weather-image
12°

Schon 90 stachelige »All inclusive«-Gäste

4.7
4.7
Bildtext einblenden
Die  junge  Igeldame  Berta  fühlt sich sichtlich wohl auf dem Arm der Grabenstätter »Igel-Mama« Elisabeth Hüller. Sie hat noch gar keine Lust auf Winterschlaf. Einige der 90 Igel konnte Hüller mittlerweile bereits gut genährt und von Parasiten befreit ins Kalte stellen, viele andere müssen erst noch mühsam für den Winterschlaf aufgepäppelt werden. (Foto: Müller)

Grabenstätt – »Seit zwei Tagen ist es der Wahnsinn, eigentlich haben wir gemeint, dass es nun vorbei ist, wenn es schneit und kalt wird, doch jetzt bringen uns die Leute noch mehr Igel zum Überwintern«, erzählt »Igel-Mama« Elisabeth Hüller, die mit ihrer Kollegin bereits rund 90 stachelige Vierbeiner in ihrer Obhut hat. Es ist nur noch eine Frage von Tagen, bis sich der 100. Igel bei ihnen über den Winter »all inclusive« einmietet, dabei platzt die Vorzeige-Igelunterkunft in Winkl schon jetzt aus allen Nähten.


Überall »stapeln« sich die liebevoll mit Zeitungspapier verkleideten und fein säuberlich eingerichteten Kartons, in denen die Igel zunächst bei angenehm warmen 20 Grad aufgepäppelt werden. Selbst das Bad ist voll, sogar der Klodeckel ist vorrübergehend »besetzt«. Die Kunde vom Grabenstätter Igel-Paradies hat sich mittlerweile weit herumgesprochen, denn einige unterernährte oder auch durch Krankheiten geschwächte Tiere stammen bis aus den benachbarten Landkreisen Rosenheim und Altötting.

Anzeige

Igel am Fundort wieder aussetzen

»Da sich die Igel dort auskennen, müssen sie im Frühjahr auch wieder am selben Ort von ihren Findern ausgesetzt werden«, sagt Hüller, die momentan auf Anschlag arbeitet. »Von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr abends bin ich täglich mit den Igeln beschäftigt, Sonn- und Feiertage gibt es nicht«, betont sie. Auch in der warmen Jahreszeit kümmert sie sich um kranke oder verletzte Igel oder verwaiste Igelbabys. Doch so einen Ansturm wie in den letzten Wochen hat sie selten erlebt.

Jeder Igel erhält umgehend einen Namen, und vom ersten Tag an wird Protokoll geführt, was man für Impfungen, Medikamente, Vitamine und Aufbaumittel verabreicht und wie sich das Gewicht verändert. Auch ein spezieller Speiseplan wird entwickelt. »Die einen mögen Würmer, die anderen Rühreier oder Hühnchen, auch Katzenfutter, Brei oder Avocado stehen zur Auswahl«, erzählt Hüller, während sie »Berta« auf den Armen hält, die ihr besonders ans Herz gewachsen ist. Sie wurde bereits Mitte September abgegeben und hat seitdem von 167 auf 732 Gramm zugenommen. Womöglich wird sie noch vor Weihnachten in den Winterschlaf geschickt. »900 Gramm muss ein Igel wiegen und parasitenfrei sein, bevor man ihn hinaus ins Kalte stellt, wo es noch einmal drei Wochen dauern kann, bis er schläft«, sagt Hüller.

Beim Überwintern von Igeln sollte man auf Heu und Stroh verzichten und ihnen für den Nestbau lieber zerknülltes Zeitungspapier geben. »Milch darf man ihnen auf keinen Fall zu trinken geben, nur Wasser«, betont die Igel-Expertin, die mit ihrer derzeit erkrankten Kollegin Monika Freimuth ihr Handwerk bei Marianne Pietsch in Übersee, der »Mutter aller Igel-Mütter«, gelernt hat. Vor zwölf Jahren haben die beiden dann in Grabenstätt ihre eigene Igelstation ins Leben gerufen.

Doch damit könnte schon im Frühjahr Schluss sein und das, obwohl die Igel aufgrund von schwindendem Lebensraum, zunehmender Futterarmut und abnehmenden körpereigenen Abwehrkräften – ausgelöst durch Umweltgifte, Insektizide, Schneckenkorn und dergleichen – immer mehr auf tatkräftige Tierschützer angewiesen sind. »Wir brauchen dringend Hilfe, sonst droht die Schließung und circa 200 Igel müssen jedes Jahr sterben, weil kein Geld da ist«, sagt Hüller.

Heuer schon 10 000 Euro ausgegeben

Ihre Ausgaben für Medikamente, Tierarztrechnungen, Futter, Strom, Heizung, Wasser und Müllentsorgung werden sich heuer auf 10 000 Euro belaufen. »Ein Igel kostet im Monat im Schnitt 30 Euro, 2000 Euro Spenden im Jahr reichen da nicht aus; wir arbeiten ja ehrenamtlich, können uns nicht verschulden«, so Hüller.

Wer verhindern will, dass die Grabenstätter Igel-Station bald schließen muss, der kann spenden auf das Konto mit IBAN DE55 710 520 50 0040 450 629, BIC BYLADEM1TST – Chiemgau Igelnothilfe. Auch Patenschaften für die Igel sind möglich. Weitere Informationen gibt es unter der Telefonnummer 08661/82 37. mmü