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Schmerzhafte Einschnitte in die Infrastruktur

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Sparkasse Traunstein-Trostberg
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Ganz geschlossen wird ab 21. Juni die Sparkassen-Filiale in Traunwalchen. (Foto: Thois)

»Neuausrichtung des Vertriebs- und Geschäftsstellenkonzepts« – unter dieser Devise informiert die Kreissparkasse Traunstein-Trostberg derzeit ihre Kunden über Schalter- und Filialschließungen in der Region. An mehreren Standorten werden künftig keine Mitarbeiter mehr anzutreffen sein, sondern nur noch Automaten.


Noch sind nicht alle persönlichen Anschreiben an die Kunden verschickt worden. Deshalb will die Kreissparkasse auch noch nicht alle betroffenen Filialen nennen. Nach unseren Informationen soll es aber insgesamt zu mindestens einem Dutzend Schalterschließungen kommen, im Traunsteiner Stadtrat war sogar die Rede von 17, als das Gremium über das neue Gewerbe- und Wohngebiet an der Hochstraße diskutierte, auf dem die Sparkasse möglicherweise ein Verwaltungsgebäude errichten möchte.

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Fest stehen bereits sieben Geschäftsstellen, in denen demnächst kein Personal mehr beschäftigt ist. Zu solchen sogenannten Selbstbedienungs-Filialen mit Geldautomaten für Ein- und Auszahlungen, SB-Konto-Serviceterminal und Kontoauszugsdrucker werden dann: Unterwössen und Schleching ab kommenden Montag, Palling ab 24. Juni, Seeon und Seebruck ab 1. Juli. Ab 8. Juli wird es auch in Kirchanschöring keinen besetzten Schalter mehr geben und ab 12. Juli in Engelsberg.

Traunwalchen wird komplett geschlossen

Ob es unter den 30 Geschäftsstellen auch welche gibt, die komplett geschlossen werden? Dazu versichert Roger Pawellek, der Vorstand der Kreissparkasse, dass dies nur in Traunwalchen der Fall sei. Ab 21. Juni wird die Filiale an der Carl-Orff-Straße Geschichte sein. Sein Vorstandskollege Stefan Nieß betont, dass dies aber die einzige negative Auswirkung auf die Versorgungsdichte sei.

»Der Trend zum Online-Banking und die verstärkte Nutzung der SB-Geräte und digitaler Kommunikationswege« sind laut Pawellek die Gründe für die Umstrukturierung. »Einmal im Jahr zur Geschäftsstelle – 350 mal Kontakt über das Internet«, so stelle sich das Kundenverhalten bei Kontoabfragen, Überweisungen und anderen Standard-Dienstleistungen heutzutage dar.

Dass es immer noch viele ältere Bürger gibt, die die digitalen Angebote scheuen, ist den Sparkassen-Vorständen klar. »Wir lassen dieses Kundenklientel aber nicht fallen.« Pawellek verweist auf das Kunden-Service-Center, eine »telefonische Geschäftsstelle, in der fast alle Serviceleistungen schnell und unkompliziert erledigt werden können«. Ab Montag gebe es hier eine Rund-um-die-Uhr-Hotline. Außerdem richte man in Traunstein ab 1. Juli ein rein digitales Video-Beratungszentrum ein. Für den persönlichen Kontakt zum Kundenberater – vor allem bei Immobilien-Finanzierungen, Wertpapiergeschäften oder Planung der Altersvorsorge – sei der Weg immer nur wenige Kilometer weit. Im Fall von Seeon und Seebruck zum Beispiel in die Geschäftsstellen nach Obing oder Chieming.

Mitarbeiter werden anders verteilt

So gebe es laut Kreissparkasse auch keinen nennenswerten Personalabbau. Die Mitarbeiter würden durch den Ausbau der Service-Center nur anders verteilt oder einer nahe gelegenen, vollwertigen Geschäftsstelle zugeordnet. Und: »Auch im Falle von Zusammenlegungen von Geschäftsstellen«, so Pawellek, »ist es uns wichtig, dass der bisherige persönliche, vertraute Berater weiterhin erster Ansprechpartner für den Kunden bleibt.«

Mit Ausnahme der Filialen in Grassau, Traunreut, Waging, Traunstein und Trostberg werden die Geschäftsstellen der Kreissparkasse künftig aber nur noch einheitlich von 8.30 bis 12.30 Uhr geöffnet haben.

In den betroffenen Gemeinden stößt die Umstrukturierung durchaus auf Kritik. »Ich hätte mir gewünscht, dass in unserer Gemeinde zumindest eine Filiale besetzt bleibt«, betont Seeon-Seebrucks Bürgermeister Bernd Ruth (CSU). Dass nun sowohl Seeon, als auch Seebruck betroffen sind, empfindet Ruth als tiefen Einschnitt in die örtliche Infrastruktur. Das bekomme er auch in Gesprächen mit verärgerten Bürgern zu hören. »Wobei es aber auch so ist, dass man, wenn man die Gegenfrage stellt, wie oft die Kunden wirklich zu den Mitarbeitern am Bankschalter gehen, zu hören bekommt: 'Sehr, sehr selten.'«

Auch Pallings Bürgermeister Josef Jahner (UW) empfindet es als »schmerzhaft«, dass die Sparkasse in seiner Gemeinde bald nur noch mit Automaten vertreten ist. »Es ist bedauerlich, weil wieder ein Stück Nahversorgung wegbricht.« Doch äußert Jahner auch Verständnis für die Kreissparkasse: »Es wird einfach immer mehr online erledigt. Und meine Erfahrung ist, dass auch Bürger, die 80 Jahre alt sind, in der Regel kein Problem damit haben, Geld am Bankomaten abzuheben.«

»Fürs Gemeinwohl nicht förderlich«

Deutlich kritischer fällt die Reaktion von Kirchanschörings Bürgermeister Hans-Jörg Birner aus. »Die Kreissparkasse befindet sich im Grunde in kommunaler Trägerschaft. Da hätte ich mir ein anderes Vorgehen erwartet«, sagt der CSU-Politiker. »Man spricht immer von gleichwertigen Lebensbedingungen, die man auf dem Land schaffen will. Dafür sind die Schalterschließungen nun wirklich kein Paradebeispiel.« Erst recht nicht, wenn man die Ziele seiner 3300-Einwohner-Gemeinde betrachte. Schließlich war Kirchanschöring vor eineinhalb Jahren die erste Kommune in ganz Deutschland, die als Gemeinwohl-Gemeinde zertifiziert und ausgezeichnet worden ist und ihre Bilanz vollständig nach den sozialgerechten, solidarischen und nachhaltigen Prinzipien der Gemeinwohl-Ökonomie aufstellt. Wenn die Bürger nun ihre örtlichen Ansprechpartner für Bankgeschäfte verlieren, ist das für das Gemeinwohl nicht gerade förderlich«, findet Hans-Jörg Birner. »Und es gibt nun mal immer noch viele Menschen, die kein Online-Banking nutzen wollen oder können.«

Dass die Sparkasse diese Einschnitte nun mit dem Argument verkaufe, dass sich die Service-Leistungen insgesamt erhöhen, ärgert den Kirchanschöringer Bürgermeister besonders. Und dass es nach Fridolfing oder Tittmoning nicht weit sei, lässt Birner auch nicht gelten. »Wenn ich schon mal im Auto sitze, kann ich auch gleich zu den Hypo- oder Commerzbank-Filialen nach Freilassing oder Traunstein fahren«, spielt Birner darauf an, dass die Kreissparkasse mit ihrer Geschäftspolitik viele Kunden verprellen könnte – auch die Gemeinde selbst. »Es ist zu überlegen, wie wir als Gemeinde mit unseren Geschäftsbeziehungen zur Kreissparkasse in Zukunft weiter umgehen werden«, deutet Birner einen möglichen Wechsel zu einer anderen Bank an, was die Finanzierung kommunaler Projekte angeht. »Ich bin jedenfalls mehr als enttäuscht, dass die Sparkasse keine Alternativlösung gefunden hat, bei der weiterhin Mitarbeiter vor Ort gewesen wären. Man muss doch nicht immer maximale Kostenoptimierung im Auge haben, der Profit darf am Ende auch mal etwas geringer ausfallen.« tt/KR