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Rewe/Rossmann von allen Seiten beleuchtet

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Über hundert Interessierte waren ins Kurhaus gekommen, um das Für und Wider einer großen Handelsansiedlung an der Ottinger Straße zu diskutieren. (Foto: Eder)

Waging am See – Deutlich über hundert Besucher waren zu der Podiumsdiskussion bezüglich einer möglichen Ansiedlung von Rewe und Rossmann in Waging ins Kurhaus gekommen. Immerhin 40 hatten sich bereits am Vorabend bei der Informationsveranstaltung in der Tourist-Info eingefunden, bei der die von der Gemeinde in Auftrag gegebene Handelsstudie präsentiert wurde, bei der aber auch das aktuelle Thema letztlich den Abend dominierte.


Die Veranstaltung im Kurhaus, souverän moderiert von Radio-Reporter Christoph Grabner, gestaltete sich als ein insgesamt unaufgeregter Austausch von Argumenten, mit nur gelegentlichen emotionalen Zwischentönen. Rein akustisch hielt sich der Applaus, den die einzelnen Redner erhielten, ziemlich in der Waage, ob die Beiträge nun zustimmend, ablehnend oder einfach nur kritisch waren, und auch bei den Wortmeldungen selbst dominierte keine bestimmte Richtung.

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Zunächst waren die Herren am Podium an der Reihe, ihre Einschätzung abzugeben. Auf der Kontra-Seite saßen Stadtmarketing-Experte Christian Klotz, der Sprecher der Bürgerinitiative (BI) Walter Wimmer und ÖDP-Gemeinderat Georg Huber, die Pro-Seite vertraten der Vorsitzende von Waging bewegt, Markus Oswald, Bürgermeister Herbert Häusl und der Passauer Architekt Fritz Gerstl. Gerstl stellte die Baumaßnahme auf dem rund 11 000 Quadratmeter großen Grundstück an der Ottinger Straße vor, die Firmenvertreter Andreas Stockinger (Rewe) und Ralph Schulte (Rossmann) lieferten ergänzende Details.

Gegner: Ortskern im Bestand gefährdet

Die ablehnende Seite führte vor allem ins Feld, dass die Märkte an der Ottinger Straße keinen Kopplungseffekt zur Ortsmitte hätten, dass Flächen und Angebot zu groß seien, als dass sich die Kunden nach ihrem Einkauf bei Rewe und Rossmann noch zu den Geschäften im Ort bemühen würden. So seien die Läden im Ortskern mittelfristig in ihrem Bestand gefährdet. Etwa in den Bereichen Spielzeug und Foto, wie vom Rewe-Vertreter ausdrücklich erwähnt, oder auch bei Geschenkartikeln und Bioprodukten sei die erwartende Konkurrenz übermächtig, hieß es: »Die Bioläden in Waging können nicht überleben, wenn die Großen das Geschäft abschöpfen.«

Pro Ansiedlung wurde als Argument angeführt, dass dann viele Menschen aus dem »riesigen Umland« nach Waging zum Einkaufen fahren würden, »nicht mehr wie bisher nach Traunstein«. Und die würden dann sicherlich auch noch das vielfältige Angebot in der Ortsmitte nutzen. Angesichts einiger Lücken, die sich im Geschäftsangebot innerorts bereits gebildet hätten und der Schließung eines Edeka-Marktes in ein paar Jahren müsse die Grundversorgung der Bevölkerung auch in Zukunft gesichert werden; darum sei die geplante Ansiedlung die einzig mögliche Lösung – zumal innerorts keine passenden Flächen zur Verfügung stünden.

Salzburger Straße nochmals in Gespräch gebracht

Diese Feststellung von Bürgermeister Häusl war dann Auslöser einer längeren Debatte, ob es nicht vielleicht doch andere Lösungen gebe oder gegeben hätte. Walter Wimmer berichtete von einer Vielzahl an Gesprächen, die er und seine Mitstreiter von der BI geführt hätten, unter anderem mit Netto, mit Edeka, mit Investor Martin Straßer. Dabei habe sich herausgestellt, dass das Grundstück an der Salzburger Straße durchaus noch für eine Marktansiedlung zur Verfügung stehen würde und dass auf der gegenüberliegenden Seite ebenfalls geeignete Flächen angeboten würden.

Dies wurde von verschiedenen Seiten angezweifelt. Auch seien die Flächen, wenn sie denn wirklich zur Verfügung stünden, für heutige Anforderungen zu klein. Diese Auffassung vertrat vor allem Architekt Gerstl, der aus seiner Erfahrung berichtete: Demnach steige der Flächenbedarf der Handelsfirmen enorm an, und die in der Ortsmitte möglicherweise verfügbaren Flächen würden diesen Anforderungen nicht genügen. Das wollte Wimmer so nicht akzeptieren; wenn alle zusammenhelfen und nach Alternativen suchen würden, meinte er, würden sich durchaus vernünftige Lösungen finden lassen.

Markus Oswald hat, wie er sagte, aus seinen Gesprächen den Eindruck gewonnen, dass die Mehrheit der Waginger Geschäftsleute für die Ansiedlung von Rewe/Rossmann sei. Dem gegenüber gibt es aber eine Unterschriftenaktion, bei der sich 20 Geschäftsinhaber, die große Mehrheit derer in der Ortsmitte, deutlich dagegen ausgesprochen haben. Bürgermeister Häusl sieht in der Ansiedlung von Rewe/Rossmann ein Positivum für den Tourismus, während Gemeinderat Georg Huber gerade dies als negativ betrachtet: Die Touristen suchten individuelle kleine Geschäfte, meinte er, nicht die gleichen, die sie auch bei sich zu Hause vorfinden.

Kern: »Der Ortskern wird leiden müssen!«

Nach gut eineinhalb Stunden Hin und Her am Podium kamen auch die Besucher zu Wort. Bund-Naturschutz-Kreisvorsitzende Beate Rutkowski sprach die zu erwartende Verkehrsbelastung an. Auch der hohe Flächenverbrauch für den Handel wurde kritisiert: Es gebe durchaus Anfragen von Gewerbebetrieben, denen man die Flächen an der Ottinger Straße anbieten könne. Der frühere Zweite Bürgermeister Hans Kern meinte, man solle sich die Neuansiedlung gut überlegen; denn schon der Slogan »Einmal hin, alles drin!« besage, dass für die Geschäfte in der Ortsmitte nicht mehr viel bleiben würde: »Der Ortskern wird leiden müssen!«

Längere Debatten entspannen sich im Zusammenhang mit den Sortimenten, die von den beiden Märkten angeboten würden, um Überschneidungen möglichst gering zu halten. Von Seiten der Gemeinde wurde geäußert, es gebe da eine Liste all dessen, was Rewe/Rossmann nicht verkaufen dürften. Aber es wurde auch eingeräumt, dass eine wirksame Kontrolle schwierig sei. Und gerade bei Randsortimenten sei ein Einfluss der Gemeinde kaum vorstellbar. Der Betreiber des Edeka-Marktes am Kreisverkehr, Manfred Peschka, hatte bei dem Termin am Vortag klipp und klar seine Meinung dazu erklärt: »Verabschiedet euch von dem Gedanken, Rewe reglementieren zu wollen; der verkauft das, was er will.« Das würde auch er so machen, das sei das Prinzip des »freien Kaufmanns«.

Ein Thema war noch die Gewerbesteuer, die die Gemeinde Waging zu erwarten habe. Sollte es da größere Erwartungen gegeben haben, die wurden enttäuscht. Bei Rossmann fällt die Gewerbesteuer am Standort der Zentrale an, bei Rewe könnte Gewerbesteuer am Ort anfallen, falls sich ein selbstständiger Kaufmann findet. Diesen gibt es allerdings noch nicht, wie auf Nachfrage erklärt wurde; aber man rechne sicher damit, dass sich passende Bewerber finden. Auch über Arbeitsplätze wurde gesprochen: Bis zu 45 Voll- und Teilzeitarbeitsplätze stellt Rewe in Aussicht, Rossmann bis zu 15. In die gegenteilige Richtung ging eine Äußerung ganz am Schluss: Konzerne wie Rewe drückten die Preise für landwirtschaftliche Produkte und tragen somit eine Mitschuld am Bauernsterben, wurde ihnen vorgeworfen.

Besondere Aufmerksamkeit bei Abstimmung notwendig

Am Schluss standen verschiedene Appelle, sich doch am Bürgerentscheid zu beteiligen. Jetzt sei es nicht mehr der Gemeinderat, der die Verantwortung für diese Entscheidung zu tragen habe, sondern die Bürgerschaft. Und es wurde dann noch das richtige Abstimmungsverhalten erläutert – das besonderer Aufmerksamkeit bedarf: Wer Rewe/Rossmann nicht haben will, stimmt mit Ja; wer für Rewe/Rossmann ist, muss mit Nein abstimmen. he

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