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»Schön wäre, wenn Ruhe einkehren würde«

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Im neuen Traunsteiner Jugendcafé gibt es einen Kicker, zwei Couchen, einen Billardtisch, eine Küche und die lang ersehnten, drei Toiletten für Buben, Mädchen und Betreuer.

Traunstein – Als zumindest ungeschickt, wenn nicht gar als Affront empfinden offenbar etliche Traunsteiner den Haushaltsansatz von 0 Euro für ein neues Jugendzentrum in Traunstein. Denn nach dem Bürgerentscheid gegen den Einbau eines neuen Jugendzentrums in die Güterhalle gab es zwar etliche Gespräche, um im Bahnhofsumfeld ein Grundstück für ein neues Jugendzentrum zu finden. Doch zerschlugen sich alle Hoffnungen, der Bau eines neuen Jugendzentrums rückte weit in die Ferne.


Um die ärgste Raumnot zu lindern, stellte die Stadt den Jugendlichen zusätzlich zum bisherigen Jugendtreff gleich gegenüber das ehemalige Bistro »Cappu Vino«, manchen auch noch als »Ralfs Bistro« bekannt, zur Verfügung. Gedacht ist es als Treffpunkt für alle jungen Leute zwischen 11 und 25 Jahren. Ansprechpartner sind Stadtjugendpflegerin Pea Breutel, ihre pädagogische Mitarbeiterin Niki Willner und Moritz Kecht, der gerade sein Freiwilliges Soziales Jahr ableistet.

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Neue Räume bieten neue Möglichkeiten

Geöffnet ist das Jugendcafé Montag, Mittwoch und Donnerstag jeweils von 14 bis 19 Uhr sowie am Freitag von 15 bis 21 Uhr. Zum Angebot gehören nun ein Billard- und Kickertisch, Spielekonsolen, Gesellschaftsspiele, eine Küche, der Verkauf von Getränken und kleinen Snacks zu erschwinglichen Preisen sowie gemütliche Sitzgelegenheiten, im Sommer auch draußen.

Keine Rückzugsorte, keine gezielten Projekte, für alle Besucher (Mädchen, Buben und Personal) nur eine Toilette im Keller, die Lage am Stadtplatz ohne Freifläche für sportliche Betätigung oder einfach nur um draußen zu sitzen, ohne Konflikte mit Geschäften und Anwohnern heraufzubeschwören – die Liste der Kritikpunkte am alten Treffpunkt war lang.

Mit Inbetriebnahme der neuen Räume wurde vieles deutlich besser. Gleichzeitig beobachten Breutel und ihre Kollegen seitdem eine deutliche Steigerung der Gästezahlen. »Der Bedarf ist enorm. Wir haben jetzt täglich 30 bis 40 Gäste. Insgesamt sind es rund 70 bis 80 Jugendliche, aber natürlich sind nicht alle jeden Tag da.« Auch zehn bis 20 Asylbewerber sind unter den Gästen. Eine große Rolle spiele die Mundpropaganda, aber auch die zentrale Lage mit dem jetzt deutlicher sichtbaren Eingang. »Der bisherige Eingang war ja etwas versteckt«, so Breutel.

»Ein junger Afghane engagiert sich sehr im Jugendtreff. Er kam allein, seine Eltern sind tot.« Für ihn sei der Jugendtreff eine Art Ersatzfamilie. »Der spielt mit den Kleineren und kocht auch mal afghanisch für alle.« Außerdem helfe er beim Umgang mit anderen Asylbewerbern und helfe auch mal beim Übersetzen. »Er spricht Pashtu und Dari. Ansonsten kommen wir auch mit Englisch ganz gut weiter«, so Niki Willner.

Immer dienstags gibt es im Jugendcafé Aktionen für Mädchen – »wir haben schon Armbänder gebastelt, Singstar gespielt mit der Playstation oder Kuchen gebacken«, so Breutel. Wenn der alte Jugendtreff in ein paar Wochen renoviert ist, gibt es dort Büroplätze für die Mitarbeiter, Räume für vertrauliche Gespräche – für die enormer Bedarf besteht – und die Möglichkeit, mit dem Beamer Filme anzuschauen.

Problemgespräche nun nicht mehr im Treppenhaus

»Das ist wirklich super, dass wir das räumlich jetzt besser entzerren können«, so Pea Breutel. »Gerade bei Problemgesprächen ist es wichtig, dass man Ruhe hat«, erklärt sie. Die fanden früher notgedrungen auch mal im Treppenhaus statt. Probleme haben Jugendliche ja mehr als genug. Ob es um die Trennung der Eltern geht, die erste Liebe, Ärger in Schule oder Ausbildung, Berufswahl, Mobbing, Krankheiten, Zukunftsängste – die Themen sind unerschöpflich, die Arbeit der Betreuer ist mit Gold nicht aufzuwiegen.

Die neuen Räume sind »wirklich eine sehr große Erleichterung«, sagt Breutel. Auch, dass man im Sommer mal ein paar Tische und Stühle rausstellen dürfe, sei toll. Dennoch wäre es gut, wenn die Stadt einen anderen Standort weiterverfolgen würde. »Die zentrale Lage ist einerseits ganz gut, andererseits hat sie auch ihre Tücken.« Denn Fußballspielen sei nicht möglich aus Angst um Fensterscheiben und aus Rücksichtnahme auf Fußgänger. Federball spielen gehe gerade so, aber auch das sei schwierig für Spieler wie Fußgänger gleichermaßen.

Es muss auch gar kein Neubau sein, meint Breutel. Aber »die Fixierung auf den Bahnhof ist ungut«, sagt Niki Willner. Natürlich sollte das Jugendzentrum gut erreichbar sein. »Irgendwas Richtung Traun wäre super«, meint Pea Breutel mit Blick auf die gewünschten Außenflächen.

Aufgaben der Betreuer sind vielfältig

Zu Kritik an den Öffnungszeiten sagt sie: »Wenn wir am Wochenende öffnen würden, würde die Zeit unter der Woche fehlen. Ich glaube, viele unserer Jugendlichen haben vor allem unter der Woche Bedarf, nach der Schule.« Denn die schulische Unterstützung gehört ebenso zu den Aufgaben der Jugendpfleger wie Beratungsgespräche, Sucht- und Kriminalitätsprävention, die Entwicklung individueller Problemlösungsstrategien, das Ferienprogramm oder auch die Besucherstatistik.

Hätten die Betreuer einen Wunsch frei, so wäre das vor allem eine weniger hitzig geführte politische Debatte: »Es wäre für uns gut, wenn etwas mehr Ruhe einkehren würde. Denn das bedeutet für unsere Arbeit immer Unsicherheit. Und wir möchten einfach nur gute Jugendarbeit machen.« coho