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»Saufen, bis der Arzt kommt«

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Waging am See – Großes Interesse hatten viele junge Leute und Erwachsene am Diskussionsabend zum Thema »Saufen, bis der Arzt kommt« im Waginger Pfarrheim, der von Gemeindereferent Martin Riedl mit der Katholischen Landjugend St. Leonhard und der Waginger Kolpingjugend initiiert wurde.


Exzessives Trinken von hartem Alkohol ist bei Jugendlichen in Mode, immer mehr Minderjährige landen mit einer Alkoholvergiftung in einer Klinik. Was könnte den gefährlichen Trend stoppen? Warum ist die Gefahr bei Hüttenpartys besonders groß? Moderator war Gemeindereferent Martin Riedl, der auch die Idee zum Thema hatte. Auf dem Podium diskutierten Dr. med. Tobias Trips, Oberarzt der Kinder-Intensivstation im Klinikum Traunstein, Stefan Eder von der Caritas-Suchtberatung sowie von der Polizeiinspektion Laufen Dienststellen-Leiter Erwin Wimmer und Polizeiobermeister und Jugendbeamter Manuel Buckel.

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In den Hütten treffen sich Jugendliche unter 18 Jahren, um »ungestört Party zu machen«. Natürlich sei der »Reiz des Verbotenen«, also rauchen und Alkohol trinken inbegriffen, so Riedl. Man trinke, um lockerer zu werden und Spaß zu haben. Da spiele der Gruppenzwang eine große Rolle. Riedl wünschte sich: »Jugendliche sollen sich treffen können, aber es darf nicht zu einem Saufgelage ausarten.« Denn Saufen sei nicht mehr so cool, wenn man – in Windeln gelegt – auf der Intensiv-Station lande.

Immer mehr Jüngere kämen mit einem schweren Rausch in die Klinik – der Körper sei schwer vergiftet, die Schutzreflexe nicht mehr da. Dazu sagte Dr. Trips: »Der jüngste Patient war gerade mal zwölf Jahre alt, der mit einer schweren Alkoholvergiftung zu uns eingeliefert wurde.« Zunächst kümmere man sich medizinisch um ihn, am nächsten Tag wurde die keineswegs harmlose Sachlage mit den Eltern besprochen. Trips wünscht sich, dass die Jugendlichen ihre Grenze kennen und sich trauen, auch mal den Freunden zu sagen »ich höre jetzt besser auf«.

Auch Stefan Eder von der Caritas-Suchtberatung berichtete, man besuche die Kinder und Jugendlichen am Krankenbett und rede mit den Eltern über Suchtprävention. »Was kann man tun, anders machen und was macht überhaupt Sinn?«. Allerdings würden Eltern die Sache oft sehr bagatellisieren. Erschreckend sei auch die zunehmende Gleichgültigkeit vieler Eltern.

Immer mehr Jugendliche greifen zu härteren Sachen

Erwin Wimmer von der Polizei Laufen stellte fest, »dass immer mehr Jugendliche zu härteren Sachen greifen«. Es sei leicht für Minderjährige, harte Sachen zu kaufen. Die Getränke schmeckten süß und beschleunigten die gewünschte berauschende Wirkung. »Wir kommen nur dann, wenn etwas passiert ist und greifen auch durch. Und wir kennen jede der 80 Hütten im Landkreis«, betonte er. Es folgten Berichte ans Jugendamt die Bauaufsichtsbehörde, die dann prüfe, ob die Hütte legal ist. Bei einer Ordnungswidrigkeit werde ein Bußgeld gefordert.

»Das Gute an den Hüttenpartys ist, dass sich die meisten kennen und doch mehr aufeinander Acht geben, sonst würde viel mehr passieren«, meinte Polizeiobermeister Manuel Buckel dazu. Allerdings seien die Zahlen erschreckend: demnach hätten 85 Prozent der 15-Jährigen bereits Kontakt mit Alkohol. Damit liege Deutschland nach Ungarn, Norwegen und Tschechien auf dem vierten Platz. Buckel beanstandete, dass Bacardi oder Wodka billiger seien als Bier und Wein.

Auf den Einwand eines Jugendlichen, dass Schnaps mehr verkauft werde, weil die Mädchen nicht so gerne Bier trinken, erinnerte Buckel daran, dass Spirituosen erst ab 18 Jahren erlaubt sind. Und gerade am Ende von Partys könne es zu Straftaten wie Körperverletzungen kommen, sagte Buckel. »Wir schreiben dann einen Bericht an Landratsamt, Jugendamt und Führerscheinstelle.«

Von einem schlimmen Unfall bei einem Hüttenfest mit Lagerfeuer berichtete Max Warislohner. Aus Übermut schüttete ein Jugendlicher etwas ins Feuer und es kam zu einer Explosion. Max erlitt schwerste Verbrennungen und lag zwei Wochen im Koma. Was Familie und Freunde durchgemacht hätten, davon wolle er gar nicht sprechen. Freunde, die erst sehr spät den Ernst der Lage erkannten, machten sich Vorwürfe, weil sie nicht wussten, wie sie reagieren sollen. »Ich gehe immer noch gerne auf Hüttenfeste, aber solche Sachen dürfen halt nicht passieren«, sagte er.

Als Jugendlicher Alkohol zu kriegen, ist kein Problem

Auch das Publikum beteiligte sich äußert rege an der Diskussion. Ein Jugendlicher gab zu: »Wenn man als Minderjähriger Alkohol will, ist das überhaupt kein Problem, da muss ich nicht auf eine Hüttn gehen.« Ein Mädchen fragte, ob das Jugendamt schon mal ein Kind den Eltern weggenommen habe. Dazu Oberarzt Dr. Tobias Trips: »Einige Kinder sind zwar schon zum wiederholten Male bei uns eingeliefert worden, aber das Sorgerecht wurde bisher noch keinem entzogen.«

Ein älterer Herr sah das Problem, dass bei öffentlichen Festen teilweise Jugendliche nicht mehr teilnehmen dürften. Deswegen verlagere sich die Partygesellschaft auf die Hütten. Kein Erwachsener wolle mehr die Verantwortung für die Jugend tragen. Bei der Verantwortung merke man immer öfter, dass sich die Eltern lieber im Hintergrund halten. Bei Elternabenden beobachte man, »je älter die Kinder werden, desto weniger Eltern lassen sich blicken.«

Gerne hätte man die Diskussion weiter geführt, aber nach eineinhalb Stunden beendete Martin Riedl die Runde, da viele Minderjährige an dem Abend teilnahmen. Am Ende der Diskussion war man jedenfalls überzeugt, es tut nicht nur gut, sondern es wichtig für alle Seiten, wenn einfach mal über eine Sache »gredt werd«. soj