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Schiedsrichter zusammengeschlagen: Bewährungsstrafe

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Nach dem Fußballspiel im Oktober 2012 ging ein Spieler des Amateurvereins FC Iliria auf den Schiedsrichter los und verletzte ihn durch Faustschläge und Tritte. (Foto: dpa)

Traunstein – Mit einer Freiheitsstrafe von 19 Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, muss ein nicht vorbestrafter, 37-jähriger, früherer Spieler des Fußballamateurvereins FC Iliria seine folgenschweren Faustschläge gegen einen Schiedsrichter im Oktober 2012 büßen.


Die Siebte Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Christina Braune sprach den voll geständigen Angeklagten am Mittwoch der vorsätzlichen Körperverletzung an dem 48-Jährigen schuldig. Das Opfer ist bis heute physisch und psychisch gezeichnet. Das Hörvermögen beträgt auf einem Ohr nur mehr 25 Prozent. Das linke Auge ist geschädigt. Der Verlust mehrerer Zähne erfordert eine kostspielige Behandlung. Außerdem leidet der 48-Jährige unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, massiven Schlafproblemen und starken Kopfschmerzen.

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Im ersten Urteil: 14 Monate Haft ohne Bewährung

Das Fußballspiel beim ESV Rosenheim mit dem für den Ex-Schiedsrichter – er hat diese Aufgabe nach dem Vorfall an den Nagel gehängt – schlimmen Ausgang sorgte vor gut zwei Jahren bundesweit für Schlagzeilen. Drei Spieler des FC Iliria landeten auf der Anklagebank vor dem Schöffengericht Rosenheim. Der damals alles leugnende 37-Jährige wurde am 9. April 2014 zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten ohne Bewährung sowie Zahlung von 15 000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld verurteilt. Sowohl der Angeklagte als auch die Staatsanwaltschaft legten Berufung ein. Zwei weitere Angeklagte, beide 25 Jahre alt, kamen vor dem Schöffengericht mit sieben Monaten Strafe mit Bewährung beziehungsweise Freispruch davon.

Nun rollte die Siebte Strafkammer den Fall nochmals auf. Das Gericht verzichtete auf die Ladung von Zeugen, nachdem Verteidiger Dr. Markus Frank aus Rosenheim ein volles Geständnis seines Mandanten angekündigt hatte. Der Anwalt sprach von einer »aufgeputschten Situation« nach dem Spiel. Der Angeklagte habe die schwerwiegenden Verletzungen nicht gewollt, bedauere alles, sei bereit, die komplette Verantwortung zu tragen – auch in finanzieller Hinsicht.

Der Ex-Schiedsrichter schilderte vor Gericht das Spiel aus seiner Erinnerung. Es habe sich um ein normales A-Klassen-Spiel gehandelt. »Anfangs war das Spiel ruhig. Es wurde immer härter, ich verteilte viele Gelbe Karten. Jede meiner Entscheidungen wurde reklamiert.« Beim Spielstand von 2:1 für den FC Iliria wurde das Spiel »immer hektischer, aggressiver und geprägt von Fouls«. Einen Iliria-Spieler schickte der Schiedsrichter in der 75. Minute vom Platz. Im Anschluss an die reguläre Spielzeit ließ der 48-Jährige vier Minuten nachspielen. Die letzte Aktion war ein Abschlag des Rosenheimer Torwarts in den Strafraum des FC Iliria. Nach einem Foul gab der Schiedsrichter einen Freistoß. Ein Mann des ESV Rosenheim legte den Ball hin, schoss aufs Tor und traf zum Endstand von 2:2. Der 48-Jährige pfiff das Spiel ab.

Unmittelbar danach gingen Spieler auf ihn los, bildeten eine Menschentraube und schubsten ihn rum. Ein Zuschauer rief: »Schieri, pass auf. Da kommt einer von hinten.« Dann habe ihm der Angeklagte zwei Faustschläge in den unteren Gesichtsbereich und an das linke Auge versetzt, berichtete der Zeuge. Er sei am Boden gelegen, habe mehrere Tritte verspürt. Von wem, wisse er nicht. Er sei aufgestanden, habe seine Schiedsrichterutensilien vom Boden aufgesammelt und sei von irgendjemand vom Platz geführt worden. Die Polizei sei angerückt. Man habe ihn ins Krankenhaus gebracht. Am Abend habe er auf einem Auge nichts mehr gesehen, fuhr der 48-Jährige fort.

Beleidigungen und Drohbriefe nach der Tat

Zu den Folgen informierte das Opfer über Prellungen, einen Kieferbruch, ein zerfetztes Trommelfell, zwei Operationen, zahlreiche Termine bei verschiedenen Ärzten und beim Zahnarzt, eine neunwöchige Reha mit Therapie, bis heute anhaltende Schmerzen und Beschwerden. »Die Krönung« sei für ihn – neben einem Einbruch in seine Wohnung sowie Beleidigungen via Telefon und Internet – ein anonymer Drohbrief im Frühjahr 2013 gewesen. Außerdem müsse er, so der 48-Jährige, firmenintern eine Umschulung machen, könne er doch seine jetzigen Aufgaben als Chemikalienaufbereiter in einer Papierfabrik nicht mehr ausüben. Das bedeute finanzielle Einbußen durch Entfall des Schichtdienstes. Weiter kommen erhebliche Kosten auf ihn zu, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden.

Des Öfteren musste der Zeuge bei seiner Aussage zum Taschentuch greifen. Der 48-Jährige erklärte sich bereit, neben dem am Mittwoch in bar übergebenen Teilbetrag von 5000 Euro zur Wiedergutmachung auch eine persönliche Entschuldigung des Angeklagten zu akzeptieren. Der 37-Jährige sagte: »Es tut mir sehr leid. Ich bin sehr traurig.« Die Reaktion des Nebenklägers: »Ich hoffe, es kommt nicht mehr vor.« Die Wahrscheinlichkeit ist gering: Der Deutsche Fußballbund hat den Angeklagten längst lebenslang für jedwedes Fußballspiel gesperrt.

Staatsanwältin Juliane Grotz plädierte auf eine Freiheitsstrafe von 20 Monaten mit Bewährung mit einer Arbeitsauflage von 100 gemeinnützigen Stunden. Der Nebenklagevertreter, Robert Niedermeier aus Rosenheim, schloss sich an und betonte, der 48-Jährige sei durch den Vorfall »völlig aus der Bahn geworfen worden«. Verteidiger Dr. Markus Frank forderte eine Strafe von 18 Monaten mit Bewährung – ohne Arbeitsauflage.

Die Strafkammer hielt im Urteil die Arbeitsleistung indes für unverzichtbar. Richterin Braune unterstrich, ein wirksamer Täter-Opfer-Ausgleich liege vor. Straferschwerend wirkten die massiven Tatfolgen, die erheblichen Verletzungen und die teils bleibenden Schäden. kd