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»Rösser züchten, die gescheiter sind wie die Leut'«

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Die zweitbeste Kaltblutstute in ganz Bayern ist eine Überseerin: »Paulina« von »Rupp«, Mutter-Vater »Ramsgraf I« (angegeben wird bei der Abstammung mit dem Wörtchen »von« jeweils der Vater des genannten Tieres, Mutter-Vater ist der Hengst, von dem die Mutterstute abstammt), errang heuer bei der Landesschau in München den Titel »1. Reservesiegerstute«. Züchter und stolzer Besitzer ist Ernst Steffl aus Übersee.

»Wir müssen Rösser züchten, die gescheiter sind wie die Leut'«, sagte schon vor vielen Jahren der damalige KaltblutZuchtleiter Manfred Mayr aus Steingaden. Und das ist es auch heute noch, was die Freunde des Süddeutschen Kaltbluts an ihren »Dicken« so schätzen: »Die ausgesprochene Nervenstärke«, wie der Vorstand der Kaltblutzuchtgenossenschaft Traunstein, Herbert Bischof, im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt schwärmt.


»Da setzt dich drauf und reitest los«

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Auch Beisitzerin Rosemarie Schröder ist begeistert: »Mit dem Reiten hat es noch nie Probleme gegeben. Da setzt dich drauf und reitest los, auch wenn sie im Winter mal zehn, vierzehn Tag' gestanden sind. Wir haben eine Stute vierjährig verkauft, und die ist bei den Reitanfängern schon seit zwei Jahren sehr beliebt, weil sie immer gleich brav ist.« Und Fahr-Ausbilderin Steffi Mitterer ergänzt: »Die sind einfach gut zum Haben.«

Bereits im 18. Jahrhundert, als das erste Landgestüt in Bayern aus dem schweren Arbeitspferd durch Einkreuzung anderer Rassen ein etwas leichteres Militärpferd züchtete, konnten sich die Chiemgauer Pferdezüchter mit dem Kreuzungsprodukt nicht so recht anfreunden. Sie hatten sich züchterisch mehr als ein Jahrhundert lang mehr in Richtung Salzburger Land orientiert, brauchten sie doch zugleistungs- und nervenstarke Arbeitspferde für die Land- und Forstwirtschaft.

1897 gründeten sie die Pferdezuchtgenossenschaft Traunstein. 1910 wurde sie ins Vereinsregister eingetragen, bereits um 1911 kaufte sie mit Unterstützung des bayerischen Staates die Hefteralm zur Aufzucht von Jungpferden, wofür sie auch heute noch genutzt wird. 1916 entstanden mehrere umliegende Pferdezuchtgenossenschaften, die sich 1916 zum Verband für die Zucht des Pinzgauer (Norischen) Pferdes zusammenschlossen. Dieser Verband zählte zu den ersten in Bayern. Nach den Wirren des Ersten Weltkrieges erhielt am 17. Juni 1919 die Pferdezuchtgenossenschaft Traunstein vom Landwirtschaftsministerium die Rechtsfähigkeit.

Blütezeit und (Fast-)Niedergang der Zucht

Die Blütezeit der Genossenschaft war um 1949 – mit 512 Mitgliedern und 772 eingetragenen (also zur Zucht zugelassenen) Stuten sowie 19 staatlichen und privaten Deckhengsten – heute sind es 104 Mitglieder und 130 eingetragene Stuten. Die fortschreitende Mechanisierung der Landwirtschaft führte dazu, dass in den späten 50-er und 60-er Jahren die landwirtschaftliche Pferdehaltung sehr stark zurückgedrängt wurde. Hätte es nicht schon immer ein paar »rossnarrische« Bauern gegeben, wäre das Süddeutsche Kaltblut Mitte der 60-er Jahre im Chiemgau beinahe so gut wie ausgestorben.

»Aber wir waren nie ohne Ross«, erinnert sich Züchter Ernst Steffl aus Übersee an diese Zeit. »Eine Stute war immer da, die wurde dann oft rundrum ausgeliehen von den Bauern, weil sie so schonend geht am Acker.« Steffl gehört zu den Züchtern aus dem Landkreis Traunstein, die dieses Jahr bei der Landesschau in München mächtig abräumten: Seine »Paulina« von »Rupp«, Mutter-Vater »Ramsgraf I«, errang den Titel »1. Reservesiegerstute«. Damit ist sie die zweitbeste Kaltblutstute in ganz Bayern.

Von den angetretenen 60 Stuten erhielten 42 den Titel »Staatsprämienanwärterin«, von denen wiederum 13 in den Endring kamen. Neben »Paulina« schaffte das auch »Paula« von »Rupertiwinkel«, Muttervater »Nussdorf«, aus der Zucht von Max Mitterer aus Siegsdorf. Sie erhielt am Ende einen Ehrenpreis.

Mit dem Fohlenmarkt ging es wieder bergauf

Waren es also nach dem Niedergang der Zucht zunächst nur einzelne, meist bäuerliche Züchter, die sich der Tradition besannen und wieder Kaltblutpferde züchteten. In den 70-er Jahren entstand gemeinsam mit den Haflinger-Züchtern der jährliche Fohlenmarkt in der Chiemgauhalle.

Seitdem ging es wieder bergauf, aus dem einstigen Arbeitspferd wurde ein gefragtes Freizeitpferd. Gekauft werden sie heutzutage für die Zucht, den Einsatz im Wald, prachtvolle Gespanne für Umzüge, aber auch für Kutschfahrten mit Touristen, etwa auf der Herreninsel. Während sie in Österreich sogar in Vielseitigkeitsprüfungen geritten werden, liegt hierzulande der Schwerpunkt nach wie vor im Fahrsport.

Das spiegelt sich auch in der Leistungsprüfung wider, die dreijährige Stuten und Hengste bestehen müssen, um zur Zucht zugelassen zu werden. Dazu gehören Schwachholz-Ziehen, ein Kutschparcours und die Schwerzugprüfung, bei der jedes Pferd 20 Prozent seines Körpergewichts in maximal 12,5 Minuten 1000 Meter weit ziehen muss. »Das muss man schon trainieren«, sagt Bischof. Im Durchschnitt wiegt ein ausgewachsenes Kaltblut zwischen 600 und 700 Kilogramm.

Zuchtziel ist ein mittelschweres, leichtfüßiges Pferd im Rechtecktyp (die gedachten von der Seite betrachteten Linien von Boden, Rücken, Vorder- und Hinterbeinen sollten eher ein Rechteck als ein Quadrat bilden) mit vielseitiger Verwendbarkeit, raumgreifenden Bewegungen, ausgeglichenem Temperament, guter Umgänglichkeit, Hufgesundheit und Fruchtbarkeit. Im Durchschnitt sollten Zuchtstuten 1,60 bis 1,65 Meter Stockmaß haben, bevorzugte Farben sind Braune, Füchse und Rappen. Schimmel und Schecken sind eher selten.

Natürlich vermag das beste Pferd nichts auszurichten, wenn sein Mensch nicht weiß, was er tut. Und so wird auch immer mehr Wert auf die Ausbildung der Reiter und Fahrer gelegt als früher: »Wer hat denn von uns schon einen Fahrkurs gehabt?«, fragt Herbert Bischof in die Runde und lacht. Heutzutage sind diese Kurse nicht zuletzt aus versicherungsrechtlichen Gründen eher die Regel als die Ausnahme. Wenn also zu den gescheiten Rössern auch immer besser ausgebildete Menschen kommen, steht dem ungetrübten Vergnügen nichts mehr im Wege. coho