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Schicksal des Onkels nach 69 Jahren geklärt

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Jetzt hat es Hildegard Elsner schwarz auf weiß: Ihr Onkel Hugo Rathgeber starb 1944 in einem russischen Kriegsgefangenenlager. Claus Hieke vom Roten Kreuz ermuntert alle, die noch keine Klarheit über das Schicksal von Familienmitgliedern haben, die seit dem Zweiten Weltkrieg vermisst sind, erneut Kontakt mit dem Suchdienst aufzunehmen. (Foto: Schwaiger)

Traunstein. »Der ist nicht aus dem Krieg zurückgekommen...« Ein einstmals oft gehörter Satz, den auch Hildegard Elsner noch im Ohr hat. Wenn das Gespräch auf ihren Onkel Hugo Rathgeber kam, dann fiel er ein ums andere Mal. Jetzt, 68 Jahre nach Kriegsende, hat die Familie doch noch Gewissheit bekommen: Der Verwandte starb 1944 in einem russischen Kriegsgefangenenlager. Der Suchdienst des Roten Kreuzes konnte das Schicksal des Vermissten in nur wenigen Wochen klären. Ein Artikel im Traunsteiner Tagblatt hatte den Anstoß gegeben.


»Eine schicksalsschwere Lektüre« lautete der Titel des Artikels, der wenige Tage vor Weihnachten 2012 im Lokalteil unserer Zeitung erschien. Darin ging es um die 200-bändige »Vermisstenbildliste«, die in den Jahren 1956/57 erschienen ist und half, die Schicksale Zehntausender deutscher Soldaten zu klären. Noch heute lagern die Bände im Archiv des Rot-Kreuz-Kreisverbands.

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Auf einem Brief war die Soldatennummer vermerkt

Beim Lesen des Berichts musste Hildegard Elsner sofort an ihren vermissten Onkel Hugo Rathgeber denken. Die 69-jährige Traunsteinerin besitzt einen Feldpostbrief, den der Vermisste geschrieben hatte; den bekam sie, nachdem dessen Frau, Hildegard Elsners Tante, in den späten Neunzigern mit 95 Jahren verstorben war. Auf dem Brief war auch die Soldatennummer von Hugo Rathgeber vermerkt.

Mit der letzten Nachricht des Onkels im Gepäck, suchte die Traunsteinerin im Januar das Rote Kreuz auf. »Ich dachte mir, dass es einen Versuch wert ist«, erinnert sich Hildegard Elsner. Irmi Ditsch, die im Landkreis Traunstein den Suchdienst betreut, gab ihr ein Formular mit, das sie ausfüllen sollte. Wenig später reichte die Traunsteinerin die offizielle Nachforschungsanfrage ein. Diese schickte der Rot-Kreuz-Kreisverband schließlich zum BRK-Suchdienst nach München weiter.

Als dann wenige Wochen später eine Antwort kam, konnte es Hildegard Elsner kaum glauben. »Ich war total überrascht«, erzählt die 69-Jährige. Auf einmal hielt sie die Kopie der Gefangenenakte ihres Onkels in der Hand – von ihm selbst unterschrieben. Daraus geht hervor, dass der 1901 geborene Hugo Rathgeber im August 1944 in russische Gefangenschaft geraten war. Im Lager in Moshaisk, gut 250 Kilometer südwestlich von Moskau, starb er am 2. Dezember 1944 »infolge von Dystrophie zweiten Grades«, wie es in der Akte heißt. »Er ist verhungert«, erklärt seine Nichte. Unklar ist nach wie vor, wo Hugo Rathgeber begraben ist.

Hildegard Elsner ist froh, dass das Schicksal des Onkels so weit geklärt ist. Ihren Bruder, Cousinen und Cousins ließ die Traunsteinerin sofort wissen, was der Suchdienst herausfand. »Eine Cousine war zu Tränen gerührt«, erzählt Hildegard Elsner.

Für Claus Hieke ist Hugo Rathgeber ein typisches Beispiel dafür, dass es sich lohnt, noch einmal nachzubohren. Der Traunsteiner war viele Jahre Leiter der Auslandsabteilung des Bayerischen Roten Kreuzes in München und in dieser Funktion von 1994 bis 2009 auch für den Suchdienst zuständig.

Er weiß, dass es falsch ist zu glauben, dass sich Schicksale, die sich nach dem Krieg nicht klären ließen, auch heute nicht klären lassen. Denn: In den frühen neunziger Jahren kam eine überraschende Wende. Damals veranlasste Staatspräsident Michail Gorbatschow die Öffnung der russischen Archive.

Nach wie vor lassen sich Schicksale klären

»Alle waren erstaunt, was für pedantisch geführte Akten die Russen besitzen«, sagt Claus Hieke. Durch die Unterlagen ließen sich bislang die Schicksale von rund 400 000 vermissten Soldaten und Zivilisten klären. Doch oftmals leben die, die damals Suchanfragen gestellt hatten, nicht mehr oder sind umgezogen. Dadurch ist es nicht möglich, die Angehörigen zu benachrichtigen. Claus Hieke appelliert darum an alle, die noch keine Klarheit über den Verbleib eines Angehörigen haben, sich beim Roten Kreuz zu melden: »Leute, fragt nach!«, sagt er.

Die Aufarbeitung der Daten in kyrillischer Schrift ist zwar zeitintensiv, aber lohnenswert: Das Rote Kreuz geht davon aus, dass sich in den nächsten zehn Jahren noch etwa 400 000 weitere Vermisstenfälle klären lassen werden. Man schätzt jedoch auch, dass die Schicksale von 800 000 Vermissten unklar bleiben werden. san