. Nach Gesprächen mit dem Innenministerium ist sich Uhl jedoch sicher, dass diese fehlgeleitete Bürokratisierung bald korrigiert wird. Das erklärte er zumindest gestern in einem Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Im Zuge der laufenden Evaluierung werde die unnötige Bestimmung ersatzlos gestrichen – ganz im Sinne der Forderung des Landesschützenmeisters Wolfgang Kink.

Dass die Richtlinien eingehalten werden, muss das jeweilige Landratsamt überprüfen. Alle paar Jahre werden die Schießstände begutachtet und es wird eine »Gefährdungsanalyse« angefertigt. Das Landratsamt Traunstein beauftragt dafür zwei staatlich vereidigte Sachverständige aus Tittmoning und Bernau. Wie das Landratsamt auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte, habe es in den letzten Jahren nur zwei kleine Beanstandungen von Schießständen gegeben, die allerdings nicht die Scheiben an den Seitenwänden betroffen haben.

Schützenscheiben sind oft der ganze Stolz der Vereine

Schützenscheiben sind Zeitzeugnisse und oft historische Dokumente über Ereignisse, die teils mehr als Hundert Jahre zurückliegen. Vor allem die alten Scheiben sind der ganze Stolz der Traditionsvereine. Die Wertvollsten hängen meist im Schützenstüberl, in dem sich das Vereinsleben außerhalb der Schießstände abspielt. Der Platz ist jedoch meist begrenzt und so hängen fast überall auch links und rechts der Schießstände Scheiben. Früher wurden sie fast ausschließlich aus Weichholz gefertigt. Schießt man versehentlich auf eine solche Scheibe aus Fichtenholz, so bleibt das Projektil des Luftgewehrs einfach im Holz stecken. Bei Hartholz oder Scheiben aus Spanplatten könnte das aber anders sein, befürchten die Experten und haben deshalb die neuen Richtlinien erlassen.

Manche Schützenvereine haben schon klein beigegeben und ihre Schützenscheiben von den Seitenwänden der Stände abgehängt. So geschehen ist das auf den Ständen der SG »Eichengrün« Hufschlag im Surtal. Bei einer Begehung in diesem Frühjahr sei die Lage der Scheiben beanstandet worden, erzählte Schützenmeister Siegi Selbertinger gestern in einem Gespräch mit unserer Redaktion. »man findet halt immer wieder etwas gegen die Schützen«, beklagt er.

Widerstand gegen diesen »Blödsinn«, wie es der Schützenmeister der Sportschützengesellschaft Traunreut, Winfried Jung bezeichnet, regt sich bereits. Im Schützengau Wasserburg wurde eine Unterschriftenaktion gestartet.

Und so ist zu befürchten, dass über kurz oder lang ein gutes Stück gelebter Tradition aus den Schießständen der bayerischen Sportschützen verschwinden wird. -K.O.-